Mittwoch, 07. Dezember 2022

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Kulturgeschichte
Der Weißheit letzter Schluss

Es ist die Farbe des Brautkleides, aber auch die des Leichentuchs. Weiß steht einerseits für Reinheit und Auferstehung, andererseits für Tod und Grauen. Es kann sich bescheiden zurücknehmen oder prächtig leuchten. Keine andere Farbe bietet eine solche Projektionsfläche, jede Religion bespielt sie anders.

Von Constanze Alvarez | 01.06.2016

    "Ist es so, dass das Weiß seinem Wesen nach nicht so sehr eine Farbe ist als vielmehr die sichtbare Abwesenheit von Farbe und zugleich die Summe aller Farben, dass deshalb eine weite Schneelandschaft dem Auge eine so öde Leere bietet, die doch voller Bedeutung ist - eine farblose Allfarbe der Gottlosigkeit, vor der wir zurückschrecken?"
    In seinem weltberühmten Roman "Moby Dick" erklärt Herman Melville die Farbe Weiß zur Farbe des Grauens. Verkörpert wird das Böse vom Weißen Wal, einem Monster biblischen Ausmaßes: Am Ende des Romans wird Moby Dick seinen Verfolger Kapitän Ahab mit gesamter Besatzung in den Abgrund reißen - so wie im Alten Testament der Leviathan Jonah verschlingt. Ein ganzes Kapitel widmet Melville der rätselhaften Farbe Weiß, um zu ergründen, weshalb die traditionelle Farbe der Reinheit und der Unschuld in ihr absolutes Gegenteil kippen kann.
    "Dieses Ungreifbare ist es, was dazu führt, dass der Gedanke an die Farbe Weiß, sobald er freundlicherer Verbindungen entkleidet ist und mit etwas in sich Schrecklichem gepaart wird, diesen Schrecken bis zum Äußersten steigert. Und für all dies war Moby Dick, der weiße Wal, das Symbol."
    ©ChinaFotoPress/MAXPPP - WUHAN, CHINA - APRIL 22: (CHINA OUT) A white whale (Delphinapterus leucas) swims at Wuhan Polar Ocean World showing amile on April 22, 2012 in Wuhan, Hubei Province of China. (Photo by ChinaFotoPress)***_***427327094 |
    In Moby Dick widmet der Schriftsteller Herman Melville der Farbe Weiß ein ganzes Kapitel. Für ihn war der Weiße Wal das Symbol des Schreckens (Maxppp)
    Weiß als Farbe des Bösen zu deuten, das ist ungewöhnlich. Aber dieses Ungreifbare, von dem Melville spricht, ist genau das, was die Faszination dieser Farbe ausmacht. Und die Vielfalt ihrer Nuancen: Alabasterweiß, Champagnerfarben, Elfenbein, Meerrettichweiß, Kreideweiß, Perlmuttweiß, Schmutzigweiß - die Liste der Schattierungen lässt sich endlos fortschreiben, denn es gibt mehr als 1000 Weißpigmente auf der Welt. Weiß bringt andere Farben zum Leuchten - als Grundierung eines Gemäldes. Als einfache Wandfarbe ist sie Allgegenwärtigkeit und wird beinahe schon übersehen. Manuel Trummer, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg:
    "Die Farbe Weiß ist wahnsinnig komplex, das ist wie Grau und Schwarz eine ganz eigene Kategorie, die sich von Farben wie Rot, Grün, Gelb massiv unterscheidet. Das macht sie in ihrer kulturellen Aufladung zu etwas ganz Besonderem, Vielfältigen und sie zählt von Beginn an, d. h. im europäischen Raum, seit griechischer Zeit, seit römischer Zeit zählt sie zu den Farben, die besondere Gelegenheiten, besondere Anlässe aber auch besondere Persönlichkeiten, Tätigkeiten kennzeichnen."
    Farbe des Lichts
    Zeus erschien Europa als weißer Stier, Leda erschien er als Schwan. In Ägypten war Weiß die Farbe der Freude und des Glücks. Von jemandem, der immer Glück hat, sagten die Römer:
    "Es ist ein Kind der weißen Henne!"
    Christus ist das weiße Lamm, das weiße Einhorn ist das Symboltier der Jungfrau Maria. Als Farbe des Lichts ist Weiß im Christentum von Anfang an die wichtigste Farbe. Überraschenderweise kommt sie in mittelalterlichen Darstellungen biblischer Szenen eher selten vor. Das zeigt ein Besuch im Museum.
