Dienstag, 11.12.2018
 
Seit 12:10 Uhr Informationen am Mittag
StartseiteBüchermarktRowlings Buch ist leider gut19.12.2014

Krimi-KolumneRowlings Buch ist leider gut

JK Rowlings "Seidenspinner-Wälzer" benötigt exakt 667 Seiten bis zum finalen Handkuss. Ihr amerikanischer Kollege James Lee Burke braucht in seinem Krimi "Regengötter", nur 662 Seiten bis zur finalen Erkenntnis, die da lautet: "Imperien kamen und gingen. Die unbezwingbare Natur der menschlichen Seele hingegen lebte ewig fort."

Von Andreas Ammer

  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Noch liegt das Land erstarrt, doch das Ende ist nah. Alte Pläne sind fehlgeschlagen, neue noch nicht gemacht. Hinter Kirchen liegen Leichen in der Erde. Sie wurden mit der Planierraupe vergraben und überrollt. Ein Detektiv humpelt durch das Bild, als würde er in all dem Durcheinander einen Schriftsteller suchen, einen Schriftsteller, der nichts als die Wahrheit verkündet hat so wie hier unser Rezensent, der hier allein Gut von Böse unterscheiden kann: Die Krimikolumne!

Sie ist wieder zurück. Die einstmals erfolgreichste Schriftsellerien dieser und vieler anderer Zauberwelten. Ein feenhaft blondes, aus bitterer schottischer Armut zu unermesslichem Reichtum aufgestiegenes Wesen mit einem großen Problem: ihrem unerhörten, unsagbaren, unglaublichen Erfolg.

Auch deswegen hat die siebenfache Harry-Potter-Erfinderin Joanne K Rowling, der erfolgreichste schlossbewohnende Ein-Frau-Weltkonzern unter den Schriftstellerinnen und den Schriftstellern zuerst ihre Erfolgsserie beendet, sich dann an einen "normalen" Gesellschaftsroman gewagt, der den hohen Erwartungen nicht ganz gerecht werden konnte, um dann in aller Stille unter dem komplizierten Pseudonym Robert Galbraith einen sich nicht sonderlich gut verkaufenden Krimi zu veröffentlichen, der – als das Pseudonym von der Frau des Anwaltes von Frau Rowling angeblich aus Versehen aufgedeckt wurde - natürlich ein Bestseller wurde.

Robert Galbraith: Der Seidenspinner (Blanvalet)

Kein Mega-Seller, aber ein Achtungserfolg. Auch hier in der Krimikolumne, in der unser Rezensent in dem Krimi-Debüt damals vor 2 Jahren klassische Schönheit, dramatische Größe und doch die Höhe der Zeit erkannt haben wollte.

Schon damals hieß es, das J.K. Rowling den zweiten Krimi um ihren Ermittler Cormoran Strike schon längst fertiggestellt habe. Inzwischen wird sogar verkündet, dass die Reihe um diesen Ermittler sicher mehr Bände als die um den Zauberschüler Harry Potter bekommen wird.

Also mindestens acht. Worum geht es diesmal?

Nachdem Cormoran Strike, der anderthalbfüßige Irakkriegsveteran und Groupiesohn eines Megarockstars, so souverän den Fall vom Sturz eines Topmodels gelöst hat, kann er sich inzwischen die Klienten aussuchen und verdient recht ordentlich.

Immer noch und mit jeder Seite enger an seiner Seite steht ihm seine ebenso adrette wie treu ergebene Sekretärin Robin, deren nicht ganz glückliche Verlobungsgeschichte sich zur veritablen Parallelhandlung auswächst.

JK Rowling besinnt sich –  so wie schon im ersten Galbraith-Roman, als es um die Glitzerwelt der Neureichen ging – thematisch auf das, wovon sie etwas versteht: Diesmal, im Buch „Der Seidenspinner", ist es die Welt der Schriftsteller und Verleger.

Nun ist es ja leider so, dass gerade die literarische Welt in literarischem Geschehen etwas überrepräsentiert ist. Es gibt komischerweise mehr Romane über Schriftsteller als über Metzger, wobei letztere eigentlich zahlreicher sein dürften.

Einer dieser Schriftsteller – nicht unbedingt der Erfolgreichsten einer – ist verschwunden. Seine Frau beauftragt Cormoran Strike, der allzu gerne darauf verzichtet, noch eine weitere Geliebte eines reichen Londoners zu beschatten, und leicht übermüdet lieber diesen schlecht bezahlten Auftrag annimmt.

Erst kommt der Fall nicht so richtig in Fahrt, aber dann taucht nach einigen hundert Seiten der Schriftsteller als Salzlösung wieder auf.

