Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute
StartseiteCorsoBerlin feiert die erste Tape Art Convention07.10.2016

Kunst mit KlebebandBerlin feiert die erste Tape Art Convention

Klebebänder sind praktisch – aber kann man damit auch Kunst machen? In Berlin wird zurzeit die erste Tape Art Convention vorbereitet – eine Ausstellung mit Bildern und Installationen, die vor allem aus Klebeband bestehen. Veranstaltet wird sie vom Künstlerkollektiv Tape That.

Von Oliver Kranz

Tape-Art-Künstler Jay Walker aus Philadelphia beim Anfertigen eines Wandbildes in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)
Tape-Art-Künstler Jay Walker aus Philadelphia beim Anfertigen eines Wandbildes in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Kinesio-Tape Was bringen die bunten Klebestreifen wirklich?

Stefan Meißner steht auf einer Leiter und klebt schwarze Streifen an Wand und Decke. Dazu kommen Rechtecke aus Klebefolie – blau, grün und pink.

"Momentan ist nur das grobe Grundgerüst da. Das Bild stellt quasi die Ästhetik eines Feuerlöschers, der mit Farbe gefüllt war, dar. Ich finde die Form sehr ansprechend, sehr radikal. Wenn man sich einen bunten Farbsplash ansieht, dann soll das hier die Übersetzung mit dem Medium Tape werden."

Auf die großen Farbflächen wird Stefan Meißner später noch kleinere setzen – bis ein Bild entsteht, das aussieht, als wäre es gemalt. Kurven werden mit einem Cutter Messer geschnitten, feine Konturen mit dem Skalpell. Früher hat Stefan Meißner gezeichnet und Graffitis auf Wände gesprüht. Doch dann ließ ein Bekannter in seiner Wohnung eine Rolle Isolierband liegen.

Sehr klare Konturen

"Ich habe die gesehen und dann war es Zufall, dass ich gedacht habe: Ich mache den Sketch mal an die Wand. Ich fand es schön, dass diese Konturen sehr klar waren: also schwarzes Klebeband auf weißer Wand, da hat man sehr cleane Outlines und Linien."

Das Bild kam in seinem Bekanntenkreis so gut an, dass Stefan Meißner weiter machte. Klebeband wurde sein Medium. 2011 gründete er mit Freunden das Kollektiv Tape That. Auch Stefan Busch war dabei.

"Als wir uns damals zusammengeschlossen haben, da war noch nicht abzusehen, was wir alles machen. Wir machen ja Workshops, wir machen teilweise auch Projekte für Werbekunden, wir machen Ausstellungen. Dann hat sich halt mit der Arbeit zusammen bei jedem von uns ein eigener Stil entwickelt."

Nicolas Lawin, Mitglied des Berliner Tape-Art-Künstlerkollektivs Tape That, vor einem Austellungstück in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)Nicolas Lawin, Mitglied des Berliner Tape-Art-Künstlerkollektivs Tape That, vor einem Austellungstück in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)

Den Begriff Tape Art gab es schon in den Siebzigern. Doch erst jetzt entwickelt sich eine Szene, die die Möglichkeiten des Mediums wirklich austestet. Die Zentren sind in Berlin, New York und Australien. Nun veranstaltet Tape That eine Tape Art Convention – eine Ausstellung in der Berliner Galerie Neurotitan, die Künstler aus der ganzen Welt zusammenbringt. Nicolas Lawin von Tape That sagt:

"Wir wollen einfach die Kunstform der breiten Masse näher bringen. Ich glaube, das ist in einem solchen Rahmen mit neuen Künstlern aus den verschiedensten Ecken der Welt schon ein ganz guter Ansatz."

Kunst wird kaum wahrgenommen

Ein Problem der Klebeband-Kunst ist, dass sie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Die Ausstellung soll Aufmerksamkeit auf die Machart lenken. Der Australier Buff Diss hat ein Muster aus dünnen schwarzen Linien auf eine Wand geklebt, das aussieht, wie das Geländeprofil einer Landkarte.

"Er hat einen ganz besonderen Umgang mit den Tapes, weil er immer wieder durch dünne Linien, die nah beieinander liegen und Linien, die sich voneinander entfernen, immer wieder eine Räumlichkeit erschafft."

Buff Diss gehört zu den Pionieren der Tape Art, ebenso wie Max Zorn, der sich ebenfalls an der Ausstellung beteiligt. Er arbeitet mit Paketklebeband, das er auf von hinten beleuchtete Scheiben klebt. Wo mehrere Schichten übereinander kleben, wirkt das Bild dunkel. Es entstehen Schattierungen, wie bei alten Sepia-Fotos.

Ein Wandbild im Werden des australischen Tape-Art-Künstlers Buff Diss in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)Ein Wandbild im Werden des australischen Tape-Art-Künstlers Buff Diss in der Berliner Galerie Neurotitan (Deutschlandradio / Oliver Kranz)

Der Brite Benjamin Murphy hingegen beschränkt sich auf Schwarz-weiß-Kontraste. Seine Bilder sehen wie Holz- oder Linolschnitte aus. Er klebt sie auf Wände, Fußböden und Fensterscheiben.

"As well as doing the walls, I've also done the windows and the floor and the ceiling to try to make it a more encompassing experience – something you walk into, rather than just there being artworks on the same level on the wall."

Benjamin Murphy möchte Kunstwerke kreieren, in die man hineingehen kann. Das ermögliche eine vielschichtigere Erfahrung, als nur ein Bild anzuschauen, das flach an der Wand hängt. Früher hat er auf der Straße gearbeitet und Bilder an Häuserwände geklebt. Doch das tut er schon lange nicht mehr. Seine Werke haben so viele Details und benötigen eine so lange Herstellungszeit, dass sie einen geschützten Kontext brauchen. Und so geht es vielen Tape Art-Künstlern.

Präzision und Geduld

"Man würde keine U-Bahn in Berlin mit Tape Art rumfahren sehen, weil du dafür einfach zu lange brauchst. Man kann sich nicht hinstellen und in vier Minuten, wie mit der Graffitidose einmal alles vollsprühen. Man muss schon mit ein bisschen Präzision und Geduld arbeiten."

Tape That hat Fassaden von Firmengebäuden beklebt und Live-Taping-Shows veranstaltet. Kunst und Kommerz schließen sich nicht aus, sagt Nicolas Lawin:

"Wenn wir einmal für Adidas gearbeitet haben, heißt das nicht, dass wir nur noch das Geld sehen. Wir wollen von der Kunst leben können – dafür muss man einfach ein paar Sachen machen – auch weil wir Bock drauf haben. Wir nehmen keine Aufträge an, wo wir keine Lust dazu haben. Wenn uns ein Waffenhersteller, die Pharmaindustrie oder sonst jemand anfragt, dann sagen wir, das machen wir nicht. Wir machen keine Logos. Wir sind immer frei in der Gestaltung."

Und das ist wichtig, damit aus Kunst nicht einfach Werbung wird. Tape That ist die Gratwanderung bisher gelungen. Die Ausstellung in der Galerie Neurotitan wird von der Gruppe finanziert – auch das zeigt, wo die Interessen der Künstler liegen. Sie präsentieren Tape Art in einer überraschenden Vielseitigkeit.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk