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Kraftstoff von der Kippe

Umwelt. - In landwirtschaftlichen Betrieben ist es ein gängiges Verfahren: Gülle, Stallmist und Ernte-Reste landen in einem großen Silo, werden vergoren und heraus kommt Methan, ein Brennstoff, mit dem man Strom erzeugen kann. Auf dem Weltkongress für Erneuerbare Energien in Florenz wurden jetzt Konzepte vorgestellt, aus Müll Kraftstoff zu gewinnen. Für Autobusse zum Beispiel, aber auch eine Rückkehr der Dampfschiffe ist denkbar.

Von Volker Mrasek | 23.08.2006

    Vor kurzem erst hat London endgültig seine alten Roadmaster ausrangiert: die berühmten Doppeldecker-Busse mit der offenen Plattform. Doch auch die modernen Nachfolgemodelle könnten schon bald zum alten Eisen gehören. Diese Vision haben einige weitsichtige Energie-Experten in der Stadt, darunter der Physiker und Umwelttechnologe David Joffe vom Imperial College in London:

    " Wir haben im Moment drei Busse, die mit Wasserstoff fahren. Das gehört zu einem europäischen Demonstrationsprojekt für sauberen Stadtverkehr. In den nächsten vier Jahren sollen noch einmal zehn Fahrzeuge hinzukommen. Wenn London 2012 die Olympischen Spiele ausrichtet, werden vielleicht an jeder Straßenecke Wasserstoff-Busse zu sehen sein."

    In London ist eine Pro-Wasserstoff-Initiative entstanden. Politiker, Verkehrsplaner und Wissenschaftler haben ehrgeizige Pläne, wie David Joffe jetzt in Florenz schilderte:

    " Wir glauben, dass wir es bis 2020 schaffen können, alle 8000 Busse in London mit Wasserstoff zu betreiben."


    Erstaunlich ist dabei, woher der Wasserstoff kommen soll: geradewegs von Londoner Müllkippen!
    In der englischen Hauptstadt soll der Diesel-Ersatz aus organischen Siedlungsabfällen gewonnen. werden, sprich: aus Kompost und Küchenresten, die bisher nicht wiederverwertet oder sonstwie genutzt werden. Technisch ist das kein Problem. Man steckt den Restmüll in einen großen Vergaser, und der verwandelt ihn bei genügend hoher Prozesstemperatur in ein so genanntes Synthese-Gas. Es enthält Kohlenmonoxid, Kohlendioxid und Methan - vor allem aber viel Wasserstoff, den man abtrennen und so weit reinigen kann, dass er zum Sprit für Brennstoffzellen-Fahrzeuge taugt. Joffe:

    " Das erste Projekt ist gerade in der Planung. Spätestens in zwei Jahren soll im Osten der Stadt die erste Anlage laufen, die Restmüll vergast, ganz in der Nähe der Themse. Es geht dann schrittweise weiter, bis 2020. Dann soll es 14 oder 15 solche Müll-Vergasungsanlagen in London geben. Jede von ihnen könnte bis zu 100.000 Tonnen Restabfälle im Jahr verarbeiten. Auf diese Weise kann man ordentliche Mengen Wasserstoff erzeugen. "

    Müll werde auch anderswo vergast, sagt Joffe. Heute schon, zum Beispiel in Deutschland oder Spanien. Doch bisher gehe es lediglich um die Gewinnung und Verwertung des Synthesegases. London sei jetzt die erste Großstadt, die einen Schritt weiter gehe und den Abfall in sauberen Sprit für den städtischen Nahverkehr verwandelt

    Eine junge italienische Firma hat sich nun sogar vorgenommen, Deponieabfall auf See zu verbrennen - um damit Schiffe anzutreiben. Die sollen nicht mit Brennstoffzellen fahren, sondern mit Dampfmotoren. Stefano Zappala, einer der Direktoren des in Rom ansässigen Unternehmens:

    " Statt auf die Deponie geht der Müll in den Hafen und wird in Standard-Containern auf das Schiff verladen. An Bord befindet sich ein großer Boiler, in dem aus dem Abfall bei hohen Temperaturen Dampf erzeugt wird. Der geht dann in eine Dampfturbine, und die treibt Schiffsgenerator und Schrauben an."

    Die Italiener machen eine interessante Rechnung auf. In Europa, sagen sie, landen jedes Jahr mehr als 200 Millionen Tonnen Haus- und Industriemüll auf der Deponie. Würde man nur ein Zehntel davon abzweigen, reichte das für eine Flotte von 100 großen Containerschiffen. Die wären zwar teurer als Diesel-getriebene Frachter, hätten aber keine Brennstoffkosten mehr. Im Gegenteil: Die Reedereien bekämen sogar noch Vergütungen dafür, dass sie Müll an Bord verfeuern.

    Der Schiffsbau ist allerdings eine langwierige Angelegenheit. Es gibt zwar bereits Interessenten für den neuen Abfall-Antrieb, sagen seine römischen Entwickler. Doch mit dem ersten Prototypen eines Müll-befeuerten Frachters rechnen sie frühestens in fünf Jahren.