Drei junge Sowjetsoldaten patrouillieren durch menschenleere Straßen. Es ist Krieg. Grau und regennass sind Häuser und Himmel; sowieso ist dies ein Schwarz-Weiß-Film. Die drei entfernen sich, werden kleiner. Jetzt haben sie sich umgewendet und kommen der Kamera wieder entgegen. Sie tragen keine Uniformen mehr, sondern modernes Zivil, eines der drei ist ein Mädchen. Schäkernd trollen sie die Straße entlang. Eine Gruppe junger Leute, partymäßig gestimmt, erscheint vom unteren Bildrand her
Es sind die Kinder der Soldaten, sie sind jetzt 20. Sergej hat seinen Wehrdienst abgeleistet, Chrustschow braucht nicht mehr so viele Soldaten wie Stalin - was wartet zuhause auf ihn? Eine frühe Ehe, Arbeit im Betrieb. Für alles ist gesorgt und das Dasein wohlsortiert. "Ich bin 20 Jahre alt" von Marlen Chuciev zeigt eine Jugend, die nicht rebelliert, aber ein Ungenügen spürt. Ihr Dasein unterscheidet sich so lähmend von der sinnerfüllten Existenz ihrer Heldenväter, von denen die meisten wegen Heldentod gar nicht mehr da sind. Chucievs Film ist "das Zentralmassiv der Tauwetter-Periode". Bekannte Dichter und Regisseure, unter ihnen Andrej Tarkowski, mischten sich unter die Darsteller, zum Beispiel in einer großen Partyszene, hier wurde sie gefeiert, die Tauwetter-Periode, die nach Stalins Tod und bis zur neuerlichen Vereisung unter Breschnew den sowjetischen Film von der Leine ließ, die erste Freiheit nach den Filmkunst-Experimenten der revolutionären 20er-Jahre. Was nicht heißt, dass die große unzensierte Freiheit angebrochen war. Ziemlich schnell jedenfalls verschwand Marlen Chucievs Film "Juli-Regen" über eine junge städtische Intelligentsia, die in Lena und Volodja eine wenig beispielgebende Entschlusslosigkeit an den Tag legt. Parties und Ausflüge, eitle Selbstdarstellung, leere Gespräche zeigen die Freunde in ähnlichem Licht; Herzlichkeit und Entschiedenheit verkörpert nur, als Vertreterin der Kriegsgeneration, Lenas Mutter. Mit "Juli-Regen" zeigte sich ein russisches Kino, das den Anschluss an den Westen, namentlich Frankreich, deutlich suchte und fand.
In anderen Filmen lebte die pathetische Tradition der Traktoristen-Maschinisten-Soldaten-Feier fort. Vor allem der große vaterländische Krieg warf seine Schatten. Michail Kalatozovs trauriges Epos "Wenn die Kraniche ziehen" wurde in Cannes ausgezeichnet und weltbekannt. Grigorij Cuchrajs "Ballade vom Soldaten" erzählt ebenso wenig von ruhmreichen Taten, stellt aber patriotisch den Zusammenhalt des Volks hinter den Linien heraus. Damit konnte die Zensur leben, nicht aber mit der markerschütternden Wucht von Aleksandr Askoldovs Film "Die Kommissarin"
Klavdia Vavilova, Kommissarin der Roten Armee im Bürgerkrieg, ist unzeitig schwanger geworden und hat sich zum Gebären bei einer jüdischen Familie einquartiert. In den Wehen phantasiert sie, in die bisher so stillen, intensiven Groß- und Nahaufnahmen vom Dorfleben stößt die rauschhafte, tollkühn gefilmte Erinnerung an eine Reiterschlacht. Dass hier eine Vorlage des großen - und verbotenen - Chronisten der Sowjetgeschichte, Wassilij Grossmann, verfilmt werden konnte, war ein Wunder, das nicht lange hielt: der Film landete im Eisfach. Dabei geht hier ideologisch doch alles in Ordnung, die Kommissarin verzichtet für die Revolution auf ihr Kind? Aber da ist diese bedrückende visionäre Szene, in der die Judenvernichtung vorausgesehen wird – sie mag im latent antisemitischen Sowjet-Klima missfallen haben.
Bei anderen Filmen wurde eher die Kleinheit der Geschichte zum Verhängnis: So wertfrei-realistisch, so schmuddelig und direkt wie zum Beispiel in "Asjas Glück" sah man das Leben der Kolchos-Traktoristen lieber nicht, dafür ist dieser Film heute ein aufschlussreiches und liebenswertes Poem.
Groß ist alles in Michail Kalatozovs "Soy Cuba" – "Ich bin Kuba" . Das hat man noch nicht gesehen, was Sergej Urusevskis Kamera hier vollbringt; wie sie über die Terrassen einer Strandbar fährt, wie sie hineinkriecht in Wasserfontänen, Rauchwolken, Gesichter, Dickichte und Explosionen, wie verschwimmende Erinnerungsbilder alles Nötige zur Geschichte eines landlosen Zuckerrohrarbeiters sagen. Aber Regisseure in der Sowjetunion waren nie sicher vor den Wendungen der politischen Wetterlage. "Soy Cuba" wurde dummerweise 1964 fertig, als das Verhältnis zum Bruderstaat gerade abkühlte und verschwand bald von der Bildfläche.