    Zusammen mit dem Theologen und Kunsthistoriker Ulrich Schäfert streifen wir durch die Alte Pinakothek in München. Die meisten Gemälde zeigen nur bestimmte Details in Weiß: die Hauben der Jungfrauen, das Lendentuch Jesu - von Kopf bis Fuß in Weiß gekleidet sind jedoch vor allem die Engel. Der berühmte "Dreikönigsaltar", ein Triptychon von Rogier van der Weyden aus dem Jahre 1455, zeigt im linken Flügel die Verkündigung Marias durch den Erzengel Gabriel. Durch das offene Fenster schwebt auf goldenen Strahlen der Heilige Geist in Form einer winzigen weißen Taube in die Stube hinein. Eine zwischen Abkehr und Zuwendung schwankende Maria in königsblauem Mantel hört sich an, was der Engel in Weiß ihr zu sagen hat:
    "Es ist nämlich sehr interessant: Die Kleidung dieses Erzengels Gabriel ist gleichzeitig eine Priesterkleidung. Die klassische Priesterkleidung dieser Zeit, Mitte des 15. Jahrhunderts. Der Engel trägt eine Albe mit einem Zingulum, also einem Gürtel; Albe heißt ja nichts anderes als Weiß - Albus: Weiß, vom Lateinischen. Dieses Unterkleid ist immer Weiß - das, was der Priester trägt. Darüber hat der Engel ein weißes Schultertuch und darüber den weißen Chormantel an. Dieser weiße Chormantel war das liturgische Gewand und ist es bis heute an den Festtagen des Herrn. Also: An Weihnachten, an Ostern, aber auch an den anderen Herrenfesten - da ist immer Weiß die liturgische Farbe. Es ist nicht Gold. Gold wäre zu sehr im Göttlichen, Gold ist das Göttliche. Aber Weiß ist die Möglichkeit in der Liturgie dem Göttlichen nahe zu kommen und sich mit ihm zu verbinden."
    Das Gemälde eines südschwäbischen Meisters um 1480 mit dem sakralen Thema: "Die Ausgießung des Heiligen Geistes". Die Gläubigen werden durch eine Taube mit dem heiligen Geist erfüllt. 
    Eine Darstellung des Heiligen Geistes als weiße Taube in der sakralen Kunst (dpa / Schnoerrer)
    Rot im Osten
    Ob die Priester schon immer Weiß getragen haben, ist umstritten. Von den liturgischen Formen der Frühzeit ist - gerade was Gewänder und Altarausstattung betrifft - wenig überliefert, erklärt der Kulturwissenschaftler Manuel Trummer. Fest steht, dass es in der Farbordnung starke regionale Unterschiede gab.
    "Wir haben Quellen, die darauf hindeuten, dass in der gallischen Kirche, also im heutigen Frankreich, Weiß eine sehr gebräuchliche Farbe war. Wohingegen im germanischen Reich, also östlich des Rheins, die Farbe Rot dominiert hat als Farbe. Wir hatten auch Fälle, an denen die Farben der Liturgie ganz einfach an der Reliquie hangen, die zufällig an diesem Ort deponiert war. Wir haben ein Beispiel aus England: Das konnte ein violetter Mantel sein, der früher einem Heiligen gehört hat - also hat man hier besonders die Farbe Violett in den Vordergrund gestellt."
    Erste Versuche, die liturgischen Farben zu ordnen, finden sich im Frühmittelalter, rund um das 8. Jahrhundert. Die Bibel ist dabei wenig hilfreich: Die Heilige Schrift erwähnt zwar häufig Stoffe und Kleidungsstücke, spricht aber nur selten Färbemittel und Farben an. Später, im 12. Jahrhundert, widmet Papst Innozenz der III. dem Thema Farbe ein Kapitel in seiner Abhandlung über die Messe. Rechtsverbindlich waren seine Weisungen jedoch nicht. Herrschte in der frühen Kirche im Hinblick auf Farben so etwas wie Anarchie?
    "Anarchie ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber bestimmte Ordinarien, oder Gottesdienstanweisungen haben bei Weitem nicht jede Kirche in Europa erreicht. Es war eine Frage der Kommunikation und der räumlichen Distanz, und das führte dazu, dass wir unterschiedliche regionale Ausprägungen noch im Mittelalter hatten."