Es ist eigenartig...

... rätselt unser Rezensent.

Das Buch enthält nichts, was ich persönlich an Krimis mag.

Es ist – so wie wir unseren Rezensenten einschätzen - nicht schräg, nicht skurril, es ist konventionell erzählt und fast schon altväter-... oder besser altmütterlich geschrieben.

Die Handlung besteht daraus, dass wir Cormoran Strike von Verhör zu Verhör begleiten. Das Setting ist ein nicht sonderlich originelles London.

Die Figuren sind nett und rund, aber es tauchen etwas zu viele herrische Literaturagenten, zu neurotische Reiche und selbstherrliche Künstler auf, als das man wirklich von einem Gesellschaftsbild sprechen könnte. Eine Abziehbildsammlung eher ...

... und doch!

Und doch hat unser Rezensent JK Rowlings neuen, unter dem Pseudonym Robert Galbraith erschienenen, von Wulf Berger, Christoph Göhler und Kristof Kurz übersetzten und bei Blanvalet verlegten neuen Krimi  "Der Seidenspinner"

... geradezu verschlungen. Mit Vergnügen obendrein!

Das liegt zum einen daran, dass sich JK Rowling jede erdenkliche Freiheit nimmt:

Sie schreibt ... als sei es eine anglistische Seminararbeit ... über jedes Kapitel ein obskures Motto, das aus Theaterstücken des 17. Jahrhunderts stammt.

Sie erlaubt sich postmoderne Spielereien wie diese, dass ihr Buch so ähnlich heißt, wie der im Buch für Mord und Totschlag sorgende Schlüsselroman des salzsäuretoten Autors.

Sie schafft es von der ersten Seite,

Achtung es folgt eine Phrase!

... den Leser zu fesseln, so als wäre sie wirklich die größte Erzählerin der letzten Jahrzehnte.

Ungelogen hat unser Rezensent dieses Buch wirklich über die Seite 666 hinaus gelesen – bis zum Austausch einer Handkusszärtlichkeit zwischen Detektiv Cormoran und seiner Sekretärin Robin.

Unglaublich!

Tatsache!

Das Buch ist ... leider gut!

Fazit: Mit dem Kauf dieses Buches bereichern Sie leider nicht nur eine der reichsten Frauen dieser und aller anderen denkbaren Welten und zugleich den größten Medienkonzern des Planeten Erde ... sondern auch sich selbst um ein paar herrlich unbeschwerte Stunden der Lektüre.

Nur das nächste Buch aber ist noch besser ...

... und noch dicker!

James Lee Burke: Regengötter (Heyne Hardcore)

Obwohl? Sehen wir genau nach! ... Hier ... nur das Papier ist dicker!

JK Rowlings "Seidenspinner-Wälzer" benötigt exakt 667 Seiten bis zum finalen Handkuss. Ihr amerikanischer Kollege James Lee Burke braucht in seinem Krimi „Regengötter", erschienen bei Heyne Hardcore in der mächtigen Übersetzung von  Daniel Müller, nur 662 Seiten bis zur finalen Erkenntnis, die da lautet:

"Imperien kamen und gingen. Die unbezwingbare Natur der menschlichen Seele hingegen lebte ewig fort."

Schön gesagt, aber klar: James Lee Burke ist eine Legende.

Und sein neuer Thriller „Regengötter" ist ein Buch von archaischer Wucht.

Umgeben wird es allerdings von einem großen Geheimnis.

Wie konnte es geschehen, dass von dem weltweit verehrten James Lee Burke seit über zehn Jahren kein Buch mehr auf Deutsch erschienen ist?

James Lee Burke ist erstens kein Unbekannter, zweitens durchaus ein Bestsellerautor, drittens hat er in Deutschland, Amerika, England, Frankreich schon die begehrtesten Krimi-Preise bekommen und sich eine begeisterte Leserschaft selbst unter Kollegen erschrieben ... allein ...

... übersetzt wurden im Auftrag des Random-House-Konzerns, der ansonsten nicht für eine zurückhaltende Veröffentlichungspolitik bekannt ist, weder die letzten sieben der gut 20 Krimis um Burkes bekanntesten Ermittler Dave Robicheaux, noch seine anderen Bücher.

Es ist unbegreiflich.

Und so gellte unlängst ein kleiner Glücksschrei durch die Szene ...

... als der ziegelsteingroße und leider nur 662 Seiten dicke Band "Regengötter" plötzlich in den Buchhandlungen auftauchte.

