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Krebstherapie Informationen aus Tumorzellen im Blut können Biopsie ersparen

Für die richtige Krebstherapie benötigen Ärzte Informationen über den Tumor. Bisher helfen hier nur Gewebeproben durch Biopsien. Da das schmerzhaft für die Patienten ist und sich Tumorzellen ständig verändern, haben Bostoner Forscher nun einen Weg gefunden, Krebszellen aus dem Blut zu kultivieren.

Von Katrin Zöfel | 14.07.2014

Im Haema Blutspendedienst in Frankfurt (Oder) (Brandenburg) hängt eine Blutkonserve, aufgenommen am 26.03.2014
Die Forscher aus Boston haben von 36 Brustkrebspatientinnen Blutproben genommen, die Krebszellen aus dem Blut kultiviert und überprüft. ( dpa-Zentralbild / Patrick Pleul)
Shyamala Maheswaran ist Spezialistin für Brustkrebs am Massachusetts General Hospital in Boston. Sie forscht dort weiter, wo Ärzte in der Therapie an Grenzen stoßen. Bei Brustkrebs ist diese Grenze oft dann erreicht, wenn sich neben dem ersten Tumor in der Brust schon an anderen Stellen im Körper Metastasen gebildet haben. Die Krebszellen haben dann oft längst völlig neue Eigenschaften entwickelt, ganz andere als der primäre Tumor:
"Tumorzellen verändern sich ständig. Damit man sie mit Therapien wirklich bekämpfen kann, muss man aber wissen, welche Eigenschaften sie in dem Moment gerade haben."
Ideal wäre es für Ärzte also, wenn sie die Entwicklung des Tumors ständig mitverfolgen könnten. Doch ihre Hauptinformationsquelle sind bisher Biopsien, also Gewebeproben aus dem Tumor, deren Entnahme sie ihren Patienten so selten wie möglich zumuten wollen. Shyamala Maheswaran und ihre Kollegen schlagen eine Alternative vor:
"Krebszellen im Blut sind Abbild der verschiedenen Tumore"
"Zellen, die der Tumor in den Blutkreislauf abgibt, nennen wir zirkulierende Tumorzellen. Sie kommen vom Primärtumor in der Brust, aber auch von Metastasen im Gehirn, in den Knochen, der Lunge oder der Leber, egal, wo sich schon welche entwickelt haben. Die Krebszellen, die wir im Blut finden, sind ein Abbild all dieser verschiedenen Tumoren."
Auf eine Milliarde Blutzellen kommt im Schnitt aber gerade einmal eine einzige Tumorzelle. Sie zu finden, ist also nicht gerade leicht. Die Forscher aus Boston haben dafür eine Art Chip entwickelt. In drei hintereinandergeschalteten Sortierstationen werden die Tumorzellen Schritt für Schritt von den Blutzellen getrennt. Diesen Chip zu entwickeln, war schon kompliziert genug, erzählt die Wissenschaftlerin, doch die nächste Herausforderung sei nicht viel kleiner:
"Menschliche Tumorzellen im Labor zu kultivieren, ist sehr, sehr schwierig. Es ist schon nicht leicht, wenn man, wie bei einer Biopsie, Millionen von Zellen in einer Gewebeprobe hat und daraus eine Zellkultur anlegen will. Aber wir haben nur ja ein paar einzelne Zellen."
Neue Informationsquelle für Krebsforscher
Von 36 Brustkrebspatientinnen hatten die Forscher Blutproben genommen. Erfolgreich kultivieren konnten sie bisher nur Zellen von insgesamt sechs Patientinnen. Die Zellen zu kultivieren ist aber notwendig, um sie auf ihre Eigenschaften hin durchzuprüfen. Bis in einem Jahr etwa wollen die Bostoner Forscher die Kulturbedingungen soweit verbessert haben, dass sie die Tumorzellproben von 80 oder 90 Prozent aller Patientinnen erfolgreich kultivieren können.
Die Methode aus Boston ist nicht die einzige neue Informationsquelle, die Krebsforscher versuchen anzuzapfen, sagt Larry Norton vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York. Im Blut von Patienten finden sich außerdem freie DNA-Moleküle, also Erbmaterial direkt aus den Tumorzellen, und sogenannte Exosome, kleine Lipidbläschen, die neben Erbmaterial auch tumortypische Eiweiße enthalten.
"Welche Methode am Ende die besten Informationen liefert, das können wir noch nicht wissen. Sicher ist aber, es sind sehr aufregende Zeiten für Krebsforscher, denn wir werden bald Details über die Tumore eines Patienten erfahren können, ohne dass wir eine Biopsie brauchen."