    Bleich und teuer
    Und doch: Weiß ist unbestritten die vorherrschende Farbe im frühen Christentum - die strahlende Farbe des Osterfests und der Katechumenen, also derjenigen, die sich auf die Taufe vorbereiten. Wobei das österliche Weiß lange Zeit nur in der Vorstellung der Menschen existierte – es in der Praxis herzustellen, war nämlich äußerst schwierig. Stoffe und Gewänder Weiß zu färben, war aufwendig, sagt der Kunsthistoriker Ulrich Schäfert:
    "Es war ein eigener Beruf, der Beruf des Bleichers. Bereits seit den Ägyptern wird berichtet, dass sie mit Schwefel gebleicht haben; im Mittelalter dann mit Hirschhornsalz - aber immer unterstützt durch das Sonnenlicht. Da wurden riesige Flächen von Wiese - das reagierte dann auch chemisch mit dem Hirschhornsalz - wurden ausgelegt mit weißem Leinen, oder Leinen, dass eigentlich Gelb war und über Wochen und Monate wurde da gebleicht, und nur die ganz wertvollen Stoffe waren wirklich rein Weiß, die anderen waren eher gelblich oder bräunlich."
    Papst Franziskus am 22.10.2014 auf dem Petersplatz in Rom.
Der Papst lächelt im weißen Gewand und mit umgehängter Kreuzkette vor einer weißen Wand in die Kamera.
    Papst Franziskus in weißem Gewand / ganz in Weiß. Heute ist die Farbe Weiß im Christentum allgegenwärtig. (picture alliance/ dpa/)
    Begehrte Pigmente
    Doch wenn sich Priester und Täuflinge im Mittelalter häufig mit einem gelblichen Gewand aus ungebleichtem Leinen begnügen mussten, wie sah es in der Malerei aus? Wie ließ sich das überirdische Weiß einer Verklärung Jesu darstellen? Oder das österliche Weiß der Auferstehung?
    Die Suche nach dem idealen Weiß führt uns nach Aichstetten, einem Dorf im Allgäu. Hier stellt der Chemiker Georg Kremer seit Anfang der 80er Jahre historische Pigmente nach alten, teilweise verloren gegangenen Rezepturen her. Zinnoberrot, Bleizinngelb, Veronesererde, Lapis Lazuli oder Beinschwarz: Von hier aus werden die farbigen Pulver in die ganze Welt verschickt. An Museen, Restauratoren, Künstler, Instrumentenbauer – selbst der Vatikan bestellte hier das Königsblau für die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle.
    Die Werkstatt ist in einer alten Getreidemühle mit niedrigen, kleinen Stuben untergebracht. Eine kleine, kompakte Eisenmaschine zermalmt kantige Steinbrocken – roten Lapis aus Peru - zuerst zu Schotter, dann zu Sand, dann zu immer feinerem Pulver. Wir aber fragen Georg Kremer nach den Ursprüngen der Farbe Weiß.
    "Wir haben in der Tradition der menschlichen Farbgeschichte Weiß seit sicher der mittleren Steinzeit, damals hat man Stoffe gefunden, die man als Weißpigment verwenden konnte. Es gibt zum Beispiel an der Kanalküste zwischen Frankreich und England Felsen, die als die Doverkalkfelsen berühmt sind. Diese Felsen enthalten einen weißen, weichen Stein und wenn man den in die Hand nimmt, kann man weiße Linien auf irgendwas draufzeichnen. Das ist Kreide. Und diese Art von Steinen gibt es überall auf der Welt."
    Die Kreidefelsen an der Kanalküste in St. Margaret's at Cliffe, in der Nähe von Dover (Großbritannien).
    Die sogenannten "Kreidefelsen" an der Kanalküste Dover: Der weiche Stein lässt sich aufgrund seiner Konsistenz als natürliche Kreide nutzen. (picture alliance / dpa / Franz-Peter Tschauner)
    Auch aus zerstoßenen Eierschalen, gemahlenen Austernmuscheln, Reiskörnern, aus Knochen und Knochenasche hat der Mensch Pigmente gewonnen. Ging es darum, zum Beispiel in der Kirchenmalerei, Wände und Decken weiß zu malen, gab es natürliche Materialien, die auch heute noch verwendet werden:
    "Wenn ich eine große Fläche im Mittelalter weiß machen möchte, dann hat man damals dafür Sumpfkalk verwendet. Sumpfkalk entsteht dadurch, dass man einen relativ sauberen Kalkstein mit Feuer auf über 800 Grad warm macht und dann entsteht ein gebrannter Kalk, und der, auf eine Wand aufgestrichen, ist ein klares, reines Weiß. Das ist billig, das ist haltbar, dass erfüllt alle Anforderungen der Kirchenmalerei seit Steinzeit bis ins 19 Jahrhundert."
    Alles Licht wird reflektiert
    Doch konnte ein Maler damit die Vorstellung eines überirdisch leuchtenden Weiß darstellen?
