Samstag, 04. Dezember 2021

Kulturdebatten abseits des FeuilletonsModekritik auf Instagram und TikTok

Digitale Plattformen sind ein wichtiges Tool zur Verbreitung von Modetrends und laufen den klassischen Medien den Rang ab. Bilder sind schnell neu gepostet, gedruckte Hefte kommen wesentlich später beim Leser an. Die Schnelligkeit hat Vor- und Nachteile. Beide Medien können voneinander lernen.

Von Gesine Kühne | 24.02.2021

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Sind Unpacking-Videos auf Instagram Modejournalismus? (Imago / Cavan Images)
Geschmackvolle Designkleidung, eine dunkle Sonnenbrille stößt an den geraden Pony, die vorderen Strähnen des akkuraten Bobs fallen ihr ins Gesicht, wenn sie kritisch den Kopf zur Seite neigt. Wer nur ein bisschen Modekenntnis hat, erkennt eine Anna Wintour sofort. Die 71-jährige ist seit 1988 Chefredakteurin der Vogue, ihre Kritik bei Designer*innen gefürchtet, auf Instagram folgen ihr 145.000 Menschen. Das ist ganz gut, geht aber bei Influencer*innen deutlich besser.
Ein Beispiel: Bei Bloggerin der ersten Stunde und Onlinemagazinmacherin Jessica Weiß haben schlappe 54.000 mehr Menschen auf "Folgen" geklickt.
Professorin für Modejournalismus, Diana Weis, erinnert sich: "Sagen wir mal es ging 2005 mit den Fashion Blogs los, ich hab das sehr interessiert beobachtet aber auch ein bisschen amüsiert, weil ich ja schon etwas älter war und nicht dachte, dass das noch was für mich wäre."

Stolzierende Pfauen und Raben

Diana Weis ist außerdem Autorin des Buches "Modebilder", das in der Reihe "Digitale Bildkulturen" erschienen ist. "Ich kann mich nicht ganz ausnehmen, das Gefühl gehabt zu haben, dass diese typischen Modeblogger auch was Lächerliches haben. Das stimmt schon, was Suzy Menkes sagt, dass sie so rumstolzieren." Suzy Menkes, Stilkritikerin für die New York Times, ärgerte sich über die auffällig gekleideten Modeblogger*innen, die allen und allem die Schau stählen. Stolzierende Pfauen seien sie, die alteingesessene Modeelite beschreibt Menkes hingegen als Raben.
Die akademischen Modetheoretiker*innen sind der Veränderung in der Modeberichterstattung dennoch erstmal aufgeschlossen gegenüber. Diana Weis: "Das ist so demokratisch jetzt, es kommt so aus dem Volke die Stimme, die diese Eliten hinwegfegt."Diese positive Meinung gegenüber Blogger*innen entstehe vor allem, weil sich niemand aus der Elite bedroht fühle, erzählt Weis. "Lustige kleine Clowns, die das mal so aufmischen, aber die können einem ja nichts tun, weil die ja gar nicht in der Lage sind, Mode zu beurteilen."

Kreativität im Bewegtbild

Auch wenn das zum Teil stimmen mag – spätestens mit Instagram werden Redakteur*innen zwar nicht von ihrem Sessel, denn den will keine Influencerin, aber vom hohen Ross geholt. Der Modezirkus, der lange nur an einem Ort verweilte, nämlich im Hochglanzmagazin, wandert auf einmal weiter.
"Wir bekommen alles in Feed-Informationen, dass heißt in Real Time von oben nach unten auf unseren Handybildschirm", sagt Lisa Trautmann, die sich mit ihren Mitte Dreißig das Internet und besonders Instagram ganz gut angeeignet hat. Denn Trautmann ist Lifestylejournalistin mit Fokus auf Mode, Nachhaltigkeit und Diversität. Sie ist zum Beispiel eine derjenigen, die keiner Zeitungsredakteurin ihren Job streitig macht, weil sie einfach ihr eigenes Magazin, online natürlich, gelauncht hat.
Gerade das jüngere Videoportal TikTok habe das Potenzial, den Modezirkus noch einmal mehr auf den Kopf zu stellen. "Man ist auch unabhängig vom Anspruch eines Mediums. Und wenn du sagst, ich möchte Models in Rollstühlen, ich möchte viele BiPoC, ich möchte Age Diversity, dann kannst du das einfach machen und veröffentlichen." Die Kreativität in Sachen Bewegtbild sei explodiert, sagt Lisa Trautmann. Für die Mode so wichtig, denn Kleidung lässt sich am besten präsentieren, wenn sie getragen wird. In Bewegung. Das mache eine klassisch ausgebildete Modejournalistin aber nicht obsolet.

Neue Bereiche miteinbeziehen

Lisa Trautmann: "Die Qualität und die Ausbildung kann dir niemand nehmen, aber ich denke, man muss da einen guten Weg finden als Redakteurin oder Redakteur, diese neuen Bereiche mit einzubeziehen oder sich zu eigen zu machen, dafür zu sorgen, dass man selber nicht von der Bildfläche verschwindet."
Denn auch bei den Bildplattformen wird inzwischen auf Text gesetzt und der liest sich besser und vor allem lieber, wenn er nicht von Fehlern durchzogen ist. Es können also nicht nur die klassischen Modemedien von Instagram und TikTok lernen, sondern auch die Influencer*innen von den ausgebildeten Modejournalist*innen und wenn es nur die Rechtschreibung ist.