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StartseiteHintergrundKulturelle Angelegenheit oder Menschenrechtsverletzung?17.01.2004

Kulturelle Angelegenheit oder Menschenrechtsverletzung?

Zwangsheiraten in Deutschland

<em> Die Ehe darf nur auf Grund der freien und vollen Willenseinigung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden. </em>

Von Victoria Eglau

Zwangsheiraten kommen auch in Deutschland vor (AP)
Zwangsheiraten kommen auch in Deutschland vor (AP)
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- heißt es in Artikel 16 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dass die Ehe freiwillig und auf Grund der freien Entscheidung beider Partner geschlossen werden soll, klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es jedoch nicht. In zahlreichen Ländern und Kulturen werden bis heute Menschen zur Ehe gezwungen. Und in den meisten Fällen sind es Frauen und Mädchen, die unter sogenannter Zwangsverheiratung leiden.

In Deutschland ist die freie Wahl des Ehepartners, anders als in früheren Jahrhunderten, heutzutage der Normalfall. Doch auch hierzulande kommen Zwangsheiraten vor. Betroffen sind vorwiegend Migrantinnen, jedoch nicht nur Frauen mit islamischem Hintergrund. Zwangsheiraten gibt es auch bei Hindu- und Roma-Familien, genauso wie bei christlichen Minderheiten. Wie groß das Problem in Deutschland ist, weiß keiner. Bundesweite Studien oder Erhebungen gibt es nicht.

Eine der wenigen Zahlen zum Thema Zwangsheirat kommt aus dem multikulturellen Berlin. Als Reaktion auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Abgeordneten Sybill Klotz ermittelte die Senatsverwaltung für Frauen für das vergangene Jahr 220 Fälle von angedrohter oder vollzogener Zwangsverheiratung. Diese Zahl war das Ergebnis einer Umfrage bei rund fünfzig Berliner Hilfs- und Beratungseinrichtungen. Frauen-Staatssekretärin Susanne Ahlers:

Natürlich ist die Dunkelziffer um ein X-faches größer. Es ist lediglich ein Ausschnitt. Also lediglich auch unsere Befragung ein Ausschnitt, weil wir ja nicht alle Institutionen abfragen können, sondern die, von denen wir angenommen haben, sie seien mit dem Thema konfrontiert worden. Und von daher gehen wir von einer viel, viel größeren Zahl aus.

Dass die 220 Zwangsheiraten, die den befragten Berliner Einrichtungen 2002 bekannt wurden, nur die Spitze des Eisbergs sind, glaubt auch die Organisation für Frauenrechte "Terre des Femmes". Denn viele betroffene Frauen würden sich niemals an eine Beratungsstelle wenden, sagt Mitarbeiterin Rahel Volz:

Weil die Schwelle, zu einer Beratungsstelle zu gehen, für die betroffenen Mädchen oftmals sehr hoch ist. Also viele Frauen, die davon betroffen sind, kommen ja auch aus den Herkunftsländern, es sind ja vor allem Migrantinnen von Zwangsheirat betroffen, und diese Frauen, die in der Regel kaum Deutsch sprechen, für die ist die Hürde, zu einer Beratungsstelle zu gehen, natürlich unheimlich hoch.

Eine Ehe zu arrangieren, also der Tochter einen Bräutigam auszusuchen oder dem Sohn eine Braut, das war auch in Deutschland einmal verbreitet, und ist in vielen Kulturen heute immer noch normal.

Wo aber verläuft die Grenze zwischen arrangierter Ehe und Zwangsheirat? Corinna Ter-Nedden von der Berliner Kriseneinrichtung "Papatya", die von Zwangsverheiratung bedrohte Mädchen unterstützt:

Ich denke, das ist eine weiche Grenze, die man eigentlich auch immer nur subjektiver Sicht der Betroffenen bestimmen kann. Weil, für viele Mädchen ist das durchaus akzeptiert und in Ordnung, dass die Familie ihnen einen Heiratskandidaten vorschlägt, wenn dann eben auch ihr Nein gehört – wenn sie Nein sagen. Aber bei den Mädchen, die zu uns kommen, da ist es so, dass ihr Nein nicht gehört worden ist. Viele trauen sich auch gar nicht zu sagen, dass sie diesen oder jenen Mann nicht heiraten möchten, weil die gesamte Gesprächskultur in der Familie schon so ist, dass Mädchen nicht zu widersprechen haben, dass Jüngere Älteren gegenüber Respekt zu zeigen haben, oder dass sowieso schon eine solche Gewaltproblematik in der Familie ist, dass man am besten den Mund hält.

