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Kultur auf Rezept

Die Düsseldorfer Kinder- und Jugendärzte verordnen seit heute kostenlos Kultur auf Rezept: Alle Patienten zwischen sieben und 13 Jahren bekommen nun bei Vorsorgeuntersuchungen einen Gutschein für einen Theaterbesuch.

Von Jana Edelmann | 26.08.2009
    Der Düsseldorfer Kinderarzt Hermann Josef Kahl hat das Projekt "Kulturspritze" mitentworfen. Er ist sicher, dass ein Theaterbesuch als "kulturelle Primärprävention" , wie er es sozialwissenschaftlich nennt, medizinisch durchaus Sinn mache:

    "Ich weiß, dass eine höhere Bildung einen besseren Umgang mit Gesundheit induziert. Und wir erhoffen uns damit, einen Impuls zu setzen, dass Auseinandersetzung mit Kultur zu einer höheren Bildung führt und dass ein höherer Bildungsstand ganz klar mit einem besseren Gesundheitsbewusstsein einhergeht."

    Für die "Kulturspritze" der Düsseldorfer Ärzte gab's keine staatliche Finanzspritze - das Projekt wird von der Stiftung "Kind und Jugend" des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte getragen. Bei Politik und Krankenkassen sei das Projekt bisher noch auf wenig Resonanz gestoßen, meinte Kahl. Die Kinderarzt-Landesverbände aus Bayern und Berlin hingegen interessieren sich schon für die "Kulturspritze". Erst mal gelten die Theaterrezepte aber nur für das Junge Schauspielhaus Düsseldorf: Stefan Fischer-Fels ist Leiter des Kinder- und Jugendtheaters in der Landeshauptstadt:

    "Ich glaube die Idee ist so zwingend, weil sie sozusagen das Theater erweitert und die Sicht auf Gesundheit erweitert. Dass Kultur zur Gesundheit dazugehört, dass Kultur ein Grundnahrungsmittel ist, und kein Luxusartikel, das ist doch die Grundidee dahinter und die revolutioniert das Theaterverständnis und das Medizinverständnis."

    Die Initiatoren der "Kulturspritze" hoffen, dass sie bald auch für die rund 180 weiteren Kinder- und Jugendtheater in Deutschland kostenlose Theaterrezepte bei den Vorsorgeuntersuchungen ausstellen können. Der Gedanke des Projekts, dass alle Theatererfahrung machen sollen, egal aus welchem Elternhaus, egal aus welchem sozialen Milieu sie kommen decke sich ohnehin mit der Philosophie und dem breiten Kulturverständnis aller Kinder-und Jugendtheater, so Theaterleiter Fischer-Fels:

    "Es ist keine elitäre Bildungsanstalt, sondern eine für alle Schichten und Kulturen. Und wir glauben eben auch, dass wir Themen und Geschichten im Programm haben, die alle Kinder und Jugendliche interessieren, weil in einem Theater wie dem Jungen Schauspielhaus werden Geschichten über Kindheit und Jugend von heute, gegenwärtige Geschichten in gegenwärtiger Ästhetik erzählt."

    Die "Kulturspritze" wird auch einen Farbspritzer für die Kinderarzt-Praxen bedeuten: Mit Aufstellern, Plakaten und Infoblättern im bunten Pop-Art-Design wird in den beteiligten Praxen farbträchtig auf das Projekt hingewiesen. Damit werden die ja sonst eher steril-weißen Wartezimmer zwar noch nicht gleich zum Theaterfoyer, doch der Gang zum Arzt bringt die Bühnenwelt wenigstens ein bisschen näher. 15 000 Theatergutscheine können die Kinderärzte in Düsseldorf und Umgebung an ihre jungen Patienten pro Jahr ausgeben, sagte Kahl. Dass die jungen Patienten aber tatsächlich auch zum jungen Publikum werden, und das Rezept einlösen, darum sollen sich die Ärzte schriftlich kümmern, sagte Kinderarzt Hermann Josef Kahl.

    "In den Praxen werden die Kinder und Jugendlichen, wenn sie an den Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen haben, einen Gutschein ausgehändigt bekommen mit der Erklärung des Kinder- und Jugendarztes, daran teilzunehmen, warum das schön sein kann, warum das auch wichtig sein kann, sodass die Botschaft auch verbal von dem Kinder- und Jugendarzt an das Kind oder den Jugendlichen und an die Eltern natürlich weitergegeben wird."

    Ein Rezept ausstellen, das garantiert keine medizinischen Risiken birgt, dafür aber kulturelle Nebenwirkungen bergen soll - mit strenger Schulmedizin hat das ja wenig zu tun.:

    "Das fällt mir gar nicht schwer, ich hab auch anthroposophische Medizin zum Teil gemacht, die machen sowieso Musik und Maltherapie und mich hat nur gefreut, dass hier ein Theatermann sagt, er will ganzheitlich arbeiten, weil das tue ich eben auch und, das passt für mich alles zusammen. "

    Die Düsseldorfer Kinderärztin Birgit Völker hat schon einer Patientin versprochen, ihr das Theaterrezept auszustellen. Und auch ihre Kollegin Sabine Böckel-Frenz, wird von nun an Kultur verordnen:

    " "Ich finde das total wichtig, dass in Zeiten von ADS und Computer-Fernsehüberfütterung die Kinder wirklich auch mal Theater miterleben - interaktiv, da ist man viel mehr drin - und ich hoffe auch, dass das gut ankommt und das die Kinder ihre Gutscheine auch alle einlösen."

    Die "Kulturspritze" schließt an einen Gedanken der griechischen Philosophie an: Theater kann heilende Kräfte entfalten, meinte Aristoteles schon vor über 2000 Jahren.