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StartseiteKultur heuteKulturkampf in Gelsenkirchen01.09.2010

Kulturkampf in Gelsenkirchen

Über den Dokumentarfilm "Hart und herzlich" über muslimische Integration

Die Lehrerin Betül Durmaz im Ruhrgebiet setzt sich für ihre Schülerinnen ein - und wird so auch zum Hassobjekt muslimischer Elternhäuser. In ihrem Dokumentarfilm schildert die Filmemacherin Nicole Rosenbach ihren Alltag.

Nicole Rosenbach im Gespräch mit Michael Köhler

In ihrem Film schildert Nicole Rosenbach den schwierigen Kampf einer Lehrerin für ihre muslimischen Schülerinnen. (AP)
In ihrem Film schildert Nicole Rosenbach den schwierigen Kampf einer Lehrerin für ihre muslimischen Schülerinnen. (AP)

Michael Köhler: Heute Abend, da läuft im ersten Fernsehprogramm zu später Stunde, um 23:30 Uhr, ein Dokumentarfilm, der "Hart und herzlich" heißt, und der schildert den Alltag, der in Istanbul geborenen, im Ruhrgebiet aufgewachsenen und an einer Gelsenkirchener Schule tätigen Lehrerin Betül Durmaz. Im Untertitel heißt der Film "Eine türkische Lehrerin gibt nicht auf". Der Film fällt in eine Zeit, wo Political Correctness auf der einen Seite und falscher Biologismus auf der anderen Seite den Blick auf die Integrationswirklichkeit beiderseits erschweren.

Regisseurin ist die dekorierte Dokumentarfilmerin Nicole Rosenbach. Die Heldin des Films ist Betül Durmaz, eine moderne Frau: geschiedene Mutter eines Sohnes, Lehrerin, sie trägt kein Kopftuch, lebt die Neutralitätsvorgabe der Schule. Sie wäre das ideale Vorbild gerade für bildungswillige, bildungshungrige Mädchen. – Frage an die Regisseurin Nicole Rosenbach: Warum ist das so schwer?

Nicole Rosenbach: Warum ist das so schwer? – Wenn das eigene Elternhaus eigentlich im Wege steht. – Gerade die Mädchen, die Schülerinnen, die halten sehr viel von der Lehrerin. Sie ist da wirklich der Anlaufpunkt, wenn es um Probleme geht mit dem Elternhaus. Sie ist dann eine große Unterstützung für die Mädchen. Aber was nutzt alles, wenn die Lehrerin sozusagen ein anderes Ideal vorlebt, ein modernes Frauenbild vermitteln will, Selbstbewusstsein den Schülerinnen geben will, wenn das Elternhaus manchmal was ganz anderes vorsieht? – Es verschwinden immer wieder Schülerinnen nach den Ferien, die kommen dann nicht zurück, die werden verheiratet. Es ist immer wieder so, dass dann Berufspläne gefördert werden, dass die Schule schon mit Praktika unterstützt. Und was hilft all das, wenn nach der Schule die Ehe und die Kinder vorgesehen sind?

Köhler: Sie sagen, sie ist ein Anlaufpunkt. Und aus dem, was Sie gerade gesagt haben, entnehme ich, sie ist aber nicht nur das, sondern sie ist auch ein Hassobjekt für Eltern, die ihre Töchter nach der Schule verheiraten wollen.

Rosenbach: Absolut! Sie wird als Nestbeschmutzerin gesehen. Es gibt in Gelsenkirchen einige libanesische Clans, die halten gar nicht viel von der Lehrerin. Die sehen sie also als schlechte Muslimin, bedrohen sie, beschimpfen sie. All das hat sie schon über sich ergehen lassen müssen. Da fängt es schon an, dass die Lehrerin im Alltag natürlich in die Familien geht, Gespräche sucht und sagt, hier, euere Kinder, die halten sich hier einfach nicht an die alltäglichen Regeln in der Schule. Und das reicht schon zu sagen, sie mischt sich in unsere Privatsphäre ein. Und obendrein ist sie keine richtige Muslimin, sie ist nicht eine von uns, sie lebt anders und – ja.

Köhler: Sie zeigen auch muslimische Mädchen, die um sich hauen aus einer Art Verzweiflung und christliche Mädchen hassen, weil ihnen offensteht, was den türkischen Mädchen verwehrt bleibt, die dann so ein Schimpfwort benutzen wie "Du Christ!".