Die Motive der Eltern dafür, die Tochter, wenn es sein muss, auch gegen ihren Willen zu verheiraten, sind vielfältig. Oft kennt es die Familie gar nicht anders, und handelt in der Überzeugung, nur das Beste für die Tochter zu wollen. Auch der Wunsch nach Kontrolle und Disziplinierung ist ein häufiger Beweggrund, weiß die türkischstämmige Berliner Rechtsanwältin Seyran Ates:

Die Angst vor der unsittlichen, unmoralischen deutschen Umgebung. Denn sie erleben ja hier so viel Offenheit, so viel sexuelle Freiheit. Das sehen sie, und es besteht die Befürchtung, dass die Tochter das nachahmen möchte. Also will man sie so schnell wie möglich unter die Haube bringen, damit man die Verantwortung los wird: die Verantwortung für die jungfräuliche Tochter, die ja die Ehre der Familie darstellt. Und wenn sie außerhalb der Ehe einen Freund hat, und Geschlechtsverkehr hat, dann verliert sie die Jungfräulichkeit und somit verletzt sie die Ehre. Und zum Schutz der Ehre muss sie verheiratet werden.

Bei der Verheiratung der Tochter mit einem Mann aus dem eigenen Kulturkreis, vielleicht sogar einem Verwandten, kann auch der Wunsch eine Rolle spielen, die eigene Identität in der fremden Gesellschaft nicht zu verlieren. Manchmal sind die Motive noch handfester. Die Verheiratung junger Frauen werde von Familien immer wieder auch als Einwanderungs-Instrument missbraucht, berichtet Rechtsanwältin Ates. Durch die Ehe der Tochter mit einem Mann aus dem Herkunftsland soll diesem ermöglicht werden, in Deutschland zu leben.

Dieses Motiv führt insbesondere Familien dazu, Verwandten-Hochzeiten zu arrangieren, zu erzwingen. Weil man die Familie wirtschaftlich unterstützen will. Also, dann kommen die Mütter und Väter plötzlich auf die Idee: Also, mein Bruder, oder meine Schwester in der Türkei hat einen Sohn, eine Tochter, und denen geht es in der Türkei wirtschaftlich nicht so gut. Also holen wir die hierher, damit es denen hier besser geht. Ja, und dann opfern sie in meinen Augen einfach ihre Kinder, dafür, dass irgend jemand anders aus der Türkei hierher kommen kann.

Welche Motive die Eltern auch haben – der Druck, den sie auf die Töchter ausüben, kann massive Formen annehmen. Die Mädchen, die in der Berliner Kriseneinrichtung Zuflucht suchen, waren in der Regel solch einem Druck ausgesetzt, und haben Zwang, Drohungen und Einschüchterung nicht mehr ausgehalten. Mitarbeiterin Corinna Ter-Nedden:

Also z.B. bei einer Einwanderung: Willst du, dass Dein Cousin im Libanon sterben muss? Solche Geschichten. Oder: Wer glaubst Du, der Du bist, dass Du irgendwie meinst, Du bist was besseres? Oder: Ist der nicht gut genug für Dich, was willst du denn noch? Mädchen werden eingesperrt, Mädchen wird gedroht: Wenn Du nicht, dann muss Deine jüngere Schwester eben den heiraten. Bis eben hin zu Androhungen: Wenn Du ihn nicht nimmst, dann bringen wir Dich um! Das sind sicher die Extrem-Fälle der Extrem-Fälle, aber das gibt es durchaus auch.