"Regengötter" ist in den USA  allerdings schon vor fünf Jahren erschienen. Es ist der Beginn einer Reihe über den Ermittler Hackberry Holland, den es als ehemaligen Anwalt mit Alkoholproblem und nun alternden Radikaldemokrat samt seinen Colt ausgerechnet in den ansonsten gottverlassenenen Südwesten von Texas verschlagen hat.

Dort werden hinter einer verfallenen Kapelle neun Frauenleichen gefunden – offensichtlich von einem  Schaufelbagger vergraben. Hack gerät in einen rasanten Wettlauf mit einer Killerbande, die obendrein hinter dem Irakveteranen und Gelegenheitskriminellen Pete Flores und seiner hübschen Freundin Vikki her sind,

...(letztere hat – nur so als Fußnote zum Thema „Übermäßige Repräsentation von Autoren in Krimis" - selbst schon mal eine Kurzgeschichte in einer kleinen Zeitschrift veröffentlicht ) ... jetzt rennt sie um ihr Leben und weiß nicht einmal richtig, wer sie wieso verfolgt.

Burkes Stärke ist die pure erzählerische Wucht. Schon die Schilderung einer schlichten Autokreuzung kann ihm zum kleinen düsteren Meisterwerk geraten. Ein Telefonanruf wird zum Epos. Jeder Satz ist ein Bild aus einem alten Cinemaskop-Wetern. Dabei stammt Hackberry Holland aus einer anderen Zeit, ist zwar - Zitat - "ein großer Mann", aber mit gut 70 Jahren schon weit jenseits der Actionkrimis. Er trägt ...

"khakifarbene Hose mit Westernschnitt, handgefertigte Lederstiefel, einen altmodischen Pistolengürtel und einen taubengrauen Stetson."

... und überhaupt wirkt manche Szene so wie die überlebensgroß berühmte Eingangssequenz aus „Spiel mir das Lied vom Tod"

Wären da nicht Handys und würden da nicht Lieder der amerikanischen Band „Bloodhouse Gang" gesummt, könnte man meinen, es handle sich bei „Regengötter" um einen historischen Roman...

Er spielt hingegen im Hier und Jetzt in einer abgelegenen, brutalen Welt, in der man nicht wirklich leben möchte, die man aber in Büchern allzugern durchschreitet.

Ein großes Buch, ein wahres Buch, ein gutes Buch!

... urteilt unser Rezensent über "Regengötter" von James Lee Burke und freut sich, dass außer der in Amerika schon erschienenen Fortsetzung der Reihe noch mindestens ein weiteres Dutzend Burke-Krimis auf deutsche Übersetzungen wartet.

Ansonsten verweist unser Rezensent auf den deutschen Krimiautor und Amerikana-Sachverständigen Franz Dobler, der über Burke einmal gesagt hat:

"Es gibt nur wenige Götter, die schreiben können – einer von ihnen ist für mich schon lange James Lee Burke. Falls ich je wieder zu beten anfange, geht das auf sein Konto."

Lange nicht ist ein Autor so schön gelobt worden....

... und lange nicht musste der Lobende selbst sofort in den selben Höhenlagen gelobt werden.

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug (Tropen)

Franz Dobler - der alte Fan von James Lee Burke und Jonny Cash -  hat unlängst selbst einen ganz und gar erstaunlichen Krimi veröffentlicht. Er heißt "Ein Bulle im Zug", handelt von einem Bullen im Zug und ist im Tropen-Verlag erschienen.

Wir zitieren den Klappentext:

"Kriminalhauptkommissar Fallner hat bei einem Einsatz einen jungen Kriminellen erschossen. Jetzt ist er dienstunfähig. Fallner nimmt den Rat seiner Therapeutin an und verwirklicht seinen Jugendtraum: Mit einer Bahncard100 so lange Zug fahren, wie er Lust hat. Auf die (oder der?) Tour will er auch endlich den toten Jungen aus dem Kopf kriegen."

Und wieso jetzt Klappentext statt Rezension, Herr Rezensent?

Zum einen ...

... weil unser arbeitsscheuer Rezensent sich so billiges Zeilenhonorar erschindet,

zum zweiten, weil der Klappentext das Geschehen des Buches richtig und knapp zusammenfasst und zum dritten, weil es bekanntlich ein Zeichen jedes guten Krimis ist, wenn er sich in drei Sätzen zusammenfassen lässt.

Nun hat der Klappentext dafür zwar fünf Sätze gebraucht, die aber sind ausnehmend kurz und prägnant. Zugleich weisen sie mit ihrem romantisch dialektischen Ansatz

Endlich mal wegfahren und von allem fliehen ...

