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Krebs und Naturheilkunde

Menschen, die an Krebs erkrankt sind, wollen alles tun, um ihre Heilungschancen zu verbessern. Doch was ist wirklich sachkundig überprüft und wirksam? Der Komplementärmedizin Kongress in Köln informiert über den aktuellen Entwicklungsstand.

Von Renate Rutta | 23.11.2010
    "Wir sind ja hier bei einem Workshop für Bewegung und Sport bei Krebserkrankungen. Deswegen stellen Sie Sich mal schön aufrecht in den Raum und dann beginnen wir erstmal den Kreislauf zu mobilisieren, indem wir uns mal recken und strecken, die Arme über dem Körper ausstrecken","

    sagt Diplom-Sportwissenschaftlerin Constanze Handmann von der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Kliniken Essen-Mitte. Wieder zu Kräften kommen und mit Freude gemeinsam in Bewegung kommen war ihr Motto.

    ""Und mal über dem Kopf die Hände öffnen und schließen und hier die Muskelpumpe aktivieren, um bspw. ein Lymphödem zu mindern, dadurch dass die aktivierte Muskulatur den Lymphfluss ins Fließen bringt."

    Bei Lymphödemen aber auch bei Knochenmetastasen kann körperliche Aktivität einen positiven Einfluss haben: Bewegung hält die Knochen stabil. Doch das Wichtigste ist: Das verloren gegangene Selbstvertrauen in den eigenen Körper wird durch Sport langsam zurückgewonnen. Uneingeschränkter Zuspruch von den Experten also für Bewegung und eine gesunde Ernährung mit viel frischem Obst und Gemüse und wenig Fleisch.

    Professor Josef Beuth vom Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren an der Universität zu Köln warnt aber vor hoch dosierten Vitaminpräparaten und Spurenelementen während Chemo- und Strahlentherapie:

    "Und zwar deshalb: Chemo- und Strahlentherapien beruhen auf sogenannten oxidativen Effekten. Wenn man hoch dosiert antioxidative Vitamine oder Spurenelemente dazu gibt, dann kann man die Wirksamkeit von Chemo- und Strahlentherapie mindern und das ist eine Katastrophe."

    Professor Beuth warnt unter anderm auch vor Thymustherapie, Organpeptidtherapie, Ozontherapie und weiteren bedenklichen Außenseitermethoden.

    "Es gibt eine Menge an Dingen, die nicht gut sind: Ich würde mal sagen rund 90 Prozent aller naturheilkundlichen Maßnahmen sind leider nicht so auf Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit überprüft, wie wir das gerne hätten."

    Klar ist: Komplementärmedizin ist nicht die Alternative zur Standard-Krebstherapie, sondern eine Ergänzung, die Nebenwirkungen reduzieren kann. So etwa das Spurenelement Selen sowie pflanzliche Enzyme aus der Ananas und der Papaya, die Professor Beuth während Chemo- und Strahlentherapie empfiehlt:

    "Wir haben damit große Studien gemacht. Damit kann man eine Menge an Nebenwirkungen reduzieren. Und die dritte Komponente, die wir seit einigen Jahren zur Chemo- und Strahlentherapie empfehlen, ist ein Linsenextrakt, also auch eine pflanzliche Komponente. Denn wir wissen, mit Linsenextrakten können Haut und Schleimhäute stabilisiert und feucht gehalten werden, was natürlich ein Rieseneffekt ist für viele Tumorpatienten."

    Selbst etwas tun, selbst aktiv werden, die seelische Balance wieder finden nach der angstauslösenden Diagnose Krebs - Arndt Büssing, Professor für Integrative Medizin der Universität Witten/Herdecke weist darauf hin, dass laut einer Studie 40 Prozent der Patienten mit ihrem Arzt über diese Dinge sprechen möchten.

    "Eine einfache Frage an den Patienten: Was trägt Dich eigentlich heute? Was ist Dir heute wichtig in Deinem Leben? Ganz viele sagen, sie hätten noch nie darüber nachgedacht. Das ist doch erschreckend. Und da ist es auch für konventionelle Ärzte eine Möglichkeit, erstmal einen Klärungsprozess einzuleiten.

    Wenn es Studien gibt oder Erfahrungen, dass bestimmte spirituelle Ressourcen für einen Patienten wichtig sind, dass er seine Krankheit anders sehen kann, nicht nur als fatales Ereignis, sondern als Chance, bestimmte Dinge neu zu machen, neu zu werten, vielleicht auch bewusster mit seinem Leben umzugehen, dann ist schon eine ganze Menge gewonnen. Dadurch wird vielleicht der Tumor nicht sofort kleiner, aber der Umgang mit der Erkrankung wird deutlich besser."