    "Vielleicht muss man ein Stückweit in die Farbentheorie einsteigen: es gibt die Vorstellung, dass die Farben alle zusammenhängen. Das Schwarz ist der Ort wo fast keine Reflektion erfolgt. Und das Weiß ist der Ort, wo sehr viel Reflektion, alles Licht reflektiert werden und das Gelb, das Gold, das Silber sind Farb-Orte, die dem nahe kommen, so dass man mit dem Weiß einen Ort beschreibt in der Vorstellung, wo sehr viel Licht ist, wo sehr viel Energie ist, wo man nichts Genaues mehr erkennen kann, sondern nur das volle Licht da ist."
    In der Ölmalerei – der wichtigsten Maltechnik seit der Renaissance - gab es lange Zeit nur eine Farbe, die als reines, deckendes Weiß in Frage kam: Bleiweiß. Man gewann es, in dem man Bleistücke in Essig einlegte und nach einigen Wochen den schimmelartigen Belag abkratzte. Wenn also Raffael in seiner Verklärung Christi den Heilland als strahlende Erscheinung über den Köpfen seiner Jünger schweben lässt, - "so Weiß wie es kein Bleicher auf Erden machen kann", wie es im Evangelium nach Markus heißt, dann hat er dazu Bleiweiß verwendet. Eine Farbe mit vielen Vorzügen und einer dunklen Seite. Denn Bleiweiß ist hoch giftig. Die Künstler wussten das und verwendeten es trotzdem: Bleiweiß war unverzichtbar für die Glanzlichter in den Augen, um Farbschichten aufzubauen oder die Hauttöne von Renaissance- und Barockschönheiten aufzuhellen. Die Folgen davon beschreibt Margarete Bruns in ihrem Buch "Das Rätsel Farbe":
    "Die Symptome einer chronischen Bleivergiftung waren blaue Verfärbung des Zahnfleisches, verschlechtertes Allgemeinbefinden sowie Darm- und Blasenkrämpfe, die so häufig auftraten, dass man von 'Malerkolik' sprach."
    La transfiguration - Le Christ entoure des prophetes Moise et Elie et en dessous Saint Pierre, Saint Jean et Saint Jacques - Sous la montagnes les spectateurs de la scene montre du doigt - Un garcon epileptique est represente pendant une crise - Peinture de Raphael (Raffaello Sanzio 1483-1520), 1519, Dim. 405x278 cm - Pinacoteca Vaticana, Rome --- The Transfiguration - Painting by Raffaello Sanzio of Urbino, called Raphael (1483-1520), oil on panel, c. 1519-1520 - Vatican Museums and Galleries, Vatican City !AUFNAHMEDATUM GESCH
    In Raffaels Gemälde "Transfiguration" wurde zur Darstellung Christi das lange in der Ölmalerei genutzte Bleiweiß verwendet. (imago stock&people)
    Noch Mitte des 19. Jahrhunderts, als das ungiftige Zinkweiß als Alternative auf den Markt kam, wurde Bleiweiß massenhaft im industriellen Verfahren hergestellt, und zwar meistens von Frauen. Die Arbeit war schlecht bezahlt, Schutzvorschriften gab es keine. Der Schriftsteller George Bernhard Shaw schreibt dazu:
    "Um 1900 hatten jene Mädchen, die nicht reich genug waren, um geheiratet zu werden, und nicht hübsch genug, um Prostituierte zu werden, oft nur die Wahl, qualvoll in der Bleiweißfabrik zugrunde zu gehen oder zu verhungern."
    Pendant zur Erleuchtung
    Das prächtige, strahlende Weiß hat ein Pendant: das Weiß der Einfachheit, der Bescheidenheit, Weiß als Farbe der Trauer.
    In Indien lieben die Menschen kräftige Farben. Die traditionellen Kleider der Hindus sind ein Fest für die Augen, besonders die leuchtenden Saris der Frauen - Purpurrot, Safrangelb, Smaragdgrün, Türkis. "Seht her, hier bin ich!" scheinen diese Farben zu rufen. Trauernde jedoch verzichten auf Aufsehen erregende Farben, sie tragen ein weißes Gewand aus schlichter, ungefärbter Baumwolle.
    Die Stadt Varanasi liegt am Ganges im Nordosten Indiens. Für die Hindus ist sie heilig. Sie ist das, was Mekka für die Moslems ist und Jerusalem für Christen und Juden. Die Briten tauften sie Benares, die Alten nennen sie Kashi, "Stadt des Lichts". Hier, am Ufer des heiligen Flusses, waschen sich die Pilger von ihren Sünden rein. Und weil sie in Varanasi sind, gilt die rituelle Waschung nicht nur für jetzt, sondern für die nächsten zehn Jahre. Denn Varanasi ist "ein Ort von derartiger Kraft, dass er die Früchte jeder Ritualhandlung vervielfacht". Schreibt die Amerikanerin Diana L. Eck in ihrem Buch "Benares - Stadt des Lichts":
    "Hier einem Brahmanen eine kleine Opfergabe zu geben, gilt eben so viel, wie irgendwo anders pures Gold zu schenken."
