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Krawalle
Autonome randalieren in Leipzig

Polizeistationen, Amtsgericht, Ausländerbehörde: Seit Jahresbeginn häufen sich in Leipzig Gewaltaktionen von Linksautonomen. Der von SPD, Grünen und Linken dominierte Stadtrat ist sich uneins, wie er darauf reagieren soll - und lässt damit jene allein, die unvermittelt zwischen die Fronten geraten.

Von Thomas Datt | 23.07.2015

    "Es passiert mehrfach im Jahr, dass hier die Scheiben mit Steinen beworfen werden. Meistens erwischt es mich mit, weil die wollen ja jemand anderes treffen, aber bin halt nun mal der Nachbar."
    Dieter Kalka steht vor seiner Praxis im Leipziger Stadtteil Connewitz und schaut sichtlich verärgert.
    "Also, manchmal komme ich ja früh hin und frage: Steht es denn noch? Kann ich noch rein, es gab ja auch schon einen Brandanschlag und da bin ich gerade mit 'nem blauen Auge davongekommen."
    Bevor im vergangenen Jahr hier in der unscheinbaren Einkaufspassage neben Kalkas Praxis die Polizei einzog, hatte der 58-jährige Logopäde auch schon Ärger: Da war in den Räumlichkeiten das Bürgeramt untergebracht. Immer wieder wurde es nachts als Symbol des Staates attackiert, immer wieder hatte es da auch schon Kalka erwischt. Ausgerechnet ihn: Kalka hatte schon in der DDR als Liedermacher und Dichter gegen den Apparat opponiert. Den Altlinken befremdet dieser Hass der Autonomen.
    "Ich gehöre zu den kritischen Geistern, die damals ja den Staat zu Fall gebracht haben. Und jetzt sehe ich, wie Leute einfach blind ihre Wut rauslassen an irgendjemandem, der grad halt im Weg rumsteht, und der bin halt unter anderem auch mal ich."
    Zunehmende Gewaltaktionen
    Seit Jahresbeginn häufen sich in Leipzig präzise vorbereitete Blitzaktionen von Linksautonomen. Im Januar griffen 30 Vermummte den Polizeiposten im subkulturell geprägten Connewitz an, warfen 70 Steine gegen die Scheiben. Doch nicht nur das: Stemmspuren zeigen, dass versucht wurde, die Tür aufzuhebeln.
    Die beiden Beamten mussten ein halbes Jahr psychologisch betreut werden. Ein Kollege, der dort auch Dienst tut, will darüber sprechen, seine Stimme aber nicht im Radio hören - sein Chef mag keine klagenden Beamten. Eine Frage beschäftigt den Polizisten noch immer.
    "Was wäre passiert, wenn sie es geschafft hätten? Wollten sie den Molli, der im Streifenwagen auf dem Hof landete, eigentlich in den Raum schmeißen? Die Kollegen von außen kamen zu spät. Du hast keine Chance. Das geht ratzfatz."
    Es folgten nächtliche Anschläge in anderen Stadtteilen. Auch das Amtsgericht, die Staatsanwaltschaft und die Ausländerbehörde wurden angegriffen. Höhepunkt war dann ein abendlicher Auftritt von 100 Vermummten. Sie warfen Scheiben des Bundesverwaltungsgerichts ein und gingen auf Streifenpolizisten los, die das US-Konsulat bewachten.
    "Es kotzt uns an. Der Aufstand wird kommen", stand auf dem Transparent, das die Randalierer mitführten - und dazu Stichwörter: Troika, G-7, Frontex, Leipzig, Deutschland. Der Leipziger Gewaltforscher Alexander Leistner erkennt in der Aktion vor allem einen Mangel an Selbstreflexion.
