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Künstlerische AnwendungenApp goes Art

Suchen, finden und optimieren - darum geht es meistens bei Smartphone-Apps. Dass solche Web-Anwendungen auch künstlerisch interessant sein können, zeigt das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und vergibt jährlich die App Art Awards. Dabei üben einige Gewinner sogar Kritik an der App-Kultur.

Von Andi Hörmann

Ein ipad und ein iphone mit buntem Display auf dem verschiedene Apps zu sehen sind. (dpa/ Hans-Jürgen Wiedl)
Apps unter künstlerischen Gesichtspunkten werden beim App Art Award in Karlsruhe prämiert (dpa/ Hans-Jürgen Wiedl)
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"Ich glaube, dass Apps schon eine Möglichkeit sind, um aufmerksam zu machen, auf Dinge, die wir vielleicht manchmal übersehen. Weil es halt auch so ein fluides, fast schon intravenöses Medium ist."

Fluide und intravenös, das klingt ja fast so, als seien Apps wie das Blut, das in unseren Adern fließt und unsere Organe versorgt: Herz und Nieren, Gehirn.

App nutzen, um Fantasie-Arbeit zu leisten

"Es kann nicht sein, dass uns die App die Fantasie-Arbeit wegnimmt. Sondern wir müssen sagen: 'Nein, wir können die App benutzen, um Fantasie-Arbeit zu leisten'."

Elisabeth Pich, Softwareentwicklern am ZKM, und Peter Weibel, der Chef des "Zentrum für Kunst und Medien" in Karlsruhe stehen der App-Industrie kritisch gegenüber. Für beide ist diese Baukasten-Software wie ein Turnschuh im digitalen Marathon der Selbstoptimierung: Apps sollen uns den Alltag erleichtern und machen uns zugleich zu Sklaven der digitalen Selbstverwirklichung.

Im Foyer des ZKM sitzen die Gewinner des diesjährigen "App Art Award": Die jungen Software-Entwickler trinken Kaffee und Limo, und wischen ein wenig auf ihren zerkratzten Tablet-Displays rum - fast alle sind sie in den 1980er-Jahren geboren, also die erste Generation der Digital Natives.

"Wie so ein raubkopiertes Spiel, das man sich vom Internet runterlädt mit allem was dazu gehört: so eine Info-Datei, Anleitungen wie man das Spiel installieren soll …"

Der Chic ist der Kick

In gebrochener Pixel-Optik besticht die App "Glitchskier" durch eine Retro-Ästhetik. Der Chic ist hier der Kick. Entworfen hat das Game der erst 26-jährige Shelly Robin Alon aus Hamburg. Er ist der Gewinner in der Kategorie "Game Art". Jakob Gruhl und Stephan Kloß haben die Musik-App "Soniface" entwickelt.

"'Soniface' ist ein zusammengesetztes Wort aus 'Sonification' und 'Interface' und bedeutet, dass man ein Werkzeug hat, um sich selbst zu verklanglichen. Und das auf eine intuitive und schnelle Art und Weise", sagt Stephan Kloß.

Eine Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zum "Verklanglichen" des Selbst: Das klingt schon nach Esoterik. Und so kommt auch die Benutzeroberfläche daher: Ein waberndes Gittergeflecht, auf- und zugezogen - zwei, drei, vier Finger auf dem Display und die Hand wird zum Drehregler.

"In der unteren, linken Ecke sind die tiefsten Töne und oben sind höchsten Töne, es geht über zwei Oktaven", erklärt Jakob Gruhl.

Konsument wird zum Gestalter

In der Kategorie "Sound Art" gibt es dieses Jahr noch einen zweiten Preisträger: Die App "Visual Beat" von Max Mörtl und Bastian Clausdorff. Sie bringen das Musikvideo wieder zurück ins Analoge. Auf der Benutzeroberfläche liegen 16 Bilder, dahinter die Tonspuren von vier Musikern, die zusammen einen Track gebastelt haben. Fingertipp: On und off, Schichten und Abschalten der einzelnen Spuren. Der Konsument wird zum Gestalter und bekommt die Musik künstlerisch visualisiert.

Auf der Preisverleihung wird der "App Art Award" im ZKM dann oascarreif präsentiert. Zeitgeist auch bei den Preisen: 2017 gibt es zum ersten Mal die Kategorie "AppARTivism". Sozusagen: Künstlerischer Aktionismus im digitalen Hosentaschenformat. Die Auszeichnung geht an die App "Polluted Selfie" des 27-jährigen David Colombini. Narzisstische Smartphone-Bilder werden bei ihm digital verunreinigt, ein Sensor misst die Umweltverschmutzung und zersplittert Kaleidoskop-artig das Selfie - je mehr Dreck in der Luft, desto krasser die Verzerrung.

"Feinstaub macht den Glitch, den Distortion-Level. Und Kohlendioxid macht die Farbe", sagt  David Colombini.

Aussteigen aus dem Selbstoptimierungswahn

Mit einer App Kritik an der App-Kultur üben - das ist schon stark. Die Industrie schmeißt ja eine Anwendung nach der nächsten auf den Markt. Sie sollen uns zu besseren Menschen machen im Streben nach Perfektion. Künstlerische Apps müssen dem etwas entgegen setzen. Elisabeth Pich vom ZKM und Mitglied der Jury des "App Art Award" sieht darin die Revolution:

"Dass man vielleicht auch aus diesem Selbstoptimierungswahn mal aussteigt und fragt: Was machen wir hier eigentlich, was sammeln wir hier eigentlich für Daten? Ich glaube, das sind schon Fragen, die wir im Medium selber auch aufwerfen können auf eine sehr kreative Art."

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