Und ihrer höchst bürokratischen Realisation

Sich dafür eine Bahncard100 kaufen ... mitten ins Zentrum von Franz Doblers überaus geglückten Roman, der einerseits um all die großen Vorbilder wie James Lee Burke weiß und ihnen nacheifert,

andererseits seinen Psychothriller fulminant in dem höchst alltäglichen Ambiente der Deutschen Bahn lässt.

Wiederum andererseits dann doch zu sehr Künstler ist, als dass er wirklich jede Szene dem dramatischen Geschehen unterordnet. Franz Dobler verharrt sozusagen schon mal am Bahnsteig der Krimihandlung, sieht die Züge auf Kosten der Spannung dahinfahren, um sich ein wenig tiefer seiner Hauptfigur zu widmen.

Nicht unbedingt etwas für den Hardcore-Krimifan, aber für den Genießer der Abschweifung ... behauptet unser Rezensent zu Franz Doblers "Ein Bulle im Zug"...

... er muss aber zugeben, dass er mit der Deutschen Bahn (oder nur: mit der Bahn?) auf Kriegsfuß steht.

* Zuspielung: John Zorn, James Bond Theme, darüber beim Schuß *

Also: sofortiges Ende der Ermittlungen. Vielleicht aber noch der Jahreszeit und dem erhöhten Lektürebedarf entsprechend noch eins zwei drei vier klitzeklitzekleine Empfehlungen des Rezensenten.

Aber nur jeweils ein Satz ... und kostenlos hintendran?

Szilard Rubin: Der Eisengel (rowohlt Berlin)

Für den ungenierten Ungarnliebhaber!

Szilárd Rubin, Der Eisengel, erschienen bei Rowohlt und übersetzt von Timea Tanko.

Szilárd Rubin ist ein eher weniger bekannter ungarischer Schriftsteller, dessen Romane ins Krimigenre hinüberragen, so wie in „Der Eisengel", für dessen Lektüre man aber Ortsnamen wie Törökszentmiklós unerschrocken hinnehmen muss.

Roberto Bolano: Mörderische Huren (Hanser)

Für den krimiverachteten Literaturliebhaber.

Roberto Bolano, Mörderische Huren, übersetzt von Christian Hansen bei Hanser

Allein schon mit seinem Titel gehört das Buch des Hardcore-Literaten Roberto Bolano, der seine Geschichten gerne mit dem einen oder anderen Verbrechen anreichert, natürlich in diese Kolumne, zumal unter den Kurzgeschichten aus diesem Band die mit dem Titel „Die Wiederkehr" den den vielleicht schönsten Beginn aller Zeiten hat, wenn dort die Leiche spricht:

"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, es gibt ein Leben (oder etwas ähnliches) nach dem Leben. Die schlechte, Jean-Claude Villeneuve ist nekrophil."

Liza Cody: Lady Bag (ariadne / Argument-Verlag)

Für Freundinnen der Obdachlosinnen!

Liza Cody, Lady Bag, deutsch von Laudan & Szelinski, Argument-Verlag

Der vielleicht erste Krimi mit Weltrang, der eine Londoner Pennerin zur Heldin hat, die als Ich-Erzählerin obendrein dringend tatverdächtig ist.

Volker Kutscher: Märzgefallene (Kiepenheuer & Witsch)

Für alle die, die nächstes Jahr behaupten wollen, sie hätten das alles schon viel früher gelesen!

Volker Kutscher, Märzgefallene, Kiepenheuer & Witsch.

Wie das Fachmagazin "The Hollywood-Reporter" berichtet, plant Tom Tykwer ins weltweite High-End-Seriengeschäft einzusteigen. Er will aus Volker Kutschers Romanen um den im Berlin der 20iger Jahre ermittelnden Gereon Rath, dessen fünfter Fall gerade erschienen ist, im kommenden Sommer die 12-teilige Serie „ Babylon Berlin" drehen will, als Koproduktion von ARD und Sky.

Wenn sie allerdings der Meinung sind, dass moderne Fernsehserien überschätzt werden, Sie sich weder für Frau Rowling, ihren fiktiven Kollegen Galbraith, den fast vergessenen James Lee Burke oder gar den zugliebenden Franz Dobler interessieren wollen, dann gilt für Sie auch dieses Mal wie seit alters her und das gleiche Spiel....

Besprochene Bücher:

Roberto Bolano: Mörderische Huren (Hanser)

James Lee Burke: Regengötter (Heyne Hardcore)

Liza Cody: Lady Bag (ariadne / Argument-Verlag)

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug (Tropen)

Robert Galbraith: Der Seidenspinner (Blanvalet)

Volker Kutscher: Märzgefallene (Kiepenheuer & Witsch)

Szilard Rubin: Der Eisengel (rowohlt Berlin)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk