Mittwoch, 25. Mai 2022

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Künstliche Venen für das Meer

Klima.- Was für Fische gut ist, könnte auch dem Klima helfen, so die Idee einiger Firmen. Sie wollen ihre Schläuche, die in Fischfarmen nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben pumpen, auch in den Dienst der Klimarettung stellen. Denn mit den zusätzlichen Nährstoffen ließe sich auch das Algenwachstum und damit der CO2-Verbrauch ankurbeln.

Von Tomma Schröder | 02.03.2010

"Es wurde von einigen Firmen vorgeschlagen, dass man passiv im Ozean treibende Röhren baut, oder Schläuche aus dünne Plastikfolien, die innen drin so eine Art Venenklappe haben, also Rückschlagventile, die dann durch die Wellenbewegung netto Wasser nach oben pumpen. Also was unsere Venen in den Beinen eigentlich auch machen, die das Blut wieder nach oben bringen, aber ohne aktive Pumpen drin."

Für Andreas Oschlies klang der Vorschlag, dem Ozean künstliche Venen zu verpassen, zunächst vielversprechend. Schließlich würde durch das nährstoffreiche Tiefenwasser die Photosynthese und damit der CO2-Verbrauch an der Wasseroberfläche angekurbelt werden. Doch der Modellierer am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel wollte die Wirkung des sogenannten Artificial Upwellings, des künstlichen Auftriebs, genauer prüfen.

"Was passiert, wenn man da solche Röhren reinhängt, die so einen künstlichen Auftriebsmechanismus haben? Und da haben wir gesehen: Prinzipiell funktioniert es. Wir sehen auch, es blüht oben mehr, es blühen mehr Algen, es wächst mehr, es fällt auch mehr runter."

Und alles, was runterfällt, nimmt Kohlendioxid mit in die Tiefen des Ozeans. Ein erwünschter Effekt. Doch das Tiefenwasser ist nicht nur reich an Nährstoffen, sondern auch an Kohlendioxid. In den Modellen, in denen Andreas Oschlies mit australischen und britischen Forschern die Wirkung der Schläuche simulierte, fiel dieses zusätzliche Kohlendioxid allerdings weniger stark ins Gewicht als erwartet.

"Überraschenderweise haben wir gesehen, dass wir doch sehr viel Kohlenstoff aus der Atmosphäre entfernen, so 80, 90 Gigatonnen im Hundert-Jahre-Zeitraum."

Das wäre ein Zehntel der menschengemachten CO2-Emissionen. Ein Ergebnis, das überrascht.

"Das hätte eigentlich nicht sein dürfen. Und wir haben genau nachgeschaut: Im Ozean landet das auch nicht, oder landet nur ein kleiner Teil davon, ungefähr 20, 25 Prozent. Der Rest landet in unserem Klimamodell an Land, in den Böden vor allen Dingen und in der Landvegetation. Und das ist darauf zurückzuführen, dass wir durch das Auftreiben von Tiefenwasser etwas kältere Oberflächenwasser schaffen."

Das kältere Oberflächenwasser wiederum kühlt auch das Land ab. Dort führen die niedrigeren Temperaturen dazu, dass sich die Verfaulungsprozesse an Land verlangsamen. Das dabei freigesetzte Kohlendioxid wird deutlich reduziert.

Trotz dieser ermutigenden Ergebnisse, sieht Andreas Oschlies in dem Artificial Upwelling keine Lösung für das Kohlendioxid-Problem. Zum einen hat er in seinen Modellen mit 100 Millionen Röhren gerechnet, die 200 Mal die Fließmenge des Amazonas aus dem Tiefenwasser nach oben pumpen: Eine Dimension, die einiger juristischer und finanzieller Anstrengungen bedürfte. Außerdem, so Oschlies, wird durch die Temperaturabsenkung an sehr vielen verschiedenen Orten CO2 eingespart, ohne dass sich der Effekt genau nachweisen ließe.

"Es kann sich also keiner mit einem Messgerät hinstellen und sagen: Das liegt jetzt daran, dass wir da irgendwo so eine Röhre in den Ozean gehängt haben. Und diese Kausalität ist eben nicht gegeben. Und die würde man aber gerne haben, wenn man dafür Dollars zahlt, dass eine Firma einem da Röhren in den Ozean hängt."

Das gewichtigste Argument gegen das Artificial Upwelling sieht Andreas Oschlies jedoch in einem anderen Punkt: Wird diese Maßnahme irgendwann wieder eingestellt, so wird es innerhalb von Jahrzehnten noch wärmer werden, als es in einer Welt wäre, die niemals auf das Artificial Upwelling gesetzt hätte. Schuld daran ist die künstliche herbeigeführte kühlere Oberflächentemperatur. Denn die führt dazu, dass die Erde mehr von der Wärmestrahlung aufnimmt, sich also stärker erhitzt.

"Und das ist eigentlich eine Situation, die man nicht haben darf durch kein Geoengineering-Verfahren. Denn wir müssen immer die Tür für so einen Notausstieg offen haben. Wir wissen nicht, wie funktionieren die Systeme in der Praxis. Wir haben sicherlich irgendwelche Sachen übersehen. Und deswegen plädiere ich auch dafür, dass wir die in der Praxis nicht großskalig einsetzen."

Ob dieses Plädoyer gehört wird, ist fraglich. Bereits vor einem halben Jahr sorgte Bill Gates für Schlagzeilen, als er ankündigte, das Artificial Upwelling im großen Stil finanzieren zu wollen. Damals ging es jedoch noch nicht um CO2-Speicherung, sondern um Hurrikans, die durch das kühle Wasser an der Oberfläche gebremst werden sollten. Aber auch für die neue Idee gäbe es bereits finanzstarke Interessenten, weiß Andreas Oschlies. Daher rechnet der Wissenschaftler auch damit, dass ihm die Studie eine Schadensersatzklage der betreffenden Firmen einbringen wird. Einschüchtern kann ihn das aber nicht. Die Wissenschaft ist schließlich frei, sagt er.