    "Irritierend war, dass sie ohne politische Forderung auskam, dass es eine stumme Gewalt war, die sich nicht die Mühe macht, die intellektuelle Mühe zu erklären. Gepaart der 'es kotzt uns an'-Gestus mit dem Schweigen über politische Forderungen, der legt es nahe, dass man sehr, sehr zugespitzt von Wutautonomen sprechen könnte fast, wo Wut nicht mehr der Auslöser und das Motiv ist, sich politisch zu engagieren, sondern wo Wut selber zur Aktionsform wird, offenbar Selbstzweck."
    Der Ton wird schärfer
    Im Internet veröffentlichte Bekennerschreiben drücken vor allem Hass gegen die Polizei aus. Das hat auch die linke Landtagsabgeordnete Juliane Nagel aufgeschreckt. Ihr wird von politischen Gegnern oft eine ungesunde Nähe zu Linksradikalen vorgeworfen.
    "Was aber auf jeden Fall neu ist und was auch ein bisschen beängstigend ist, ist der drohende Ton, der dort angeschlagen wird gegen Polizisten, denen das Menschsein abgesprochen wird. Wo quasi schon in den Raum gestellt wird, dass ihr Leben nichts wert ist, was man jetzt vielleicht auch als Todesdrohung lesen könnte."
    Woher rührt dieser Hass? Ein Insider schildert, dass sich bei den Linksautonomen einiges angestaut hat – auch er möchte nicht, dass man ihn erkennt:
    "Es passieren derzeit so viele Sachen, die absolut abzulehnen sind. Flüchtlingspolitik, Montags-Legida, Polizeiaktionen in Stadtteilen und beim Fußball. Da sagen Leute, dagegen werden wir uns wehren. Und jüngere Menschen sind natürlich auch wütender."
    Linke Ultra-Fans des Fußballklubs BSG Chemie fühlen sich von der Bereitschaftspolizei schikaniert. In mehreren Stadtteilen wurden in den vergangenen Jahren anlasslose Personenkontrollen ausgeweitet. Bei den Demonstrationen des Pegida-Ablegers Legida engte die Polizei den Gegenprotest ein, teilweise mit unverhältnismäßiger Härte.
    Überforderte Politik
    Leipzigs Stadtrat wird von SPD, Linken und Grünen dominiert. Er hat bisher keine einheitliche Position zu den Krawallen gefunden.
    Oberbürgermeister Burkhard Jung, SPD, bezeichnete die gewalttätigen Linksautonomen als "nur einen Hauch vom terroristischen Untergrund" entfernt. Die Linkenpolitikerin Juliane Nagel hält diese Einschätzung allerdings für Unsinn. Nagel gibt den sogenannten "sächsischen Verhältnissen" eine Mitschuld für die derzeitige Situation. Jahrelang sei zum Beispiel friedlicher Protest gegen Neonazi-Aufmärsche immer wieder kriminalisiert worden. Aber auch Nagel weiß: Es kommt darauf an, dass die Autonomen in Leipzig ihr Verhältnis zur Gewalt überdenken und die Linke eine überfällige Debatte führt.
    "Wenn man linke politische Ziele, Sozialismus oder Kommunismus will, dass der Weg auch das Ziel sein muss und dass eine totale Verrohung in den Mitteln nicht am richtigen Ziel landen kann. Insofern frage ich mich eher, ob die Leute das als Sport betreiben oder ob sie tatsächlich noch das Ziel oder die Gesellschaft, die sie verändern wollen, im Blick haben."
    Nach den jüngsten Krawallen hat die Polizei eine Sonderkommission eingerichtet. Mit schnellen Ermittlungserfolgen, wenn überhaupt, ist kaum zu rechnen - die Beweislage ist schwierig, die Szene in Leipzig gilt als absolut verschwiegen.
    Das weiß auch der Logopäde Dieter Kalka. Er will sich dennoch nicht aus Connewitz vertreiben lassen – auch wenn er dafür eingeschlagene Fenster hinnehmen muss:
    "Nun ist das eigentlich 'ne angenehme Ecke mit angenehmen Menschen, die hier zu mir kommen. Und die Kinder sind toll und auch der Vermieter. Da gibt es keine Klagen, warum soll ich eigentlich weggehen?"