Es sind die Kinder der Soldaten, sie sind jetzt 20. Sergej hat seinen Wehrdienst abgeleistet, Chrustschow braucht nicht mehr so viele Soldaten wie Stalin - was wartet zuhause auf ihn? Eine frühe Ehe, Arbeit im Betrieb. Für alles ist gesorgt und das Dasein wohlsortiert. "Ich bin 20 Jahre alt" von Marlen Chuciev zeigt eine Jugend, die nicht rebelliert, aber ein Ungenügen spürt. Ihr Dasein unterscheidet sich so lähmend von der sinnerfüllten Existenz ihrer Heldenväter, von denen die meisten wegen Heldentod gar nicht mehr da sind. Chucievs Film ist "das Zentralmassiv der Tauwetter-Periode". Bekannte Dichter und Regisseure, unter ihnen Andrej Tarkowski, mischten sich unter die Darsteller, zum Beispiel in einer großen Partyszene, hier wurde sie gefeiert, die Tauwetter-Periode, die nach Stalins Tod und bis zur neuerlichen Vereisung unter Breschnew den sowjetischen Film von der Leine ließ, die erste Freiheit nach den Filmkunst-Experimenten der revolutionären 20er-Jahre. Was nicht heißt, dass die große unzensierte Freiheit angebrochen war. Ziemlich schnell jedenfalls verschwand Marlen Chucievs Film "Juli-Regen" über eine junge städtische Intelligentsia, die in Lena und Volodja eine wenig beispielgebende Entschlusslosigkeit an den Tag legt. Parties und Ausflüge, eitle Selbstdarstellung, leere Gespräche zeigen die Freunde in ähnlichem Licht; Herzlichkeit und Entschiedenheit verkörpert nur, als Vertreterin der Kriegsgeneration, Lenas Mutter. Mit "Juli-Regen" zeigte sich ein russisches Kino, das den Anschluss an den Westen, namentlich Frankreich, deutlich suchte und fand.
In anderen Filmen lebte die pathetische Tradition der Traktoristen-Maschinisten-Soldaten-Feier fort. Vor allem der große vaterländische Krieg warf seine Schatten. Michail Kalatozovs trauriges Epos "Wenn die Kraniche ziehen" wurde in Cannes ausgezeichnet und weltbekannt. Grigorij Cuchrajs "Ballade vom Soldaten" erzählt ebenso wenig von ruhmreichen Taten, stellt aber patriotisch den Zusammenhalt des Volks hinter den Linien heraus. Damit konnte die Zensur leben, nicht aber mit der markerschütternden Wucht von Aleksandr Askoldovs Film "Die Kommissarin"
Klavdia Vavilova, Kommissarin der Roten Armee im Bürgerkrieg, ist unzeitig schwanger geworden und hat sich zum Gebären bei einer jüdischen Familie einquartiert. In den Wehen phantasiert sie, in die bisher so stillen, intensiven Groß- und Nahaufnahmen vom Dorfleben stößt die rauschhafte, tollkühn gefilmte Erinnerung an eine Reiterschlacht. Dass hier eine Vorlage des großen - und verbotenen - Chronisten der Sowjetgeschichte, Wassilij Grossmann, verfilmt werden konnte, war ein Wunder, das nicht lange hielt: der Film landete im Eisfach. Dabei geht hier ideologisch doch alles in Ordnung, die Kommissarin verzichtet für die Revolution auf ihr Kind? Aber da ist diese bedrückende visionäre Szene, in der die Judenvernichtung vorausgesehen wird – sie mag im latent antisemitischen Sowjet-Klima missfallen haben.
Bei anderen Filmen wurde eher die Kleinheit der Geschichte zum Verhängnis: So wertfrei-realistisch, so schmuddelig und direkt wie zum Beispiel in "Asjas Glück" sah man das Leben der Kolchos-Traktoristen lieber nicht, dafür ist dieser Film heute ein aufschlussreiches und liebenswertes Poem.
Groß ist alles in Michail Kalatozovs "Soy Cuba" – "Ich bin Kuba" . Das hat man noch nicht gesehen, was Sergej Urusevskis Kamera hier vollbringt; wie sie über die Terrassen einer Strandbar fährt, wie sie hineinkriecht in Wasserfontänen, Rauchwolken, Gesichter, Dickichte und Explosionen, wie verschwimmende Erinnerungsbilder alles Nötige zur Geschichte eines landlosen Zuckerrohrarbeiters sagen. Aber Regisseure in der Sowjetunion waren nie sicher vor den Wendungen der politischen Wetterlage. "Soy Cuba" wurde dummerweise 1964 fertig, als das Verhältnis zum Bruderstaat gerade abkühlte und verschwand bald von der Bildfläche.