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StartseiteDeutschland heuteWarum Schleswig-Holstein tausende Container verschenkt10.10.2018

Kostenloser Wohn- und ArbeitsraumWarum Schleswig-Holstein tausende Container verschenkt

150 Millionen Euro hatte einst die Kieler Landesregierung zur vorübergehenden Unterbringung von Flüchtlingen investiert. Doch dann ging deren Zahl zurück und die Wohncontainer sollten verkauft werden. Das ging nur schleppend. Jetzt freuen sich andere über zusätzlichen Raum.

Von Johannes Kulms

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Sven Kasulke und seinen Kollegen wollen die Container für eine Jugendfeuer in Neumünster nutzen (deutschlandradio / Johannes Kulms)
Sven Kasulke und seinen Kollegen wollen die Container für eine Jugendfeuerwehr in Neumünster nutzen (deutschlandradio / Johannes Kulms)
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Hinter einem Bauzaun in Neumünster liegt ein ehemaliges Kasernengelände. Dahinter schlummern nicht nur alte Backsteingebäude der Bundeswehr. Sondern auch 20 weiße Geschenke des Landes Schleswig-Holstein.

"Das sind alles Wohncontainer, genau. Und wir haben auch noch ein, zwei Duschcontainer, die wir übernehmen konnten. Das sind alles neue, völlig unbenutzte Container, sie sind noch nie bezogen worden…"

Sven Kasulke ist der Leiter der Berufsfeuerwehr in Neumünster. Er und seine Kameraden gehörten 2015 zu den ersten in der Stadt, die kräftig mit anpackten, als klar war: Es kommen Flüchtlinge. Und zwar sehr viele.

"Weil, wir haben zum damaligen Zeitpunkt die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Schleswig-Holstein gehabt. Es gab damals keine andere, die war hier in Neumünster…"

Der Markt für Wohncontainer war übervoll

Nicht nur viele Helfer wurden damals händeringend benötigt. Sondern auch Container zur vorübergehenden Unterbringung der Flüchtlinge. Knapp 10.000 kaufte oder mietete die Landesregierung in Kiel an. Kostenpunkt: Rund 150 Millionen Euro.

Doch als die Zahl der ins Land kommenden Flüchtlinge sank, wurden auch die Container immer seltener gebraucht. Der Weiterverkauf erwies sich als schleppend, der Markt war übervoll. Und so entschied sich das Land vor anderthalb Jahren dazu, einen Teil der Container zu verschenken - an Hochschulen, die Justiz, Vereine. Oder die Feuerwehr. In Neumünster sollen die 20 überlassenen Kästen helfen, eine Jugendfeuerwehr aufzubauen.

Doch dafür braucht der oberste Brandschutzbekämpfer der Stadt eine Baugenehmigung. Und die gibt es nicht ohne die entsprechenden Unterlagen von den Behörden.

"Die haben sich da auch kooperativ gezeigt, die richtigen Papiere zu finden, aber das war unheimlich schwierig möglich, weil sie nicht sortenrein waren. Das heißt, sie haben natürlich `n riesengroßes Portfolio unterschiedlichster Container da gehabt und es war sehr, sehr schwer, bei der Masse die richtigen Papiere zu finden, das haben wir wirklich ´über `n relativ langen Zeitraum versucht…"

Die Container haben in der Zwischenzeit an einigen Stellen ihr Aussehen verändert. Das Weiß wird nun ergänzt durch Moos- und Rostfarbtöne. Alles nicht so schlimm, meint Sven Kasulke, dessen Feuerwehr inzwischen einen Statik-Experten beauftragt hat, um so doch noch an die nötigen Papiere zu kommen.

Brandschutz und administrative Hürden

Andere Interessenten scheinen weniger geduldig und haben in den letzten Monaten immer wieder die administrativen Hürden beklagt auf dem Weg zum kostenlosen Container für gemeinnützige Zwecke.

Seit 2012 ist Monika Heinold Schleswig-Holsteinische Finanzministerin. In dieser Zeit musste sich die Grünen-Politikerin vor allem mit der Abwicklung der HSH Nordbank rumschlagen. Und eben auch der Frage, was das Land mit seinen Containern unternimmt.

"Bei den Containern hat es letztendlich wirklich Spaß gebracht, weil wir viele eben auch glücklich gemacht haben, weil sie eben jetzt die Möglichkeit gekriegt haben, günstig einen Container zu erhalten."

Zwar sind derzeit erstmal keine neuen Container zu verschenken. Doch bald könnte wieder eine große Ladung freigegeben werden. Und auch dann dürften sich wieder viele Interessenten melden. Vielleicht ließe sich das ganze Verfahren etwas unbürokratischer gestalten? Die Finanzministerin pocht auf die Vorschriften. Zum Beispiel beim Brandschutz.

"Stellen Sie sich vor, wir geben einen Container frei, dort werden Kinder untergebracht am Nachmittag und dann passiert was und der Brandschutz ist nicht geprüft, dann würden wir uns zurecht maximalen Vorwürfen aussetzen und das wollen wir nicht."

Lehrveranstaltungen in umgebauten Containern

1.200 Container sind inzwischen an die Hochschulen in Schleswig-Holstein abgegeben worden. Zum Beispiel an die FH Kiel. Dort verfolgen seit wenigen Wochen die ersten Studierenden im lange ersehnten Studiengang für Bauingenieure ihre Lehrveranstaltungen in umgebauten Containern.

"Ich hatte, wenn ich das Wort Container höre, auch was ganz anderes im Kopf…", räumt Lars Appel ein, der an der der Kieler Fachhochschule das Institut für Bauwesen leitet.

"Aber als ich diese Gebäude gesehen habe, man sieht hier diese schicke Aluverkleidung, das sieht jetzt auf den ersten Blick überhaupt nicht aus wie so `n klassischer Container wie man ihn kennt. Sie sind auf `ner massiven Betongründung, das sieht alles sehr massiv und stabil aus…"

Tatsächlich hält sich im Inneren des Gebäudekomplexes das Containergefühl in Grenzen, wozu auch die vielen hellen Holzbalken beitragen dürften.

Auch Moaaz Al-Hussein büffelt seit kurzem in den neuen Räumen. Der 22-Jährige kam vor drei Jahren als Flüchtling aus Syrien und freut sich, dass er nun in Kiel sein Studium als Bauingenieur fortsetzen kann. Hat er damals auch in einem Container gewohnt? Moaaz Al-Hussein schüttelt den Kopf.

"Ja, nicht im Container sozusagen, ja, im Wohnheim. Container nicht!"

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