Mittwoch, 06. Juli 2022

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Krisenmanagement in Ischgl
Verbraucherschützer planen Sammelklage

Der österreichische Skiort Ischgl hatte sich zum Hotspot für Corona entwickelt, von dort breitete sich das Virus in viele Länder aus. Betroffene werfen den Verantwortlichen in Ischgl vor, aus Profitgier zu zögerlich gehandelt zu haben. Nun wollen Verbraucherschützer eine Sammelklage vorbereiten.[*]

Von Srdjan Govedarica | 17.04.2020

Skifahrer im österreichischen Ort Ischgl
Die Behörden hätten Urlauber zu spät über die Coronagefahr informiert, kritisiert der österreichische Verbraucherschutzverein (Imago)
"Diese Arroganz, die da unten an den Tag gebracht wird, ist zum Kotzen. Ich wünsche mir, dass die kapieren, dass sie so mit Menschen nicht umgehen können."
Ludger Görg ist wütend. Der 55-jährige Imbissbetreiber aus Montabaur war vom 7. bis zum 13. März mit Freunden in Ischgl Ski fahren. Und ist davon überzeugt, sich dort mit dem Coronavirus angesteckt zu haben. Der Gefahr sei er sich nicht bewusst gewesen:
"Ganz im Gegenteil: Wir haben uns vorher erkundigt, dass in ganz Österreich bis dato erst zwei Fälle bekannt waren, und wir sagten: Na gut, dann sind wir da auf jeden Fall auf der sicheren Seite."
 
Österreichischer Skiort Ischgl - Kritik am Tiroler Krisenmanagement
Seit dem Wochenende stehen die österreichischen Ski-Regionen Paznauntal und St. Anton am Arlberg unter Quarantäne. Viele skandinavische Länder hatten vor Reisen in diese Region schon früher gewarnt.
Pistengaudi, Après-Ski: Ludger Görg verbringt einen sorglosen Urlaub in Ischgl. Informationen über die mögliche Ansteckungsgefahr hätten er und seine Freunde nicht bekommen. Nicht von den Behörden, nicht über die Medien und auch nicht im Hotel:
"Jeden Morgen gibt es da diesen Wisch zum Frühstückstisch, wie wird das Wetter, der Witz des Tages, der Spruch des Tages: Aber in keiner Weise auch nur ansatzweise etwas über Corona."
Auch Katrin Brobeil aus Stuttgart macht Anfang März Skiurlaub in Ischgl. Die 39-jährige ist mit drei Freundinnen unterwegs und fährt am 8. März wieder nach Hause, einen Tag, nachdem der erste Coronafall in Ischgl offiziell registriert wurde:
"Wie sind dann aus Ischgl zurückgekommen, ohne jegliche Information dort zu erhalten, oder einen Hinweis, dass man irgendetwas beachten müsste, gerade zum Thema Corona oder dass dort bereits ein Fall bekannt sei. Man hat nichts verspürt dort, die Welt war gefühlt noch in Ordnung."
Doch zwei Tage nach ihrer Rückkehr werden Katrin Brobeil und ihre drei Freundinnen krank. Und auch der Lebensgefährte von Katrin Brobeil steckt sich an:
"Wir sind drei Wochen in Quarantäne zuhause gewesen, es ging an die Nerven, auf engem Raum von 50qm gemeinsam auszuharren, die Gesundheit wieder auf die Beine zu kriegen. Und so wie es aussieht, habe ich sogar noch einen Langzeitschaden an meiner Lunge. Mein Lungenflügel schmerzt, wenn ich anfange, etwas Sport zu machen. Da ist noch fraglich, was da los ist. Da habe ich einen Untersuchungstermin Anfang Mai. Das wird sich noch zeigen."
Verbraucherschutzverein strebt Klage an
Katrin Brobeil und Ludger Görg sind zwei von mehr als 4.500 Tirol-Urlaubern aus 40 Ländern, die einem Aufruf des österreichischen Verbraucherschutzvereins gefolgt sind. Sie hätten eventuell Schadensersatzansprüche und könnten sich einem möglichen Strafverfahren als Privatkläger anschließen, sagt Peter Kolba. Er ist Verbraucheranwalt in Wien und Vorsitzender des Verbraucherschutzvereins. Bereits am 24. März hat er bei der Staatsanwaltschaft Innsbruck eine entsprechende Anzeige eingebracht. Sein Verdacht:
"Dass die Behörden in Tirol zu spät vor einer Ansteckung mit dem Virus gewarnt haben und zu auch zu spät Quarantäne verhängt wurde. Mit der Folge, dass sich Tirol, insbesondere aber Ischgl zu einem Hotspot für die Verbreitung des Coronavirus in ganz Europa entwickelt hat."
Bereits am 25. Februar wurde die Mitarbeiterin eines Hotels in Innsbruck positiv auf das Coronavirus getestet, erinnert sich Peter Kolba. Damals reagierten die Behörden umgehend und riegelten das Hotel ab:
"Man sieht also, dass die Tiroler Behörden um die aggressive Verbreitung des Virus Bescheid gewusst haben und daher durchaus gewusst haben, was man sinnvollerweise, wenn so eine Infektion irgendwo auftritt, tun soll. Und genau das haben sie in den Tourismusgebieten nicht getan. Dort hat es Tage gedauert, bis entsprechende Maßnahmen gesetzt wurden, bis etwa eine Après-Ski-Bar, wo der Barkeeper positiv getestet wurde, bis die geschlossen wurde".
Bürgermeister von Ischgl weist Schuld von sich
Die Rede ist von der Bar "Kitzloch" in Ischgl, die mittlerweile europaweit einen zweifelhaften Ruhm erlangt hat. Werner Kurz ist Bürgermeister der Gemeinde Ischgl. Den Betroffenen richtet er sein Mitgefühl und sein Bedauern aus. Er möchte aber auch klarstellen:
"Wir hatten nicht mehr Informationen als unsere Gäste. Da kann ich ein schuldhaftes Verhalten der Gemeinde Ischgl ausschließen. Ich darf Ihnen jedoch versichern, dass wir alle hier im Dorf in Ischgl betroffen sind, dass sich Gäste und Mitarbeiter mit diesem Virus infiziert haben. Uns ist es immer primär um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Gäste, der Mitarbeiter und der einheimischen Familien gegangen. Das hatte höchste Priorität. Wir waren immer bemüht, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Natürlich nach den Vorgaben der Gesundheitsbehörde."