Mädchen, die sich in einer solchen Situation entschließen, ihre Familie zu verlassen, wissen, dass es möglicherweise kein Zurück gibt. Bei "Papatya" finden sie einen anonymen Schutzraum – solange sie ihn brauchen.

Adresse und Telefonnummer der Wohnung, in der bis zu acht junge Mädchen gleichzeitig übernachten können, werden streng geheim gehalten. Vier bis sechs Wochen bleiben die jungen Frauen im Durchschnitt. Danach beginnt oft ein neues Leben: in einer betreuten Wohngemeinschaft zum Beispiel, oder sogar in einer eigenen Wohnung. Corinna Ter-Nedden:

Ein Teil der Mädchen muss z.B. auch Berlin verlassen. Also, wo einfach die Familien so groß sind, die Gefährdungen so heftig, auch keine Einigkeit mit der Familie erzielt werden kann, dass wir eben – es sind nicht sehr viele jedes Jahr, aber ein paar – dass wir sie in anderen Bundesländern außerhalb Berlins unterbringen.

In die Kriseneinrichtung "Papatya" kam vor fast drei Jahren auch die junge Berlinerin Leila, deren Namen wir auf ihren Wunsch geändert haben. Leilas Fall war ein besonderer: Sie war nicht nur gegen ihren Willen, sondern auch ohne ihr Wissen verheiratet worden. Ihre Eltern hatten die damals 18jährige mit in das arabische Herkunftsland der Familie genommen. Dort wartete ein Mann auf sie, dem sie versprochen worden war, als sie noch ein Kind war.

Jedes Mal, wenn er angerufen hat, haben die mich immer gerufen, ich sollte mit ihm am Telefon reden. Ich wollte nie. Dann hat meine Mutter sich immer aufgeregt, und dann musste ich mit ihm sprechen. Und ich wusste ja noch nicht mal, was ich sagen soll. Er hat Arabisch geredet, und ich hab ihn meistens nicht verstanden.

Sprachprobleme waren auch daran schuld, dass Leila nicht begriff, dass sie in der für sie fremden Heimat keine Verlobungs-, sondern eine Heiratsurkunde unterschrieb. Die gebürtige Berlinerin fühlt sich in der deutschen Sprache mehr zu Hause als in der arabischen. Immer wieder hatten ihre Eltern sie zur Verlobung mit dem jungen Mann aus gutem Hause gedrängt. Leila gab schließlich nach und sagte und Ja zu einer Probezeit mit dem Fremden.

Wir waren in so einem Gebäude, und da war mein Vater dabei, und sein Vater war dabei. Und die meisten haben mehr auf Arabisch gesprochen. Mein Vater meinte damals zu mir: Wenn ich das unterschreibe, kann er auch nach Berlin kommen.

Wenige Wochen nach Ankunft des vermeintlichen Verlobten stand für Leila fest, dass sie eine Heirat um keinen Preis wollte.

Ich durfte halt kaum noch was machen. Ich sollte nicht laut lachen, ich durfte mit Freunden nicht weggehen. Und er wollte auch, dass ich Kopftuch trage. Er hat halt vor meinen Eltern gespielt, als wäre er der Moderne und der Lockere. Dabei war das alles gar nicht der Fall! Er war überhaupt nicht locker, nicht modern. Er war einfach altmodisch. Nach diesem ganzen Streit hin und her, hab ich dann gesagt: Ich möchte ihn nicht mehr haben. Ich hab den Ring ausgezogen, und hab ich ihm auf den Tisch gelegt. Und daraufhin hat er gelacht, und gemeint, wir wären schon verheiratet.

Die Erkenntnis, in Ausnutzung ihrer Unwissenheit von den Eltern verheiratet worden zu sein, löste bei der jungen Frau neben Panik vor allem riesengroße Enttäuschung aus:

Ich war enttäuscht von meinen Eltern, weil sie mich einfach belogen haben. Das hätte ich halt niemals gedacht. Weil, meine Eltern haben mich eigentlich von Anfang an deutsch erzogen, locker, normal, alles, niemals streng oder so. Und das hab ich halt niemals geglaubt, dass die das durchgezogen haben mit mir.

Leila sah nur einen Ausweg: Flucht. An einem Morgen im April 2001 stahl sie sich mit einer kleinen Reisetasche aus der Wohnung, setzte sich eine Perücke auf den Kopf und machte sich auf den Weg zum Berliner Jugendnotdienst. Dort holten sie die Mitarbeiter der Kriseneinrichtung ab und brachten sie in die anonyme Wohnung. Was dann geschah, ist typisch für Fälle von Zwangsverheiratung: Leilas Familie zog alle Register, um die Tochter zurückzuholen. Auf ihrem Handy traf eine SMS nach der anderen ein: Vorwürfe, Aufforderungen, nach Hause zu kommen. Bei den ersten Telefonaten mit den Eltern waren die Mitarbeiter von "Papatya" deshalb dabei.

Sie haben uns halt diesen Schutz gegeben, indem sie daneben saßen und Lautsprecher angemacht haben. Damit sie halt, falls es zu schlimm wird, dann auch sagen: Leg auf. Weil es war ja auch meistens der Fall, dass es dann schlimmer wurde. Dass die dann am Telefon alle weinen, meine Mutter hat geweint, und mein Vater. Mein Onkel meinte, ich mache einen Fehler, den größten Fehler, den ich jemals machen konnte. Also, die haben mich halt so richtig von innen, so von wegen dass ich das Schlimmste gemacht habe, was je passierte. Dass ich meine Eltern kaputt gemacht habe.

In einer solchen Situation ist es die Aufgabe der Psychologen und Sozialarbeiter, ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen Familie und Tochter zustande zu bringen. Es findet in der Regel an einem neutralen Ort statt, zum Beispiel im Jugendamt – wenn nötig, auch unter besonderen Schutzvorkehrungen.

25 von Zwangsverheiratung betroffene Mädchen betreute die Kriseneinrichtung "Papatya" im vorletzten Jahr. In allen Fällen hätten die Gespräche zu einem Umdenken der Eltern geführt, berichtet Mitarbeiterin Corinna Ter-Nedden:

Also, die Eltern haben eigentlich in der Regel, unter dem Druck der Situation, dass die Tochter weg ist und sie sie zurück haben wollen, eingelenkt, und haben gesagt: Na gut, dann ziehen wir eben diese Pläne zurück. Dann müssen wir eben diesen Gesichtsverlust in der Familie hinnehmen, dass wir erst gesagt haben: Wir sind mit der Heirat einverstanden, und jetzt sagen wir plötzlich: Nee, wir wollen nicht mehr.

Trotz der Gesprächsbereitschaft der Eltern entschied allerdings die Hälfte der von "Papatya" aufgefangenen Mädchen, nicht in die Familie zurückzukehren.

Die Gründe: Misstrauen den Eltern gegenüber, Angst, es könne alles von vorne beginnen. Dass Vorsicht angebracht ist, auch wenn Eltern Einlenken signalisieren, bestätigt Sozialarbeiterin Memnune Yilmaz, die beim Mädchennotdienst in Berlin-Kreuzberg immer wieder mit dem Problem Zwangsverheiratung konfrontiert wird:

Das Problem ist natürlich, wenn die Mädchen, also wenn wir sie entlassen haben nach Hause, in Absprache mit den Eltern, mit dem Versprechen, dass sie sich auch daran halten, dass wir nicht die Möglichkeit haben, zu überprüfen, ob es auch wirklich so gelaufen ist, wie es hier abgesprochen wurde mit allen Benachteiligten, ob diese Bereitschaft und Offenheit der Eltern weiterhin da ist. Der Druck durch die Gemeinde, oder die Verwandtschaft, ist so groß, dass sie vielleicht kurze Zeit wieder das Thema Zwangsheirat in den Raum stellen.

Die ohne ihr Wissen verheiratete Berlinerin Leila gehört zu den Mädchen, die ihren Eltern noch eine Chance geben wollen. Nachdem sie mehrere Monate bei "Papatya" verbracht hatte, war Leila zunächst in eine eigene Wohnung gezogen. Von ihrem Mann wurde sie geschieden. Doch inzwischen wohnt die junge Frau wieder zu Hause - und ist überzeugt, dass ihre Familie nie wieder versuchen wird, sie gegen ihren Willen zu verheiraten.

Wenn die Zeit dann vergangen ist, sagt man sich, man hat wirklich das Richtige gemacht, indem man von zu Hause weggegangen ist, und den Eltern halt gezeigt hat, dass man mit sich nicht so umgehen lässt. Bei meinen Eltern war das halt der Fall: Die haben mir dann wirklich geglaubt, dass ich’s ernst meine, und dass ich halt in diesem Punkt streng bin. Wenn ich Nein sage, heißt es Nein. Meine Eltern sind halt so gewesen, dass erst nachdem ich das alles gemacht habe, sie mir jetzt glauben, dass ich es ernst meine.

Selbstbewussten, hier aufgewachsenen Frauen wie Leila fällt der Weg zu einer Hilfseinrichtung in der Regel leichter als Mädchen, die aus einem anderen Land zwecks Eheschließung nach Deutschland gebracht wurden. Doch auch mit solchen Fällen haben die Mitarbeiterinnen der Anlaufstelle zu tun. Corinna Ter-Nedden:

Also, wir haben immer wieder junge Bräute, junge Ehefrauen, die aus der Türkei hier über eine Familienzusammenführung, über eine Heirat hergekommen sind. Die sich davon versprochen haben sicher auch ein Leben in Deutschland mit entsprechendem materiellen Wohlstand, entsprechenden Möglichkeiten, und die sich dann wieder finden wirklich als rechtlose Sklavin in einer Schwiegerfamilie, wo unter Umständen auch noch der Ehemann mehr oder weniger zu dieser Heirat überredet werden musste ... also diese Braut aus der Türkei im Grunde gar nicht in seinem Leben haben will, und wo sie dann die Putzfrau und Bedienstete für die Schwiegerfamilie und seine kleinen Geschwister ist. Und wo dann auch Misshandlung und Vergewaltigung ne gewisse Rolle spielen.

Der türkischstämmige Verhaltens- und Sexualtherapeut Halis Cicek erfährt bei seiner Arbeit, welche Folgen Zwangsverheiratung haben kann. Mehr als die Hälfte seiner Patientinnen ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht wollten.

Die Leute natürlich sehen nicht, nach der Heirat, was geschehen ist. Wie sie krank werden. Ich erlebe das. 22 Die Frauen haben z.B. Depressionen. Die Frauen haben Ängste, Phobien. Oder sogar Selbstmordversuche. Wenn ich eine Diagnose stelle, im Hintergrund gibt’s ihre Verheiratung. Unfreiwillige Verheiratung, oder Gewalt in der Ehe. Sie müssen gehorsam sein. Das ist das Schlimmste. Viele kommen auch wegen Sexualprobleme.

Viele Frauen, die in einer Zwangsehe leben, empfinden Abscheu vor der Sexualität. Das Martyrium beginnt bereits in der Hochzeitsnacht. Was sich hinter der Schlafzimmertür abspielt, ist aus Sicht der Rechtsanwältin Seyran Ates ganz klar eine Vergewaltigung: eine Vergewaltigung mit Billigung der Familie. Auch andere Straftatbestände seien bei Zwangsheiraten gegeben: Nötigung, manchmal sogar Körperverletzung und Menschenraub. Es kommt aber sehr selten vor, dass eine Frau ihre Familie deswegen anzeigt.

Die Anwältin Ates fordert, dass Zwangsverheiratung in Deutschland unter Strafe gestellt wird. Im Bundesgesetzbuch steht zwar, dass eine Ehe innerhalb eines Jahres aufgehoben werden kann, wenn sie nicht nach dem freien Willen beider Ehepartner geschlossen wurde. Doch eine Bestrafung derjenigen, die den Zwang zur Eheschließung ausgeübt haben, ist im deutschen Recht nicht explizit festgeschrieben. Seyran Ates hält deshalb die Schaffung eines eigenen Straftatbestandes Zwangsverheiratung für notwendig:

Es geht mir nicht um die Kriminalisierung, dass man alle zu Straftätern macht. Sondern es geht mir einfach darum: Es gibt tatsächlich in unserem gesellschaftlichen Alltag die Zwangsverheiratung. Die findet ständig statt, auch an jedem Wochenende in Berlin. Also muss sie sanktioniert werden. Jeder einzelne Fall ist zu viel. Also denke ich, jeder vernünftig denkende Mensch und Politiker sollte begreifen, dass man nur so den Frauen und Mädchen helfen kann. Indem man ein Unrechtsbewusstsein schafft durch einen Straftatbestand.

Ob ein eigener Straftatbestand Zwangsverheiratung geschaffen werden sollte, oder ob die bestehenden rechtlichen Mittel ausreichen, will die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Irmingard Schewe-Gerigk, zunächst prüfen. Fest steht für sie aber, dass gegen Zwangsheiraten in Deutschland vorgegangen werden muss:

Für mich ist Zwangsverheiratung eine Menschenrechtsverletzung, in der Hauptsache an Frauen, im Einzelfall auch an Männern. Und ich möchte alles dafür tun, dass diesem ein Ende bereitet wird. 12 Das Argument, das sei eine kulturelle Angelegenheit, oder es sei eine religiöse Angelegenheit, kommt natürlich sofort. Da wird gesagt: Was mischt Ihr Euch denn als Deutsche in solche Dinge ein? Ich denke aber, wenn eine Menschenrechtsverletzung vorliegt, dann können wir davor nicht die Augen verschließen. Es ist in keiner Kultur, in keiner Religion festgeschrieben, dass Menschen gegen ihren Willen verheiratet werden können. Und ich finde, im 21. Jahrhundert bedarf es auch der Solidarität derjenigen, die hier in Deutschland leben, und die Politik machen, und etwas für die Frauen tun können. Und darum glaube ich, dass wir handeln müssen.

Ein erster Schritt: ein Fachgespräch, zu dem die Bundestagsabgeordnete im Sommer Experten um einen Tisch versammelte. Deutlich wurde dabei, dass in Deutschland ein dichteres Netz von Anlaufstellen für Frauen, die von Zwangsverheiratung bedroht sind, gebraucht wird. Und dass eine verstärkte Informationsarbeit an den Schulen notwendig ist. Verbessert werden müsse zudem die aufenthaltsrechtliche Situation betroffener Frauen, sagt Grünen-Politikerin Schewe-Gerigk:

Wenn zum Beispiel eine junge Frau in Deutschland geboren wurde, oder lange hier gelebt hat, und plötzlich in die Türkei mitgenommen wird zu einem Urlaub, und dort zwangsverheiratet wird, und nicht innerhalb der ersten sechs Monate wieder zurückkehrt nach Deutschland, dann hat sie ihr Aufenthaltsrecht verwirkt. Wir möchten deshalb, dass in solchen Fällen die Frau auch später als nach sechs Monaten zurückkehren kann und hier in Deutschland einen Aufenthalt hat. Weil es wichtig ist, dass die Frauen dann auch hier einen sicheren Status haben.

Zwangsheiraten in Deutschland – lange ein Tabu-Thema: bei den Betroffenen, und auch in Politik und Gesellschaft. Peu à peu erfährt das Problem mehr Aufmerksamkeit – vielleicht, weil mehr Frauen als früher Zwangsverheiratung nicht als "Kismet" – Schicksal – betrachten, sondern sich auflehnen. Doch der Kampf gegen diese, wie er sagt, "ungerechte Tradition" werde noch viel Zeit und Geduld erfordern, glaubt der türkischstämmige Therapeut Halis Cicek:

Es gibt viele, viele Fälle. Darüber wird langsam gesprochen, auch geschrieben. Aber wir müssen noch viel tun.

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