Archiv

Kummerland Ungarn

Ungarn steht gegenwärtig wegen seiner Gesetzesänderungen in der Kritik der EU. Auch vor der Kunst und der Kultur scheinen die Veränderungen nicht halt zu machen. Wie Künstler und Intellektuelle damit umgehen, zeigt ein Blick in die Hauptstadt Budapest.

Von Jochanan Shelliem | 22.01.2012

Fanden die geplanten Einschränkungen der ungarischen Pressefreiheit durch die Orban'sche Mediengesetz im vergangenen Jahr kaum ein Echo im Land, so jubelte der ungarische Schriftsteller Peter Zilahy im November 2011 über die junge Bewegung. Und die 82-jährige Philosophin, Agnes Heller, Lukacs Schülerin, Bürgerrechtlerin und Jüdin - sie wird derzeit für Ihren Mut und ihre Aufrichtigkeit mit Preisen überhäuft - Agnes Heller stimmt Zilahy zu.

"Das stimmt doch, die Jugend ist doch mobilisiert, nicht nur diese Bewegung Mille, auch die Bewegung Solidarität und die dritte Bewegung "Die vierte Republik" alle diese drei Bewegungen organisieren jetzt ihre Unterstützer. Es war eine große Demonstration. Es waren ungefähr 50.000 die marschierten, ich war auch dabei, und es war ein gutes Gefühl und eine neue Demonstration im März wird noch größer werden.2"
Für die nächsten zwei Jahre ließ sich die Regierung für den Nationalfeiertag alle größeren Plätze in Budapest reservieren, sodass die für den 15. März angekündigte Großveranstaltung der facebook-Aktivisten "Eine Million für die Pressefreiheit" abgewiesen worden ist.

""Interessanterweise bisher gehörte die Straße zum Fidesz und jetzt gehört die Straße zum Anti-Fidesz und Fidesz sind die Opa. Das ist sehr interessant, wie die Funktionen sich wechseln. Das stört die Regierung natürlicherweise, aber das kann die Politik der Regierung nicht verändern, das heißt; dass wir in der Phase nach der Apathie sind. Dass Leute wachen auf von ihrer Apathie."

Dabei wird derzeit eine gewaltige Gehirnwäsche in Ungarn organisiert. Straßennamen werden ausgetauscht, Standbilder werden verschleppt. Das Denkmal des Dichters Attila József soll von seinem Platz an der Donau vor dem Parlament entfernt werden.

"Und Viktor Orban will es wegschaffen weil er eine andere Gestaltung des Platzes sich vorgenommen hat. Es sollten die Zeiten vom Vorkommunismus von Horthy und Gömbösch darstellen."

Janosz Gosztonyi, Jahrgang 1926, hat die Deportation nach Dachau überlebt, er sieht die Verherrlichung der faschistischen Vergangenheit von Ungarn mit Besorgnis.

"Jobbick ist stark antisemitistisch, wenn Jobbik zur Macht kommt, dann wäre viele geändert und viele geschändet. Das ist etwas ganz bedrohliches."

Es geht um Nationalgefühle. Die herrschende Fidesz-Partei bedient sich ihrer, um die verarmende Bevölkerung hinter sich zu scharen. Ressentiments und antisemitische Tendenzen werden aufgeputscht, um an die 1919 zerschlagenen Träume von Groß-Ungarn anzuknüpfen - das Prekariat als prä-faschistisches Futter für die Urnen. Prof. Gosztonyi, der Schauspieler unterrichtet, hat Angst, das wird deutlich, als ein Obdachloser, den er seit Jahren unterstützt ihn vor dem Mikrofon bedrängt.

Támas Ascher, vielleicht der berühmteste Regisseur Ungarns - jüngst inszenierte er im József-Katona Theater in der Innenstadt Büchners Woyzeck in der Bearbeitung von Robert Wilson und Tom Waits, er ist das Hassobjekt des bekennenden Rassisten Csurka. Aschers Café nennt Csurka seine Pamphlete, in denen er gegen Juden und Liberale hetzt. Csurka ehrt mich viel zu sehr, sagt Támas Ascher in einem Probenraum des Katona Theaters.

"Also die Polemik, die Csurka benutzt, geht auf die 1920er-Jahre zurück, als es eine Auseinandersetzung zwischen den urbanen Schriftsteller und den volksnahen Schriftsteller gab, sagt Ascher, später wurden Juden als Agenten des Moskauer Kommunismus diffamiert, all diese Argumente werden wie Zombies aus der Mottenkiste der ungarischen Geschichte wiederbelebt."

Angst haben weder die jungen Theatermacher vor der schleichenden Einschränkung ihrer Bühnenfreiheit, noch die streitbare Philosophin Agnes Heller oder György Konrad, beide haben die Einschränkungen der Diktatur des Kadar-Kommunismus überlebt. Den derzeitigen Versuchen eine neue Diktatur in Ungarn zu errichten, sehen sie gelassen zu.

Nein sagt György Konrad, der im alt-sozialistischen Betonbau des Hotel Budapest im Stadtteil Buda Hof hält. Der Wind werde die Dekrete der Orban Regierung verwehen.

"Und man hat Hunderte von diesen Grundgesetzen, was man jetzt geschafft hat, aber eigentlich, die funktionieren nicht und noch niemand ist im Gefängnis verurteilt. "

György Konrad ist die Ruhe selbst. Surreal klingt diese auf der einem halben Jahrhundert Erfahrung ungarischer Geschichte dahin geplauderte Analyse des international geschätzten Schriftstellers trotz des sich zuspitzenden Konflikts. Konrad hat keine Angst vor einer neuen Diktatur.

"Es ist eigentliche nicht eine solche Periode, wo hinter einer kleinen Satellitendiktatur steht eine große Diktatur. Es gibt keinen Hitler und keinen Stalin mehr."