Sonntag, 05. Februar 2023

Krieg in Aleppo
Lebensgefährliches Dilemma

Bis zu 300.000 Menschen sind in Aleppo eingekesselt. Die syrische Regierung hat zwar einen Fluchtkorridor angeboten, bombardiert die Stadt aber weiter. Hilfsorganisationen, die UNO und die Bundesregierung befürchten eine Katastrophe für die Menschen.

03.08.2016

    Ein Mann hält sich die Hand vor das Gesicht, er sitzt auf Trümmern. Das Foto entstand nach einem Bombenangriff in den Rebellenvierteln von Aleppo.
    In Aleppo gibt es einen Fluchtkorridor, aber die Rebellenviertel werden trotzdem weiter bombardiert. (AFP / Thaer Mohammed)
    Rund 40 Organisationen wie Care, Save the Children und World Vision warnten Russland und das Assad-Regime vor dem Missbrauch sogenannter humanitärer Korridore als Kriegswaffe. "Eine wirkliche humanitäre Hilfsaktion würde die Bewohner von Aleppo nicht zu der Wahl zwingen, entweder in die Arme ihrer Angreifer zu fliehen oder in den belagerten und bombardierten Stadtteilen zu bleiben".
    Einen angeblich sicheren Fluchtweg anzubieten, dürfe nicht bedeuten, dass die verbleibenden Menschen in Aleppo zu militärisch legitimierten Zielen werden. "Die Stadt darf nicht zu einem weiteren Ort des Massensterbens werden."
    Die Hilfswerke fordern die Staaten der Internationalen Syrien-Unterstützer-Gruppe auf, sich für ein Ende des Belagerungszustands und der illegalen Angriffe auf Zivilisten in Aleppo einzusetzen. Sie unterstützen die Forderung der Vereinten Nationen, den Schutz aller Menschen, die die Stadt freiwillig verlassen wollen, zu gewährleisten und zu überwachen.
    Das UNO-Kinderhilfswerk UNICEF erklärte, es sei extrem besorgt über die Situation. Der Regionaldirektor Saad Houry forderte ungehinderten Zugang für Hilfsorganisationen zu der Stadt. Ein Drittel der etwa 300.000 Bewohner seien Kinder.
    Bundesregierung ruft zu Waffenstillstand auf
    Es sei "inakzeptabel und zynisch", einen Fluchtkorridor anzubieten und gleichzeitig zu bombardieren, kritisierte auch die Bundesregierung. Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer betonte, eine Lösung werde nur gemeinsam mit Moskau möglich sein. "Deshalb steht Russland hier in besonderer Verantwortung."
    Die Bundesregierung fordere die Kriegsparteien - vor allem Syrien und Russland - zu einem Waffenstillstand auf und verurteile die Belagerung auf das Schärfste. Zuvor hatte bereits Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisiert, Syrien und Russland trieben "ein zynisches Spiel."
    Ein Mann läuft durch eine Straße mit völlig zerstörten Häusern in Aleppo
    Ein von Luftschlägen des syrischen Regimes zerstörtes Viertel in Aleppo. Bei den Angriffen sterben immer wieder Zivilisten. (AFP)
    Der frühere Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Harald Kujat, sagte im Deutschlandfunk: "Aleppo ist tatsächlich eine humanitäre Katastrophe und wird sich wahrscheinlich noch zu einer größeren humanitären Katastrophe auswachsen." Er betonte jedoch, Aleppo werde deshalb eine solche Katastrophe, weil Terroristengruppen diese Stadt besetzt hätten, die Bevölkerung unterdrückten und das Regime nun versuche, die Stadt zu befreien.
    Regierungstruppen vor der Einnahme von Aleppo
    Seit mehr als zwei Wochen sind die von Rebellen gehaltenen Gebiete im Osten der Stadt von der Außenwelt abgeschnitten. Die syrische Armee hatte zusammen mit ihren Verbündeten die letzte Versorgungsroute gekappt und die verbleibenden Bewohner eingekesselt. Nach Angaben von Hilfsorganisationen gibt es dort kaum Zugang zu medizinischer Versorgung, auch die Lebensmittel werden knapp.
    Die Regierungstruppen stehen zudem offenbar kurz davor, die Stadt komplett einzunehmen: Wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, gelang es Soldaten mit Unterstützung von russischen Luftangriffen bis Dienstagabend, mehrere Hügel und Dörfer südwestlich von Aleppo von den Aufständischen zurückzuerobern.
    Luftangriffe auf Aleppo
    Die ebenfalls oppositionsnahen Lokalen Koordinationskomitees in Syrien berichteten, Kampfflugzeuge hätten Transporter mit Lebensmitteln angegriffen. Dabei habe es Tote gegeben. Zudem habe es Luftangriffe von Russland und der syrischen Regierung gegeben.
    Mit den jüngsten Erfolgen machen die Regierungstruppen die Eroberungen der syrischen Rebellen und mit ihnen verbündeten dschihadistischen Kämpfer praktisch zunichte. Sie hatten ihre Offensive am Sonntag gestartet, um den Belagerungsring der Regierungstruppen zu durchbrechen.
    Dagegen sagte der Sprecher des syrischen Nationalrates, Sadiqu al-Mousllie, im Deutschlandfunk: "So, wie es jetzt aussieht, die Angriffe vom Westen und vom Süden Aleppos der Opposition haben auch Erfolg." Den Berichten nach könne man auch sagen, dass das auch nicht mehr lange dauern werde, bis die Belagerung aufgehoben würde.
    Aleppo ist nicht die einzige belagerte Stadt Syriens, aber es ist die größte. Sie zählt zu den ältesten Städten in der Region und gilt als strategischer Punkt zwischen Euphrat und Mittelmeer. Seit vier Jahren ist die Stadt im Norden des Landes umkämpft und geteilt: in Viertel, die unter Kontrolle der Rebellen stehen, und solche, die sich in den Händen der Regierungstruppen befinden.
    (hba/jcs)