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Thomas-Bernhard-Ausstellung in Marbach

Mit "Nicht enden können" beschließt das Literaturmuseum Marbach in diesem Jahr seine 2010 begonnene Ausstellungsreihe "Suhrkamp-Insel". Diesmal im Mittelpunkt: der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard und seine Korrekturen - nicht nur am gesellschaftlichen Denken, sondern auch am eigenen Werk.

Von Christian Gampert | 14.02.2014
    Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976.
    Die Thomas-Bernhard-Ausstellung in Marbach beendet die zwölfteilige Reihe "Suhrkamp-Insel". (picture alliance / dpa)
    Thomas Bernhard gab sich selber Noten. "1 A sehr gut!!!" steht unter dem Gedicht "Es ziehn die Liebenden", das der junge Bernhard 1952 in ein Notizheft mit dem Titel "Die Pfingstrose" geschrieben hatte. Dabei sind die einzelnen Strophen aber derart korrigiert, dass vom ursprünglichen Text kaum noch etwas zu sehen ist. Die glatte 1 ist also astreine Selbstironie, und das ständige Überarbeiten von Texten hat auch der Prosaautor Bernhard ein Leben lang beibehalten, zum Teil bis in die Druckfahnen hinein.
    Es ist nützlich, zu sehen, dass Bernhard mit Lyrik angefangen hat – weil es noch mal die Augen öffnet für die enorme Musikalität seiner Texte, den Sprachrhythmus, das Stilmittel der ständigen, fast liturgischen Wiederholung. Auch in bereits erschienenen Büchern hat Bernhard wild herumgestrichen – eine Neuauflage seines ersten Gedichtbands "Auf der Erde und in der Hölle" (von 1957) war nicht möglich, weil vom Text praktisch nichts übrig war.
    Die kleine Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne, die die Reihe "Suhrkamp-Insel" beschließt, führt uns mit handverlesenen Manuskripten noch einmal vor, warum man sich für Thomas Bernhard einst begeistern konnte und warum man ihn irgendwann aber auch fürchterlich nervend fand.
    Ja, wir leben zum Tode hin. Und die Welt war und ist schlecht, besonders in Österreich und besonders die Welt eingebildeter Kulturlackel; aber der Schmäh und das Schimpfen an sich ist – naturgemäß, wie Bernhard sagen würde - auch nichts, selbst als Kunstform, was den Menschen wirklich schöner macht. Und der Hang zur melancholischen Selbstvernichtung auch nicht.
    In Marbach aber wird klar, dass der gnadenlose Sarkastiker Bernhard auch sich selbst nichts nachsah, gerade beim Schreiben nicht. Was gestrichen wird, ist in den maschinenbeschriebenen Prosablättern mit schwarzem Filzstift quasi ausgelöscht – und die Auslöschung ist ja ein großes Thema Bernhards und hat es bis zum Buchtitel gebracht. Mit Maschine wird Text eingefügt und handschriftlich nochmals verbessert. Und dann möglicherweise wieder gestrichen. Nie ist es perfekt, nie ist es zu Ende. Aber auch jeder Anfang wird durch permanente Korrektur zunichte gemacht. Dass mit dieser Arbeitsweise überhaupt etwas entstanden ist, hängt offenbar mit dem manischen Rede- und Schreibdrang des Autors Bernhard zusammen, mit dem inneren Motor – und möglicherweise mit Siegfried Unseld, der irgendwann den Deckel zuklappte und den Text veröffentlichte.
    Unter den Vitrinen wird aber auch dargelegt, wie der Bernhard-Stil entsteht: durch permanente Schärfung sprachlicher Elemente. Im Typoskript von "Gehen" sind bestimmte Passagen unterstrichen, die dann kursiv gesetzt wurden; dadurch und durch den exzessiven Gebrauch der indirekten Rede entsteht ein eigener Rhythmus, die Bewegung des dialogisierenden Gehens. Wiederkehrende verabsolutierende Füllwörter wie gänzlich, vollkommen, naturgemäß machen die Sache apodiktisch. Manchmal hatte das permanente Streichen aber auch juristische Gründe: Noch in den Druckfahnen von "Holzfällen" fallen ganze Teile weg und die Namen der Protagonisten werden verändert - aus der Gymnasiallehrerin Juniröcker, ergo Mayröcker, wird Anna Schrecker; und aus dem
    Komponisten Gerhard Lampersberg werden die Eheleute Auersberger. Das Buch wurde trotzdem in Österreich verboten und beschlagnahmt. In der "Auslöschung" praktiziert Bernhard dann am extremsten sein Paradox, durch Schreiben Erinnerung zu bewahren und gleichzeitig zu vernichten. Auch hier ständige Veränderungen, ein permanentes Nicht-Enden-Können – bis hin zu der Pointe, dass es drei Schluss-Varianten gibt.
    Enden wird nun vorerst die Ausstellungsreihe, mit der man in Marbach den Wissenschaftlern beim Auspacken des Suhrkamp-Archivs zugucken konnte. Seit Juni 2010 durften wir erleben, wie der Verlag südamerikanische Literatur erschloss, Max Frisch Tagebuch führte und Stefan Zweig eine Weltbibliothek initiierte. Aber da kommt noch was: Suhrkamp ist eine permanente Großbaustelle. Nicht nur vor Gericht, auch in Marbach. Fortsetzung folgt. Bestimmt.