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"Krümel am Kinn"

Die ersten Ergebnisse eines Fünf-Millionen-Forschungsprogramms zu Blutprofilen von Radprofis hat der der Radsport-Weltverband UCI jetzt veröffentlicht. Die UCI outete fünf Fahrer mit auffälligen Blutwerten. Seit 2008 werden Blut- und Steroidprofile von insgesamt 840 Fahrern erarbeitet, um Auffälligkeiten in ihrem Blutbild nachzuweisen und sie des Dopings zu überführen. Aber eine Frage bleibt: Hält diese Beweisführung vor Gerichten stand?

Von Heinz Peter Kreuzer |
    Beim Radsport-Weltverband herrscht keine Einigkeit, wie mit den Ergebnissen der Blutpasses umzugehen ist. Die Anti-Doping-Beauftragte der UCI, Anne Gripper, sagte dem Internetportal "cyclingnews", die Verantwortung liege jetzt bei den nationalen Verbänden. Da es sich um eine vorsätzliche Blutmanipulation handele, sollten die Betrüger für vier Jahre gesperrt werden. Dagegen sieht UCI-Präsident Pat McQuaid andere Zuständigkeiten.

    "Wenn wir die Auffälligkeiten im Blutbild mancher Fahrer publik machen, dann können wir keine vorläufigen Sperren aussprechen. Das funktioniert nicht beim Blutpass, anders als bei positiven A-Proben. Jetzt ist die Verantwortung der Teams gefragt."

    Zwei Radteams reagierten auf die Aufforderung McQuaids. So suspendierten die Mannschaften Lampre und Fuji-Servetto die italienischen Fahrer Pietro Caucchioli und Ricardo Serrano. Außerdem wurden ihr Landsmann Francesco De Bonis sowie die Spanier Ruben Lobato und der frühere Milram-Profi Igor Astarloa belastet. Astarlao war schon 2008 vom deutschen Milram-Team wegen auffälliger Blutwerte entlassen worden. Der Spanier hat dagegen vor dem Internationalen Sportsgerichtshof CAS geklagt. Seine Chancen sind nicht schlecht. Vergangene Woche hat der CAS dem Russen Wladimir Gussew, der vom Team Astana ebenfalls wegen auffälliger Blutwerte entlassen worden war, Recht gegeben. Astana wurde zu rückwirkenden Gehaltszahlungen und Schadensersatz verurteilt. Auch Juristen bezweifeln, ob Sanktionen vor Gericht standhalten. Der in vielen Dopingprozessen erfahrene deutsche Rechtsanwalt Michael Lehner meint:

    "Wir bekommen immer nur Hinweise, aber wir bekommen keine Nachweise. Und diese Schnittlinie ist wissenschaftlich genau zu klären. Aber mit Hinweisen kann ich keine Sanktionen, keine Suspendierungen veranlassen, sondern ich brauche Nachweise. Ob die Blutprofile mit Unterschiedlichkeit oder mit einer besonderen Höhe ein Nachweis sind, das muss wissenschaftlich exakt belegt werden."

    Kritiker bezweifeln die Seriosität des Blutpasses. Denn UCI-Chef McQuaid hatte in der Vergangenheit von 50 verdächtigen Fahrern gesprochen, jetzt wurden erst fünf geoutet. Für den Ex-Gerolsteiner-Teamchef Hans-Michael Holczer ist das bisher nur ein Testballon. Es entstehe dem Radsport offensichtlich kein all zu großer Schaden. Es seien durchweg alles Fahrer von Teams, die nicht mehr existieren, oder Fahrer, denen gekündigt wurde. Ähnlich sieht es Lehner:

    "Möglicherweise will man das in einem niedrigen Level ausprobieren, ob das durchsetzbar ist, und wagt nicht, mit großen Namen nachzukommen. Oder man hat eben keine großen Namen. Ich denke einfach, da ist kein Mut vorhanden in der eigenen Analyse."

    Wissenschaftler sehen das Verfahren jedoch als gesichert an. Laut UCI-Reglement muss sich jeder der 840 Radprofis jährlich zwölf Bluttests unterziehen, davon zehn außerhalb der Wettkämpfe, sowie vier Urintests, davon drei Trainingskontrollen. Außerdem müssen Sportler mit auffälligen Blutwerten für Nachkontrollen zur Verfügung stehen. Professor Mario Thevis vom Kölner Zentrum für Dopingprävention meint.

    "Der Blutpass erlaubt eine Art Indizienprozess, um ein Verfahren gegen Sportler eröffnen zu können, deren Werte, deren Blutparameter auffällig geworden sind. Man kann sich das ungefähr so vorstellen, als würde man den Sportler nicht unbedingt mit den Fingern in der Keksdose erwischen. Aber Schokolade und Krümel im Gesicht und an den Fingern finden, so dass man also Hinweise darauf hat, dass manipuliert wurde. Und diese Beweise sind so beweiskräftig, dass man sie auch für eine Verfahrenseröffnung gebrauchen kann."

    Überführte Doper argumentieren anders. So behauptet der geständige österreichische Radprofi Bernhard Kohl, er habe regelmäßig gedopt und sein Blutbild habe sich dennoch nicht verändert. Dagegen wehrt sich der australische Dopingexperte Robin Parisotto vom neunköpfigen Wissenschaftler-Team der UCI. Bei Kohl sei CERA im Urin nachgewiesen worden. Dessen Blutwerte kenne er zwar nicht, aber er sei sicher, dass es da ebenfalls Doping-Auffälligkeiten gebe.