    Varanasi, die Stadt der Erleuchtung, ist auch die Stadt des Siechtums und des Todes. Viele Hindus geben ihr letztes Hab und Gut um hier zu sterben und sich am Ufer des Ganges verbrennen zu lassen. Ihrem Glauben nach können sie so den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt durchbrechen und die Erleuchtung erreichen.
    Vom Manikarnika-Ghat, der Verbrennungsstätte am Ufer des Ganges, steigt weißer Nebel auf. Am Fuß eines rauchgeschwärzten Tempels ist Holz aufgestapelt. Eingehüllt in weiße Tücher und festgeschnürt auf eine Tragbahre aus Bambus, liegt ein Toter neben dem Wasser. In Stille nimmt die archaische Zeremonie ihren Lauf, schreibt Diana L. Eck:
    "Die Leichen werden zum letzten Mal, bevor sie auf den Scheiterhaufen gehoben werden, in die Ganga getaucht. Der älteste Sohn, mit frisch geschorenen Haupt und in ein nahtloses weißes Tuch gekleidet, umwandelt den Toten und zündet den Scheiterhaufen an. Trauern und wehklagen gilt als Unglück für den Verstorbenen, und hier herrscht eine Stimmung fast zwangloser Feierlichkeit. Die Trauergäste stehen oder sitzen in der Nähe, und wenn der Körper verbrannt ist, wirft der älteste Sohn, mit seinem Rücken zum Feuer, einen Tontopf mit Gangawasser über seine Schulter, um die Glut zu löschen und geht weg, ohne sich umzuschauen."
    Ein Schweigen voller Möglichkeiten
    Zurück in Europa: Auch hier kann Weiß sowohl für Leben als auch für Tod stehen. Weiß sind die Blumen und die Kerzen für die Toten. Weiß ist das Totenhemd, denn in Weiß sollen die Verstorbenen auferstehen, Weiß ist die Farbe der verdammten Seelen und der Gespenster, erklärt Kulturwissenschaftler Manuel Trummer:
    "Diese Farbe Weiß als Todesfarbe, das ist ein Phänomen, das ganz weit verbreitet war, bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg in manchen Regionen. Die Farbe Weiß als die Farbe des Leichentuchs. Und das ist ein Kontrast zu den gängigen Bedeutungen der Farbe Weiß: Die Gottesnähe, die Farbe des Lichtes, die Farbe Weiß als Hochzeitsfarbe und der Unbeflecktheit, also es kann relativ stark auseinandergehen in einem relativ engen Kulturraum."
    Unsere Gesellschaft verändert sich ständig. Und mit ihr auch die Bedeutung der Farben. Das eben erwähnte weiße Hochzeitskleid, zum Beispiel, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Davor trugen Bräute zur Hochzeit einfach ihr bestes Kleid. Und ihren Kopf haben die Frauen erst nach der Eheschließung bedeckt - daher der Ausdruck "Unter die Haube kommen". 1840 heiratete Queen Victoria als erste Frau ganz in Weiß. Heute steht die Farbe der Reinheit in der Brautmode nicht mehr ganz so hoch im Kurs:
    "Wenn man sich die Hochzeitsmessen anschaut sehen wir, dass bestimmte Bevölkerungsteile - gerade städtische, jüngere Bevölkerungsteile - von dieser weißen Tradition abkommen und tatsächlich völlig neue Farben für das Brautkleid entdecken. Und da haben wir einen kulturellen Wandel: Wenn das Weiß als Farbe der Reinheit hier offensichtlich ein stückweit an Bedeutung verliert und man sich stattdessen an Mode und Trends orientiert, die nicht mehr von der individuellen Religiosität vorgegeben werden, sondern eher von Lifestyle, aber auch von der Modeindustrie und den Medien."
    Über Moden und Trends ist die Farbe Weiß erhaben. Sie ist und bleibt die ideale Projektionsfläche für Träume und Alpträume, die Grundlage für alles, was leuchtet, die Farbe der Leichtigkeit und der Stille. Als "großes Schweigen" hat Kandinsky diese Farbe einmal beschrieben. Aber nicht als totes, sondern als lebendiges Schweigen, als "Schweigen voll Möglichkeiten". Ein schönes Bild. Schriftsteller, die Angst vor der weißen Seite haben, sollten immer daran denken.