Freitag, 10.04.2020
 
Seit 21:05 Uhr On Stage
StartseiteCorso"Dilletantische Weinacht"19.12.2019

Künstlerkollektiv "Die Tödliche Doris""Dilletantische Weinacht"

Jahresendzeit in Berlin-Kreuzberg. Auf der Weihnachtsfeier des Berliner Künstlerkollektivs "Die Tödliche Doris" geht es um unaufgeklärte Verbrechen der NS-Zeit, das Älterwerden und wie man Staubsauger nicht nur zum Staubsaugen benutzen kann. Geht das zusammen?

Von Kolja Unger

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Zu sehen ist der Musiker und Autor Wolfgang Müller, Mitglied der Band "Die tödliche Doris" (imago stock&people/Christian Mang)
Musiker und Autor Wolfgang Müller lud ein zur etwas anderen "Weinachtsfeier" (imago stock&people/Christian Mang)

"Stille Nacht, heilige Nacht, Gottes Sohn... Das Internet ist abgebrochen." 

Das Video mit der 80er-Jahre-"Stille Nacht"-Version der Künstlerin Tabea Blumenschein friert ein: Die Gäste, die zur Christmasshow des Berliner Künstler*innenkollektivs Tödliche Doris gekommen sind, tauen auf. Beim Eintritt in das ehemalige Aquarienfachgeschäft in Berlin-Kreuzberg begrüßt eine Weihnachtsmännin alle Gäste mit einer herzlichen Umarmung: im Nacktkörperkostüm mit Rauschebart, hängenden Brüsten und schlaffem Penis. Vielleicht nicht familiengerecht. Aber herzlich.

Staatsanwalt a.D. und Genderwissenschaftlerin

Für den Gastgeber und Tödliche-Doris-Gründer Wolfgang Müller ist eine gelungen Weihnachstfeier nämlich eine, "an der sich Freundinnen und Freunde treffen - also eher als eine Familienzusammenkunft. Es sei denn, die einzelnen Familienmitglieder verstehen sich eher als Freunde und Freundinnen."

Zwei dieser Freunde und Freundinnen sitzen neben Müller auf der Bühne, beide Expert*innen für disparat erscheinende Themen. Staatsanwalt a. D. Dietrich Kuhlbrodt, mit weißem Schnurrbart und dunkelbraunem Anzug, und Katrin Kämpf, mit kurzen schwarzen Haaren und einem Antifa-Pullover. Sie ist Genderwissenschaftlerin und Sex-Toy-Rezensentin bei einem Magazin für Lesben. Katrin Kämpf stellt einige Sex-Toys vor, die zeitgleich auf einer Leinwand zu sehen sind als Zeichnungen von Tabea Blumenschein. "Das war ein Staubsaugeraufsatz, nicht für Penisse, sondern für andere Genitalien, und ich packte diese Box aus und dachte, das kann ja nicht wahr sein und wollte es erst zurückschicken, auch weil ich meinen Staubsauger nicht besonders schätze, aber das Ding funktionierte und ich fühlte mich von meinem eigenen Körper betrogen mit dem Staubsauger, weil das Ding so gut funktionierte. Sehr demütigend."

Der Bananenvibrator tanzt fröhlich über den Tisch

Kämpf kriegt häufig Rezensionsexemplare zugesandt und bewertet Anwendung, Farbe und Form und natürlich auch den Sound. Der 87-jährige Kuhlbrodt darf nun – sichtlich angetan – ein Rezensionsexemplar auspacken. Zum Vorschein kommt ein Vibrator in Form einer halb geschälten Banane. Circa 15 Zentimeter. Stolz zeigt er ihn herum. Ein kleines Licht am Bananenschaft leuchtet. Der Bananenvibrator tanzt fröhlich über den Tisch wie ein gelber Aufziehweihnachtsmann, während Kämpf weiter von ihrer Arbeit berichtet.

Katrin Kämpf: "Einer der neuesten Trends der letzten fünf bis zehn Jahren sind Wlan-Vibratoren."
An Paenhuysen: "Ich muss kurz mal unterbrechen, wir haben gerade eine direkte Verbindung zu Andreas Dorau."
Andreas Dorau: "Hallo Wolfgang, äh leider kann ich heute nicht in Berlin sein."

Der Musiker Andreas Dorau, bekannt durch seinem 80er-Jahre-Hit "Fred vom Jupiter", erscheint auf der Leinwand. Er ist gerade in Japan mit der Wander-Ausstellung "Geniale Dilletanten" unterwegs und promotet das neue Album der Tödlichen Doris: Das typische Ding", gespielt auf 31 Vibratoren. "Ein totaler Hit. Ähhh. Die Leute feiern das hier und können es kaum erwarten. Leider hier nur als Import erhältlich, ist so gut wie ausverkauft, und die Leute warten darauf, dass die Box endlich auch hier in Japan erscheint."

Die vermeintliche Live-Schalte ist vorbei ...

Wolfgang Müller: "Ja, jetzt wollten wir eigentlich vom Vibrator zum Faschismus kommen, also zum Thema, das war eigentlich der Plan ..."
Katrin Kämpf: "Ja, das war der ..."
Andreas Dorau: "Hallo Wolfgang, ich kann leider heute nicht ..."
Katrin Kämpf: Der vermisst uns ..."

... unterbrochen von einer versehentlichen Wiederholung der "Live-Schalte". So weit, so dilettantisch, wie von der Tödlichen Doris zu erwarten. Die Gäste im Publikum kennen das schon und lachen.

Ungeahndete Verbrechen der Nazis

Dann folgt Dietrich Kuhlbrodt der Überleitung seines Gastgebers und erzählt, wie er als Staatsanwalt in den 60er-Jahren ungeahndete Nazi-Verbrechen aufdeckte. Etwa die Ermordung von 14.500 Menschen mit Behinderungen in der Tötungsanstalt Hadamar: "Die haben auch schöne Sachen gemacht, zum Beispiel die tausendste Ermordung, Vergasung und Verbrennung eines Kindes gefeiert. Das war ein Betriebsfest. Hab ich alles an Urkunden da."

Wie geht das nun also zusammen? Euthanasie und Vibratoren? NS-Verbrechen und Humor? Für den Staatsanwalt a. D. besteht da ein zwingender Zusammenhang. Denn für ihn lässt sich die Banalität des Bösen auch an ihrer Humorlosigkeit erkennen. Wenn der Hass nur seinesgleichen sucht und versucht alles andere zu vernichten, dann schafft im Gegenzug der Humor Begegnungen etwa von so unterschiedlichen Freund*innen wie Kuhlbrodt, Müller und Kämpf.

Leise vibriert die Banane vor sich hin

Tabea Blumenschein: "Ich wünsche euch allen fröhliche Weihnachten." Ein aktuelles Video der Musikerin Tabea Blumenschein wird eingespielt. Sichtlich gealtert und in einem weißen Sweater, singt sie ihren Weihnachtssong von vor 30 Jahren erneut.

Ja, und auch wenn das schräg klingt: Der Abend hat in der Tat etwas Feierliches. Man merkt den Akteur*innen und Gästen an, dass sie die Freude am gemeinsamen und ungeordneten Austausch völlig unterschiedlicher Themen verbindet. Ein Ineinanderfließen von antifaschistischen Bekenntnissen und lustigen Anekdoten. Am Ende werden die Gastgeber*innen von der Weihnachtsmänn*in exzessiv umarmt.

Leise vibriert die Banane noch vor sich hin, beschwingt ziehen die Gäste los in die stille und – wer's mag – auch heilige Nacht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk