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Krim-KriseBedeutung alternativer Informationsquellen steigt

Die sozialen Medien gewinnen in der Krimkrise eine immer stärkere Rolle, in der Ukraine genauso wie in Russland. Russische Blogs und Internetmagazine haben sich zur Aufgabe gemacht, Falschmeldungen von Staatsmedien zu widerlegen. Doch der Druck von Regierungsseite auf das Internet nimmt zu.

Von Gesine Dornblüth | 18.03.2014

Ein Finger zeigt auf zwei Computerbildschirme, auf denen der russische Präsident Wladimir Putin zu sehen ist.
Was äußern russische Internetnutzer online über ihren Präsidenten? Das will die Regierung stärker überwachen. (dpa/picture alliance/Alexey Kudenko)
Der Redaktionsraum des Internetportals "Glawnoe" in der ostukrainischen Stadt Charkiw. Die Zeitung steht der Vaterlandspartei von Julia Timoschenko nahe. Vier Schreibtische auf engstem Raum, Papierstapel, ein Fernseher. In der Ostukraine schauen die meisten Menschen russisches Staats- oder staatsnahes Fernsehen. Die Mitarbeiter von "Glawnoe" versuchen, ein Gegenbild zu entwerfen. Doch das wird immer schwieriger, erzählt Chefredakteur Wiktor Aleksejew.
"Wir hatten neulich eine wirklich schlimme DDos-Attacke. Wir waren etwa 18 Stunden nicht erreichbar. In der Zeit haben wir unsere Nachrichten einfach bei Facebook veröffentlicht. Und das ging mehreren ukrainischen Internetportalen so."
Es gäbe wohl einige Leute, denen ihre Informationen missfielen, meint Aleksejew. Das ist gut möglich. Das Portal hat zum Beispiel dokumentiert, dass viele prorussische Demonstranten in Charkiw, angeblich unterdrückte ukrainische Staatsbürger, in Wirklichkeit aus Russland angereist waren. Und es hat Fotos veröffentlicht, die zeigen, dass prorussische Aktivisten mit faschistischer Symbolik auftreten – nicht etwa die ukrainischen, wie das russische Staatsfernsehen suggeriert.
Falschmeldungen von Staatsmedien
Aber nicht nur Glawnoe in Charkiw hat sich zur Aufgabe gemacht, Falschmeldungen von Staatsmedien zu widerlegen. In Moskau hat eine Gruppe junger Leute einen Blog mit dem Namen "Antipropaganda" gegründet. Die Macher analysieren Nachrichtensendungen des russischen Staatsfernsehens auf Propagandaelemente und stellen das Ergebnis online. Optisch ist das gut verständlich aufbereitet. Ein Beispiel.
Dieser Bericht vom Friedensmarsch in Moskau am letzten Samstag lief im Staatskanal Rossija 1. Zu der Kundgebung gegen Russlands Krimpolitik kamen mehrere zigtausend Teilnehmer. Es war der größte Protestmarsch seit Monaten. Die Moderatoren aber sprachen von 3.000 Teilnehmern.
Zwölf Methoden der Propaganda in weniger als vier Minuten
Das Video auf "Antipropaganda" stoppt, ein Zeichen kommt ins Bild. "Lüge" steht darauf. Wenig später die nächste:
Der Film zeigt Demonstranten mit rot schwarzen Fahnen, diagonal gestreift. Das Staatsfernsehen behauptet: Neofaschisten, Anhänger des ukrainischen Nazikollaborateurs Bandera. Wieder kommt das Zeichen mit dem Wort "Lüge" ins Bild. Und der User erfährt: Dies sind Fahnen von Antifaschisten. Die Fahne der Bandera-Anhänger ist zwar auch rot-schwarz, aber quergestreift, nicht diagonal. Das Fazit am Ende des Films: Zwölf Methoden der Propaganda in weniger als vier Minuten. Viele Menschen in Russland wissen, dass sie vom Staatsfernsehen belogen werden, und sehen schon lange nicht mehr fern. Auch deshalb halten sich Blogs wie grani.ru, auf denen es auch immer mehr Videos gibt. Grani.ru zeigte denn auch die Größe des Demonstrationszuges am Samstag – und friedliche Menschen, die skandierten: "Moskau steht zu Kiew und Kiew steht zu Moskau."
Die sozialen Medien gewinnen vor dem Hintergrund der Krimkrise eine immer stärkere Rolle, in der Ukraine genauso wie in Russland, sagt auch Michail Ratgauz, Gesellschaftsredakteur bei dem russischen Internetportal colta.ru.
Zugang gesperrt
"Die traditionellen Medien in Russland kommen mit dem Thema Ukraine überhaupt nicht zurecht, vom Maidan bis zur Krim. Auch, weil es so komplex ist. Es gibt zum Beispiel überhaupt keine umfassenden Analysen. Man muss sich die Informationen häppchenweise zusammensuchen."
Doch auch das wird immer schwieriger. Der Blog grani.ru zum Beispiel ist seit einigen Tagen nur noch mit technischen Tricks zu erreichen – ebenso wie zwei andere kremlkritische Portale. Die russischen Behörden haben den Zugang gesperrt, ohne Angabe schlüssiger Gründe. Auch der Druck auf das Internet nimmt zu.