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StartseiteUmwelt und VerbraucherKröte oder Papst12.05.2004

Kröte oder Papst

Der Umweltstreit um den Weltjugendtag

Nicht nur Kreuzkröte und Schwarzkehlchen, auch Kiebitz, Haubenlerche und Nachtigall, Kreuzblümchen und Heide-Nelke – sie alle sind bedroht, wenn der Papst in die Hangelarer Heide kommt. So jedenfalls sieht das der BUND im Rhein-Sieg-Kreis. Der Naturschutz habe bei der Auswahl des Gebiets keine Rolle gespielt. Die Kirche, die sich immer als Bewahrer der Schöpfung darstelle, sei vor den wirtschaftlichen Interessen der Stadt St. Augustin und dem Rhein-Sieg-Kreis in die Knie gegangen, sagt Paul Kröfges. Der BUND-Vorsitzende des Rhein-Sieg-Kreises war bei den Verhandlungen dabei.

Von Ursula Mense

Unberührte Natur - auch in Hangelar (AP Archiv)
Unberührte Natur - auch in Hangelar (AP Archiv)
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Es hieß hinter den Kulissen und auch davor: die lästigen Ökos, die übertreiben. Wir richten das alles wieder her. Wobei man sehen muss, dass in der Anfangsphase die Stadt sogar die Idee hatte, hier eine Art Freizeitpark daraus zu machen. Da war von Freilichtbühne und ähnlichem die Rede. Der Naturschutz hat bei der Stadt gar keine Rolle gespielt. Den haben wir erst mühsam zu Gehör bringen müssen.

Wenn er so etwas hört, kann bei Matthias Kopp schon mal die Sicherung durchbrennen. Der Pressesprecher des Weltjugendtages versteht nicht, wieso der BUND sich nicht mehr daran erinnert, dass es die Kirche war, die bereits im Sommer 2003 darauf gedrungen habe, bei den Planungen für die Großveranstaltung in der Hangelarer Heide Tabuzonen zu berücksichtigen.

Uns heute vorzuwerfen, Umweltschutz sei uns zu spät eingefallen ist grob fahrlässig. Wir haben dann im Januar deutlicher gesagt bekommen, besonders vom BUND, dass es geschützte Gras- und Krötenarten gibt. Haben dann zu einem Workshop eingeladen, wo der NABU als größter Interessenverband beteiligt, wo der BUND mit beteiligt war und haben eine Erklärung abgegeben, die den Konsens hatte, dass wir uns absolut bereit erklärten, die Hangelarer Heide nach der Veranstaltung in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen. Es hat daraufhin ein Gespräch gegeben mit dem Umweltministerium NRW gegeben. Der BUND ist ausgestiegen, der NABU hat unterzeichnet.

In der Tat hat der Naturschutzbund keine großen Probleme mit dem Standort. Die Befürchtungen des BUND, dass einige der schützenswerten Arten auf immer vertrieben, Kröten massenhaft platt getrampelt und wegen der zu erwartenden Million Besucher auch die Tabuzonen überrannt werden könnten, teilt die andere Umweltschutzorganisation nicht. Natürlich müssen wir auch Kompromisse machen und mit der Politik leben, sagt der NABU NRW-Vorsitzende Tumbring. Er verlässt sich ganz auf seinen Vertreter vor Ort, dem der BUND allerdings Interessenskonflikte vorwirft. NABU Vorsitzender im Rhein-Sieg-Kreis ist Wolfgang Kemmer, und der ist auch Vorsitzender des Landschaftsbeirats und hat als solcher an den Verhandlungen teilgenommen. Leider stand er für ein Gespräch mit dem Deutschlandfunk nicht zur Verfügung.

Aber auch der Umweltdezernent des Rhein-Sieg-Kreises hadert mit den Vorwürfen des BUND. Eine schreckliche Vereinfachung sei das, die geplanten Eingriffe würden so behutsam wie möglich vorgenommen, mit der Umsiedlung der Kröten in Ausweichhabitate zum Beispiel schon in wenigen Wochen begonnen, sagt Michael Jäger. Allerdings lässt er auch keinen Zweifel daran, dass er – so wörtlich – "einen hohen Respekt vor der Planungshoheit der Städte" hat. Und in sofern sieht er im Moment kaum mehr Bewegungsspielraum in der verfahrenen Situation. Denn der BUND hat die Verhandlungen nur deshalb aufgekündigt, weil Kreis und Stadt nicht bereit waren, zwei bestimmte Gruben als Ausgleichsfläche anzuerkennen.

Das heißt vereinfacht: auch der BUND hätte sich mit der Hangelarer Heide als Veranstaltungsort für die Abschlusskundgebung des Weltjugendtages 2005 arrangiert, wenn der Kreis dafür zusätzlich zwei andere benachbarte Areale in das noch auszuweisende Naturschutzgebiet einbezogen hätte. Dazu war der Kreis nicht bereit. Denn hier ist ein Gewerbegebiet geplant.
Für den Veranstalter Weltjugendtag eine vertrackte Situation. Und da hilft es nicht gerade, dass nun auch noch die Diskussion um Blindgänger und andere Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg im Boden der Hangelarer Heide im vollen Gange ist.

Wo schon Veranstaltungen mit hundertausenden stattgefunden haben und dieser Tage ein 23 Tonner LKW über das Gelände fährt, um einen Zeppelin hoch zu ziehen, soll es plötzlich massenweise Bomben und Granaten geben, wundert sich Matthias Kopp. Aber: was sein muss, muss sein. Nun beginnen die Probebohrungen auf ca 5000 Quadratmetern. Und dann wird hoch gerechnet, wie viele Blindgänger es wohl sein könnten auf dem gesamten Areal.

Dann muss man sie finden. Und dann wird eine neue Diskussion beginnen, wer die Kosten übernimmt. Denn das wird mehr sein, als die Proberäumung, die jetzt 13.000 Euro kostet, wo der Jugendtag gesagt hat, wir sind bereit, die zu tragen.

Doch vielleicht gibt es noch eine andere Lösung. Der Geschäftsführer des Weltjugendtag-Büros, Hermann Josef Johanns hat gestern angekündigt, dass die Veranstalter demnächst ein Alternativgelände für die Abschlussveranstaltung in Bornheim-Sechtem zwischen Köln und Bonn prüfen wollten - diese Fläche hatte der BUND selbst zuvor als Ausweichstandort vorgeschlagen.

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