Die Tiroler Gesundheitsbehörden haben in den vergangenen Wochen jedoch immer wieder beteuert, alles richtig gemacht und nach vorliegendem Kenntnisstand rechtzeitig gehandelt zu haben – auch in Absprache mit der Bundesregierung in Wien. Fragt man in Wien nach, kommt seit Wochen immer wieder dieselbe Antwort. Zuletzt von Gesundheitsminister Rudolf Anschober am 14. April:
"Nachdem wir die Krise überstanden haben, werden wir selbstverständlich transparent einen Schlussstrich ziehen, und Fehler, die vielleicht entstanden sind, schonungslos darstellen, genauso wie das in allen Bereichen sinnvoll und notwendig ist."
Coronavirus
Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)
10.000 Euro Verlust durch COVID-19
Katrin Brobeil aus Stuttgart gibt sich damit nicht zufrieden und hat sich deshalb der Sammelaktion der österreichischen Verbraucherschützer angeschlossen:
"Weil ich es ein Unding finde, wie man da über Menschenleben und die Gesundheit von Menschen hinweggeht, einfach aus Profitgier. Das ist meines Erachtens überhaupt nicht in Ordnung."

Und auch Ludger Görg hofft, Schadensersatz einklagen zu können. Corona hat er inzwischen zwar überstanden, aber während seiner Krankheit 10.000 Euro Verlust mit seinem Imbiss gemacht, sagt er. Doch vorrangig gehe es ihm nicht um Geld:
"Der Hauptgrund für mich, ist dass diese Leute mal einen vor dem Koffer bekommen müssen, dass sie mal mit beiden Beinen auf den Boden kommen. Und dass Menschenleben mehr wert sind wie jeder beschissene Euro."

[*] Anders als es zunächst an dieser Stelle hieß, wird eine mögliche Sammelklage derzeit erst vorbereitet.