Samstag, 21. Mai 2022

Archiv


Kriegskulisse oder Kriegsgefahr?

Vor zwei Wochen hatte Israels Präsident Schimon Peres Syrien vorgeworfen, die Hisbollah-Miliz mit Scud-Raketen aufzurüsten. Durch diesen Raketentyp sieht sich Israel besonders deshalb bedroht, weil sie mit einer Reichweite von rund 300 Kilometer Israel problemlos erreichen können.

Von Birgit Kaspar | 01.05.2010

Die israelischen Vorwürfe, Syrien habe Scud-Raketen an die Hizbullah geliefert, bestimmen die Schlagzeilen in Beirut. Aber von Panik ist nichts zu spüren. Die meisten Libanesen zucken mit den Schultern. Sie gehen ohnehin davon aus, dass Israel früher oder später den Zedernstaat wieder militärisch angreifen wird. Zynisch heißt es deshalb auf den Straßen Beiruts: "Einen Vorwand finden sie immer."

Dass die Hizbullah seit dem letzten Krieg gegen Israel im Sommer 2006 massiv wieder aufgerüstet hat, bestreitet niemand. Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah erklärte mehrfach indirekt, dass die Schiitenmiliz über Raketen mit einer Reichweite von mehreren hundert Kilometern verfüge.

Nasrallah: "Ich sage zu den Israelis: Wenn ihr den internationalen Flughafen in Beirut beschießt, dann beschießen wir den Airport in Tel Aviv. Wenn ihr unsere Häfen attackiert, werden wir eure treffen. Wir wollen keinen Krieg, aber wir sind dafür verantwortlich, unser Land zu verteidigen."

Aber zu der Annahme, sie verfüge jetzt auch über Scud-Raketen, äußert die Hizbullah sich nicht. Man fühle sich nicht verpflichtet, den Feind über das eigene Waffenarsenal aufzuklären, heißt es.

Zwar betont der israelische Premier Netanjahu, dass auch er keinen Krieg wolle. Doch Regierungen in der Region und im Westen von Washington bis Berlin reagierten besorgt, nachdem der israelische Präsident Shimon Peres Mitte April erklärte, Syrien habe Scud-Raketen an die Hizbullah geliefert. In Washington räumte man inzwischen ein, es gebe dafür keinerlei Beweise. Syrien und Libanon dementierten offiziell, die Hizbullah verfüge über Scuds. Der ägyptische Außenminister, der wahrlich keine Sympathie für Nasrallah's "Partei Gottes" hegt, nannte den Vorwurf gar "lachhaft".

Dass bislang keine Beweise für die unterstellte Lieferung der ballistischen Raketen mit einer Reichweite zwischen 300 und 500 Kilometern vorliegen, ist das eine. Das andere: Internationale Militärexperten argumentieren, dass elf Meter lange Scud-Raketen, die nicht wie Katjuschas von einer kleinen, mobilen Abschussrampe gefeuert werden können, schon aus militär-taktischen Gründen für die Hizbullah unsinnig wären. In der Regel dauert es mindestens 45 Minuten, um eine Scud abschussbereit zu machen. In der Zeit hat die intensive israelische Luftüberwachung über dem Libanon die Rakete längst geortet und unschädlich gemacht.

Dennoch legte US-Verteidigungsminister Robert Gates noch diese Woche nach:

"Syrien und Iran beliefern die Hizbullah mit immer weiter reichenden Waffen. Inzwischen ist die Hizbullah mit mehr Waffen und Raketen ausgestattet als so manche Regierung, was offensichtlich zu einer Destabilisierung der Region führt. Wir beobachten das mit Sorge."

Das psychologische Reizwort "Scud", das viele unweigerlich an die Scud-Angriffe Saddam Husseins auf Israel im Golfkrieg 1991 und die damit verbundenen israelischen Ängste erinnert, erwähnte Gates aber nicht. Es könnte also sein, dass die Affaire um die mutmaßlichen Scuds ein Sturm im Wasserglas ist, der bald von einem anderen abgelöst wird.

Doch der libanesische Premier Saad al-Hariri nimmt die Sache ernst. Er ist davon überzeugt, dass Israel den Vorstoß benutzt, um einen möglichen casus belli vorzubereiten. Hariri sagte der italienischen Zeitung "La Stampa", ihn erinnere das an die Vorwürfe vor dem Irak-Krieg 2003. Damals hieß es, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen. Die seien dann aber auch nie gefunden worden. Weil er die Situation für gefährlich hält, kontaktierte Hariri westliche Regierungen – darunter auch Berlin – damit diese versuchten, Israel zur Raison zu bringen.

Bleibt die Frage: Warum das Ganze? Und warum jetzt? Darüber wird viel spekuliert. Den USA und Israel ist die Aufrüstung der Hizbullah sicher ein Dorn im Auge. Sie wollen ohnehin den Druck auf Syrien erhöhen. Daneben ist allerdings Hariris Vermutung, Israel inszeniere vorsorglich besagten casus belli, nicht von der Hand zu weisen. Denn sollten die geplanten Sanktionen gegen Iran in der Nuklearfrage nicht die gewünschte Wirkung zeigen, dann könnte Israel die militärische Option gegen Iran konkretisieren. Ein Schlag gegen die mit Iran verbündete Hizbullah – vorsorglich oder zeitgleich - würde dann unvermeidlich. Die Leidtragenden aber wären die Bewohner Libanons.