Rosenbach: ..., was den deutschen Mädchen verwehrt bleibt. – Das ist jetzt quasi schon so ein bisschen das Fazit. Wir waren schockiert darüber, wie tief doch der Graben sitzt. Auch das Kamerateam war überrascht darüber, dass "Christ" tatsächlich ein gängiges Schimpfwort auf dem Schulhof ist. Das sind halt kleine Beispiele, die helfen zu verstehen, was da eigentlich gerade passiert. Wir haben Elvira kennengelernt, ein Mädchen aus der 6. Klasse, die hat eine deutsche Schülerin massiv bedroht, hat noch andere dazugeholt, eine Clique um sich herum, und richtig gemobbt. Und immer wieder fiel das Wort "Christin". Wir sind mit Elvira dann einfach nach Hause gegangen und haben sozusagen auch erfahren wollen, wie die Mutter nun darauf reagiert, was da vorgefallen war. Und die Mutter verteidigt das so ein bisschen, na ja, eigentlich sind wir alle Menschen, aber wenn man gegen uns und den Islam und den Koran was sagt, dann dürfen wir auch entsprechend gegen deutsche Kinder vorgehen. Man merkte so, der tiefe Graben, der fängt eigentlich im Elternhaus an. Und so ganz nebenbei erfahren wir dann, dass Elvira eigentlich sich nichts sehnlicher wünscht, als einen Tanzkurs zu machen. Und sie tanzt auch der Mutter dann noch mal vor und hofft, dass sie sie vielleicht umstimmen kann, dass sie doch diesen Tanzkurs machen kann, und die Mutter sagt einfach nur "Nein, der Koran erlaubt das nicht".
Das deutsche Mädchen – da schließt sich dann der Kreis -, gegen die sie gemobbt hat, die war in ihrer Schultanz-AG. Es waren, ich glaube, zwei deutsche Mädchen in diesem Tanzkurs. So versteht man dann auch ein bisschen was, wenn man vielleicht den Groll einfach irgendwie verarbeiten muss, dass man ganz vieles nicht darf, dass es immer wieder heißt, hier sind wir und da sind die anderen. Wenn das im Elternhaus so gepflanzt wird, dann ist es die logische Folge, was auf dem Schulhof passiert.

Köhler: Betül Durmaz ist Ihre Heldin. Sie ist auch Autorin eines Buches, "Döner, Machos und Migranten". Sie setzt sich wahnsinnig ein und nimmt auch die Konsequenzen und Gefahren inkauf, sie ist schon bedroht worden.

Rosenbach: Ja. Sie sagt selber, sie hat so eine naive Herangehensweise. Also sie hat sich gar nicht viel Gedanken darum gemacht. Sie ist ein sehr gradliniger Mensch, sehr aus dem Bauch heraus. Und sie hat sich jetzt nicht politisch irgendwie aufstellen wollen, sondern sie wollte einfach ein Buch über ihren Alltag schreiben und hat gar nicht damit gerechnet, was sie damit für eine Welle lostritt. Sie hat einzelne Fälle beschrieben in dem Buch aus ihrem Schulalltag, von falsch verstandener Ehre bis Zwangsheirat, da ist alles dabei. Und zwar im ganz konkreten Fall, ihre Erlebnisse an der Schule. Und das hat schon gereicht, dass da viele Sturm gelaufen sind, und sie ist auch schon mal nach dem Unterricht einfach bedroht worden.

Köhler: Im Untertitel heißt Ihr Film "Eine türkische Lehrerin gibt nicht auf". Sie sind zum Ergebnis gekommen – Sie haben es anfangs schon angedeutet -, dass es ein mehr oder weniger aussichtsloser Kampf um Integration und Chancengleichheit ist?

Rosenbach: Ich glaube, wenn es aussichtslos wäre, dann würde auch Betül Durmaz das Handtuch werfen. Es gibt natürlich so Augenblicke mit den Schülern, da spürt sie einfach, sie kann was erreichen. Sie ist unglaublich engagiert, sie geht mit den Schülern zum Beispiel nachmittags auch Joggen und versucht, sie in Bewegung zu bringen und ihnen was anderes vorzuleben. Aussichtslos ist es nicht. Was nur so erschreckend ist, ist, wie wenig Hilfe diese Lehrerin bekommt. Es gibt jetzt nur eine türkische Lehrerin. Sie ist eine von 30 Lehrern an der Schule mit dem Background. Das ist schon mal falsch. Und überhaupt: Die Schule bekommt viel zu wenig Hilfe. Die agieren wie Sozialarbeiter. 80 Prozent ist Sozialarbeit, sagt die Lehrerin, und da bleibt nicht mehr viel Zeit für Unterricht. Niemand versteht, warum die Schule nicht mehr Personal bekommt als eine Schule auf dem Land beispielsweise.

Köhler: ..., sagt Nicole Rosenbach, Dokumentarfilmerin, deren Doku "Hart und herzlich – Eine türkische Lehrerin gibt nicht auf" heute Abend um 23:30 Uhr im Ersten läuft. Sie zeigt, was der Fall ist.

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