Montag, 05. Dezember 2022

Archiv

Kulturwandel in Portugal
Architekten und Künstler trotzen der Krise

Mitten in der enormen Krise, in der die finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierung und den Städten und Gemeinden drastisch zusammengekürzt wurde, blüht das kulturelle Leben in Portugal auf. Noch nie gab es so viel Kreativität in Theater, Tanz, Kunst und Musik.

Von Tilo Wagner | 26.12.2013

    Wer das Atelier von Patrícia Barbas im Zentrum Lissabons besuchen will, muss an ein schweres Eisentor klopfen. Die 42-jährige Architektin hat ihr Büro in einer alten Autowerkstatt untergebracht: Zwischen Werkbank und alten Kompressoren steht ein großes Bücherregal. Der Arbeitsraum ist mit einem hellen, Licht durchlässigen Vorhang abgetrennt. Eigentlich wollte Barbas ihrem Atelier einen neuen Anstrich geben, doch ihr fehlt das Geld für persönliche Projekte. Vor einem Jahr hat die Architektin die Komplettsanierung des Thalia-Theaters in Lissabon abgeschlossen und dafür viel Lob erhalten. Jetzt sind ihre Auftragsbücher trotzdem leer:
    "Der Staat baut überhaupt nichts mehr, es gibt keine öffentlichen Ausschreibungen. Und die privaten, portugiesischen Auftraggeber warten noch ab, ob sich die wirtschaftliche Lage verbessern wird. Eigentlich ist jetzt der beste Zeitpunkt, um alte Gebäude zu kaufen und zu restaurieren. Doch wer nicht genügend Eigenkapital hat, kriegt von den Banken keine Kredite."
    Das Interesse an Architektur ist in Portugal in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Nicht zuletzt die Pritzker-Preisträger Álvaro Siza und Eduardo Souto Moura haben die Baukunst aus Portugal international bekannt gemacht und damit jüngere Generationen von portugiesischen Architekten inspiriert. Patrícia Barbas fürchtet jedoch, dass die drastische Reduzierung von Stipendien und staatlichen Förderhilfen langfristig schweren Schaden anrichten werde:
    "Über Jahre hinweg sind immer bessere Architekten von den Hochschulen gekommen. Wenn die Sparpolitik so weiter geht, dann verlieren wir eine ganze Generation und die Investition war umsonst. Wir können den Betrieb nicht einfach ab- und wieder anstellen, ohne dass das schwerwiegende Konsequenzen hat."
    Im vergangenen Jahr wanderten 121.000 Portugiesen aus, darunter auch Hunderte von Architekten. Viele von ihnen suchten ihr Glück in der portugiesischsprachigen Welt: In der ehemaligen Kolonie Angola herrscht ein Bauboom. Patrícia Barbas lehnt es jedoch entschieden ab, für einen autoritären Staat zu arbeiten, der einen großen Teil der Bevölkerung am wirtschaftlichen Aufschwung nicht teilhaben lässt:
    "Wer in Angola und anderen Staaten arm geboren wird, hat kaum Zugang zu Wissen und Bildung, und wird damit auch nie wirklich frei sein. Wir in unserem Atelier haben uns für diesen Markt nie interessiert, denn er verstößt gegen Prinzipien wie Freiheit und Selbstbestimmung und gegen Bürgerrechte, die für uns sehr wichtig sind."
    Neue Generation hat mit dem Alten gebrochen
    Mit ihrem hohen Maß an politischen Idealen steht Patrícia Barbas im krisengeschüttelten Portugal nicht alleine da. Raquel Henriques da Silva ist Professorin für Kunstgeschichte an der Neuen Universität Lissabon und beobachtet seit vier Jahrzehnten die kulturelle Entwicklung in Portugal. Mit der Demokratie und dem Wirtschaftsaufschwung habe sich in den achtziger und neunziger Jahren eine Künstlerszene herausgebildet, die bewusst die Nähe zu den Reichen und Mächtigen gesucht und davon auch finanziell profitiert habe. Die jetzige Generation von Künstlern, so Henriques da Silva, habe eindeutig mit den Alten gebrochen:
    "Die heutige Künstlergeneration ist sehr viel politischer und kritischer. Sie misstraut den traditionellen Denkmodellen. Und dabei entwickelt sie eine aufbrausende Kreativität. Mitten in dieser enormen Krise, in der die finanzielle Unterstützung vonseiten der Regierung und den Städten und Gemeinden drastisch zusammengekürzt wurde, blüht das kulturelle Leben in Portugal auf. Es gab noch nie so viele Aufführungen und so viel Kreativität in Theater, Tanz, Kunst und Musik."
    Die Finanznot im Kulturbereich hat auch ein Umdenken bei den Institutionen bewirkt, die sich in der Vergangenheit zu sehr auf die großen Namen konzentriert haben:
    "Die Institutionen öffnen sich der neuen Kunstszene, damit sie überhaupt ein Programm machen können. Denn die Arbeit mit jungen Künstlern ist sehr viel preiswerter. Dazu kommt aber vor allem auch, dass diese Generation tatsächlich sehr gut und interessant ist."
    Miguel Januário steht in der Galerie Underdogs im Industriehafen Lissabon. Er beschreibt den Sinn seiner Videoinstallation: Eine Gruppe von Trauernden trägt einen Sarg in Form des geografischen Portugals zu Grabe, die Polizei feuert Salutschüsse ab.
    "Portugal ist für mich gestorben. Denn es hat seinen Charakter und seine Stimme verloren, um sich dem Willen und den Notwendigkeiten der Finanzwelt zu unterwerfen."
    Begonnen hat Januário seine Karriere als Graffitikünstler in den Straßen der nordportugiesischen Metropole Porto. Vor ein paar Jahren kam er nach Lissabon, das sich zu einem internationalen Zentrum für Street Art entwickelt hat. Die Szene, so Miguel Januário, gäbe ihre ganz spezielle Antwort auf die Krise:
    "Straßenkunst ist für sich schon eine politische Tat. Manchmal fehlt die Botschaft dahinter. Aber das ist auch gut so. Wir wollen ja nicht nur Slogans schaffen, dann würde unsere Kunst auch sehr schnell langweilig werden."