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Krebs und die Heilungschancen

Medizin. - Krebs, eine Diagnose die Angst macht. Begründete Angst, schließlich sind Tumore für rund ein Viertel aller Todesfälle in Deutschland verantwortlich. Trotzdem ist Krebs nicht automatisch ein Todesurteil. Diese Botschaft möchten die Wissenschaftler und Forscher auf dem Deutschen Krebskongress in Berlin vermitteln.

Von Volkart Wildermuth | 20.02.2008

Auf dem Feld der Tumorerkrankungen gibt es zwei über Jahre stabile Trends. Erstens steigt die Zahl der Krebsfälle langsam an, vor allem weil die Bevölkerung immer älter wird. Gerade wurden die Zahlen für 2004 veröffentlicht. In diesem Jahr erkrankten 436.500 Deutsche an Krebs, das sind rund fünf Prozent mehr als 2002. Ein Anstieg der vor allem auf den immer häufigeren Prostatakrebs bei Männern zurückgeht. Das ist die schlechte Nachricht, in der Studie "Krebs in Deutschland" finden sich aber auch gute Neuigkeiten: Obwohl die Diagnose Krebs häufiger wird, sterben dennoch weniger Menschen an den Tumoren. Auch dieser erfreuliche Trend ist seit vielen Jahren stabil. 2004 lagen die Überlebensraten von krebskranken Frauen im Vergleich zu gesunden Frauen bei 60 Prozent, die der Männer bei 53 Prozent. Das aber sind nur Mittelwerte, betont Dr. Ute Wolf vom Robert Koch Institut. Einige Krebsformen sind deutlich besser zu behandeln als andere Tumoren.

"Zum Beispiel bei Brustkrebs ist eine deutlich günstigere Überlebenswahrscheinlichkeit zu verzeichnen, die so etwa bei 81 Prozent liegt und es gibt natürlich Krebserkrankungen, wo die Überlebenswahrscheinlichkeiten immer noch sich sehr ungünstig abzeichnen, so bei der Bauchspeicheldrüse und bei Lungenkrebs und bei Speiseröhrenkrebs."

Hier können die Ärzte den Verlauf der Erkrankung nur etwas abbremsen, die Schmerzen lindern, aber den Tumor nicht stoppen. Für die Fortschritte zum Beispiel beim Brustkrebs gibt es viele Gründe. Anhand von Gewebeproben können die Pathologen ganz genau bestimmen, was das Wachstum dieses speziellen Krebses bei dieser speziellen Patientin antreibt. Die Ärzte behandeln dann nicht mehr nach Schema F, sondern verwenden Medikamente, die gezielt die Achillesferse dieses Tumors angreifen.

Allerdings gibt es noch längst nicht für alle Spielarten der verschiedenen Krebsformen auch tatsächlich schon die passenden Wirkstoffe. Sie haben sich vor allem bei Brusttumoren, den Leukämien und einigen eher seltenen Krebsarten bewährt. Bei anderen Tumoren verläuft der Fortschritt dagegen eher schleppend. Entscheidend für den Erfolg der Therapie ist, dass Onkologen, Chirurgen und Strahlentherapeuten wirklich an einem Strang ziehen. Ihre Zusammenarbeit ist in den sogenannten Tumorzentren dank strikter Leitlinien gesichert. Derzeit gibt es 163 zertifizierte Brustkrebszentren, 43 Zentren für Darm- und 18 für Prostatakrebs. Für die dort garantierte Qualität in der Behandlung müssen die Patienten allerdings auch einen gewissen Weg auf sich nehmen. Doch das lohnt sich, meint Kongresspräsident Professor Manfred Kaufmann.
"Ich bin sicher, dass etwa fünf bis zehn Prozent allein durch diese Strukturbildung an Sterblichkeitsverringerung erzielt werden kann. Vielleicht noch ein anschauliches Beispiel. Eine heute 50jährige Frau mit Brustkrebs hat eine doppelt so hohe Überlebenswahrscheinlichkeit wie ihre Mutter, die an Burstkrebs erkrankt war. Man kann davon ausgehen, dass die Tochter dieser Frau, die heute an Brustkrebs erkrankt ist, nochmal eine weitere 50prozentige Reduktion der Sterblichkeit hat."

Damit diese Prognose auch tatsächlich eintritt, sind weitere Fortschritte in der Medizin ebenso nötig wie das Engagement der heute Gesunden. Die Ärzte werben für regelmäßigen Sport, vor allem aber für die Früherkennungsprogramme. Die sind aber nicht unumstritten. Die Mammografie der Brust zeigt zum Beispiel immer wieder Tumore an, wo dann später gar keine gefunden werden. Die besseren Heilungschancen bei den tatsächlich früh erkannten Tumoren werden also erkauft durch eine unnötige Beunruhigung vieler eigentlich gesunder Frauen. Ähnliches gilt auch für die Früherkennung des Prostatakrebses. Letztlich muss jeder selbst Vor- und Nachteile abwägen. Die meisten setzten sich aber mit dem Thema Früherkennung erst gar nicht auseinander, bedauert Professor Peter Schlag von der Berliner Krebsgesellschaft.

"Wenn man täglich mit Patienten umgeht und fragt, warum waren sie denn nicht: 'Naja wenn ich Krebs hab, dann ist es sowieso schon zu spät, und dann wart ich lieber.' Das ist sicher bei der Mehrzahl unserer Bevölkerung noch in den Köpfen und das ist ganz wichtig, wir können zwar so viel für Früherkennung postulieren, wenn wir nicht die Einstellung dazu ändern können, dann wird uns das nichts helfen."