Mittwoch, 30. November 2022

Archiv

Kunstfälschungen in Museen*
"Da müsste man schon sorgfältige Prüfung und Vorsicht erwarten"

Laut einer Recherche der "Zeit" haben in mehreren großen Museen jahrelang unerkannt mögliche Fälschungen gehangen. Viele davon gelangten als Schenkungen in die Häuser. Dlf-Redakteur Stefan Koldehoff meint, dass der Skandal gerade erst beginnt – und Experten wieder einmal eine ungute Rolle spielen.

Stefan Koldehoff im Gespräch mit Antje Allroggen | 20.07.2017

    "Die Journalisten" von Hannah Höch aus dem Jahr 1925.
    Bei einer Ausstellung der Dadaistin Hannah Höch 2007 in Berlin kam der Stein ins Rollen. Hier ihre Collage "Die Journalisten" von 1925. (dpa/picture alliance/Stephanie Pilick)
    In mehreren Museen in Deutschland und Österreich haben nach Recherchen der Wochenzeitung "Die Zeit" jahrelang unerkannt möglicherweise gefälschte Werke gehangen – als Originale. Die Berlinische Galerie hat zwei davon bereits 2015 aus den Schauräumen ins Depot verbannt. Betroffen seien auch das Lehmbruck-Museum in Duisburg und die Albertina in Wien.
    Die meisten dieser Werke lassen sich, so die "Zeit"-Recherche, zu einem Sammler und Händler mit Sitz u.a. in Düsseldorf zurückverfolgen. Dieser sieht – wie er der "Zeit" über seinen Anwalt mitteilen ließ – keine Anhaltspunkte für Fälschungen. Unter anderem seien die Farbpigmente aus der Zeit nach der angeblichen Entstehung durch spätere Restaurierung durch Dritte bzw. Werkergänzung durch den Künstler erklärbar. Dem allerdings widersprechen einige Gutachten.
    Museen zu unvorsichtig
    Deutschlandfunk-Redakteur und Fälschungsexperte Stefan Koldehoff sagt, ihn wundere vor allem, dass es den Recherchen zufolge auch fragwürdige Werke in Museen in Berlin, Duisburg und Wien gibt. Von denen müsste man eigentlich schon erwarten, dass sie die entsprechende Vorsicht walten lassen: sorgfältig prüfen, bevor sie Schenkungen, Stiftungen oder Ankäufe tätigen."
    Wahrscheinlich sei die Zahl der verdächtigen Werke in den Museen überschaubar, so Koldehoff. Und dort sei auch leicht zu überprüfen, wer welches Werk angekauft oder geschenkt bekommen habe. In der "Berlinischen Galerie" gehe es um 15 bis 18 Arbeiten.
    Unklare Rolle des ehemaligen Direktors
    Anders sehe das aber bei möglichen geschädigten Privatsammlern aus; bei jenen zum Beispiel, die bei der Auktion 1990 möglicherweise Fälschungen gekauft haben: "Man weiß nicht, wo die Werke aus der Auktion alle hingegangen sind. Bei den Privatleuten kommt wieder die Scham dazu und die Frage: Wollen wir das tatsächlich veröffentlichen?" Auch die Rolle des ehemaligen Direktors der Berlinischen Galerie, Jörn Merkert, ist laut Koldehoff noch ungeklärt. Für einige Schenkungen habe er Spendenbescheinigungen ausstellen lassen.

    * Anmerkung der Redaktion: An diesem Text haben wir aus rechtlichen Gründen mehrere Änderungen vorgenommen.