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Krieg der Suchmaschinen

Als der US-Internet-Gigant "Google" im vergangenen Jahr ankündigte, in Zusammenarbeit mit fünf großen angelsächsischen Bibliotheken in den nächsten 6 Jahren 15 Millionen Bücher zu scannen und frei ins Netz zu stellen, führte dies in Europa, in Frankreich zumal, zunächst zu Verblüffung, dann zu Besorgnis und schließlich zu Hektik. Man wolle den "Invasoren aus Silicon Valley, die Berge von Dollars mit europäischem Kulturgut verdienen", nicht kampflos das Feld überlassen, so Kulturminister Donnedieu de Vabres. Nun holt er – zusammen mit dem Präsidenten der Pariser Bibliothèque nationale, Jean-Noël Jeanneney – zum Gegenschlag gegen Google aus. "Quaero" – so der lateinische Titel der jüngsten deutsch-französischen Initiative im virtuellen "Krieg der Suchmaschinen".

Von Burkhard Müller-Ullrich | 16.05.2005

Wenn man "Google" in "Google" eingibt, kommt ein Ergebnis von kosmischer Schönheit heraus: Suchdauer 0,05 Sekunden, angezeigt werden die Resultate eins bis zehn von ungefähr 399 Millionen. Das Wort "ungefähr" ist Informatik-Ironie, denn ungefähr ist gar nichts in der elektronischen Datenverarbeitung, und zumal die Arbeitsweise der Suchmaschine Google ist so etwas von präzise, daß man vor der Fülle ihrer Auskünfte nur kapitulieren kann.
Darauf spielt übrigens bereits der Name "Google" an. Er stammt von dem Begriff "Googol", mit dem ein amerikanischer Mathematiker eine Zahl bezeichnete, die aus einer Eins gefolgt von hundert Nullen besteht. Ein Googol ist eine fantastische Menge. Nichts auf der Welt kommt in dieser Größenordnung vor, weder Sandkörner noch Luftmoleküle noch irgend etwas anderes – geschweige denn Buchstaben im Internet.
Doch auch weit unterhalb der Googol-Größe kann man an der vorhandenen Masse von Internet-Informationen irre werden. Aus dieser Tatsache speist sich ein mittlerweile schon recht abgestandener Topos, mit dem scheinbar kulturkonservative, in Wirklichkeit aber nur faule Kritiker der Computertechnologie begegnen. Sie sehen die Masse des verfügbaren Materials, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und behaupten, das Ganze sei ja ziemlich wertlos, weil überhaupt nicht strukturiert.
Gerade das ist allerdings grundfalsch. So wie jede Bibliothek erst durch einen Katalog brauchbar wird, so gehören Suchmaschinen zu den conditiones sine quibus non des Internets. Sie verleihen ihm Struktur. Das heißt, sie verleihen der Arbeit mit ihm Sinn. Das heißt aber auch: hier wird es heikel. Denn zwar ist das Internet bekanntlich basisdemokratisch bis anarchistisch verfaßt, doch wenn von den Suchmaschinen alles abhängt, stellt sich die Frage: Wer bestimmt eigentlich, was sie finden und wie sie es dann präsentieren?
Da man in der Regel von jedweder Ergebnisliste immer nur die ersten paar Dutzend Einträge zur Kenntnis nimmt und weiter verfolgt, kommt es – wie so oft im Leben – auf nichts so sehr wie auf Plazierung an. Und da gibt es die drolligsten Verfahren: Manche Suchmaschinen vergeben ihre Ränge gegen Geld, andere unterhalten eine eigene Redaktion, die jeden Link nachprüft und deshalb Monate im Rückstand ist. Wieder andere lehnen sich an ein "Open Project" betiteltes Laienrichtergremium an, dem jeder, der zuviel Zeit hat und gern Urteile fällt, beitreten kann.
Am 7. September vor sieben Jahren aber trat eine kalifornische Firma auf den Plan, die sich eine gänzlich andere Methode hatte patentieren lassen. "Google" bewertet die Wichtigkeit einer Web-Seite unter anderem nach der Anzahl der auf sie verweisenden Links: "eingebaute Demokratie" nennt man das am Unternehmenssitz im kalifornischen Ort Mountain View. Und so begann eine atemberaubende Erfolgsgeschichte der New Economy, die jetzt mit einem neuen Internet-Projekt einem kulturellen Höhepunkt zustrebt: Die Firma Google will nämlich massenweise alte Bücher einscannen und die Texte ins Netz stellen, auf daß sie überall verfügbar seien. Von 15 Millionen Bänden im Lauf der nächsten fünf bis zehn Jahre ist die Rede.

Doch kaum war diese Ankündigung gemacht, gerieten manche europäischen Kulturverwalter in helle Aufregung – allen voran der Direktor der französischen Nationalbibliothek Jean-Noël Jeanneney. Er sah sowohl in der Tatsache, daß die Initiative von Amerika ausging, als auch darin, daß es sich bei Google um eine Privatfirma handelt, große Gefahren für das literarische Erbe Europas und rief zu einer seltsamen Art Widerstand auf: Widerstand durch Nachahmung.

Seither spukt die Idee eines europäischen Parallelprojekts durch die Gazetten. "Quaero" ist der Name einer Suchmaschine, die Googles Vorherrschaft in der Alten Welt stoppen soll. Das beschloß zumindest der deutsch-französische Ministerrat am 26. April in Paris. Quaero ist aber nicht mehr als eine politische Wunschvorstellung, deren Finanzierung, deren Technik und deren Verwaltung noch völlig in den Sternen stehen. Man täte gut daran, derartigen Meldungen weniger Gewicht zu geben, doch im Zuge der von Jeanneney entfachten patriotischen Bibliothekshysterie wurde aus einem technologischen Windei versehentlich ein großes Thema.

Das ist insofern schade, als dadurch die vielen bereits laufenden Bemühungen um die Digitalisierung von Literatur in den Schatten gestellt werden. Gutenberg, Bibliomania, Gallica – und wie sie alle heißen: schon jetzt findet man an diesen Webadressen eine beachtliche Fülle von Buchtexten. Quaero sucht man vergeblich.