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StartseiteKultur heute"Ganz bewusst die Geschichte zeigen"06.06.2016

Kunsthandel in der NS-Zeit"Ganz bewusst die Geschichte zeigen"

Das Bild "Reiter am Strand" von Max Liebermann stand in der Nazi-Zeit auf dem Index und wurde vom Kunsthändler Hildebrand Gurlitt gekauft. Nun ist es das Kernstück der Ausstellung "Liebermann - Gurlitt" im Landesmuseum Oldenburg. Man wolle ein Stück Kunsthandel im Nationalsozialismus als Fallstudie sichtbar und begreifbar machen, sagte Museumsleiter Rainer Stamm im DLF.

Rainer Stamm im Gespräch mit Stefan Koldehoff

Das Grab von Hildebrand Gurlitt auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf  (picture alliance / dpa / Martin Gerten)
Hildebrand Gurlitt war einer von vier Kunsthändlern, die für die Nationalsozialisten die sogenannten "entarteten Kunstwerke" verkauft haben. (picture alliance / dpa / Martin Gerten)

Stefan Koldehoff: Mit Stefan Koldehoff und mit einem zweiten Namen gleich zu Beginn dieser Sendung, einem Namen, der in der Vergangenheit für viel Unruhe in der Kunstwelt gesorgt hat, auch in den deutschen Museen: Hildebrand Gurlitt, einer von vier Kunsthändlern, die für die Nationalsozialisten die sogenannten "entarteten Kunstwerke" verkauft haben, die ab 1937 aus deutschen Museen beschlagnahmt worden waren und bei dessen Sohn man vor vier Jahren dann rund 1.300 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken beschlagnahmt hat.

Der aufsehenerregende Schwabinger Kunstfund war das, und seither gibt es in Deutschland endlich eine breite Diskussion über NS-Raubkunst und die Notwendigkeit von Forschungen und Rückgaben.

Das Landesmuseum Oldenburg, geleitet von Professor Rainer Stamm, zeigt nun seit gestern eine Ausstellung, die sich um ein Gemälde dreht, das nun nach Oldenburg zurückgekehrt ist und vorher auch mal bei Hildebrand Gurlitt war: "Reiter am Strand" von Max Liebermann. Herr Stamm, mit Kunstraub hat diese Geschichte, diese Rückkehr aber nichts zu tun. Diese Geschichte geht anders.

Rainer Stamm: Ja, das ist nicht geraubt worden, sondern im Grunde "freiwillig verkauft" worden als letztes Gemälde eines jüdischen Künstlers. Es ist nicht 1937 schon beschlagnahmt worden, als die Aktion "entartete Kunst" gestartet ist, sondern 1941 an Hildebrand Gurlitt, der noch im Nationalsozialismus mit solchen Stücken handeln konnte.

"Er musste auch seinen Kopf retten"

Koldehoff: Ist das denn eigentlich eine freiwillige Abgabe gewesen, oder war da auch Druck mit im Spiel?

Stamm: Das ist schwer zu entscheiden. Walter Müller-Wulckow war im Dritten Reich ein Mitläufer. Er hatte andererseits aber auch eine wirklich moderne Sammlung aufgebaut mit Werken von Heckel, Schmidt-Rottluff, Stuckenberg, Radziwill.

Er musste auch seinen Kopf retten und insofern konnte er sich sicherlich nicht verschließen, dieses letzte Gemälde eines jüdischen Malers noch aus der Sammlung los zu werden, und er war sicherlich auch dankbar, noch einen guten Erlös dafür zu bekommen. Gurlitt zahlte 5.400 Reichsmark, das war auch ein stolzer Betrag, und Müller-Wulckow kaufte davon zwei, eigentlich noch modernere impressionistische Werke eines friesischen Spätimpressionisten oder fast Frühexpressionisten, Julian Klein von Diephold, die viel farbgewaltiger sind. Er hat eigentlich aus der Situation das Beste gemacht in dieser merkwürdigen Zeit.

"Ein Kernstück der modernen Galerie"

Koldehoff: Das Bild ging, wenn ich es richtig gelesen habe, erst an einen Privatmann und endete dann aber letztlich auch wieder in einem Museum, in einem Museum in Bayern, in einem ursprünglich mal privaten Museum. Wie kommt es jetzt zurück nach Oldenburg?

Stamm: Dieses Gemälde, "Reiter am Strand", ist dann in den 50er-Jahren als Teil der Buchheim-Sammlung wieder aufgetaucht. Es gehört heute dem bayerischen Staat, dem Land Bayern, ist Teil des Buchheim-Museums in Bernried, und wir hatten die Möglichkeit, es auf Zeit zurückzuholen, um die Geschichte dieses Bildes zu erzählen und sichtbar zu machen, wie dieser Auftakt in der Provinz funktioniert hat, wie mit Liebermann als Impressionisten, als einen modernen Künstler, der den Betrachtern in der Region auch nicht vor den Kopf stoßen würde, ein Auftakt in die Moderne gemacht worden ist. Insofern ist es für uns auch ein Kernstück eigentlich der modernen Galerie, die für Oldenburg geschaffen worden ist, und insofern freue ich mich sehr, dass es wieder auf Zeit zurückgekommen ist.

Koldehoff: Und wie kann man als Museumsmensch, der lange recherchiert hat über dieses Bild, wie kann man das auch zeigen? Wie wird daraus eine Ausstellung? Was können Sie zeigen in Oldenburg?

Stamm: Es ist eine Kabinettausstellung. Wir haben natürlich den kleinen Bestand an Werken von Liebermann, Druckgrafik und ein weiteres Gemälde aus unserem Bestand gezeigt.

Dann wollen wir aber ganz bewusst die Geschichte zeigen. Es geht diesmal nicht darum, viele Fassungen eines Motivs kennenzulernen, oder alles Mögliche über den Künstler zu wissen, sondern wir haben den Briefwechsel Gurlitts mit unserem Museum ausgestellt. Wir haben die beiden Werke ausgestellt, die als Ersatz für den Liebermann 1941/42 gekauft worden sind. Wir haben diesmal auch etwas mehr mit Texten um die Bilder herum gearbeitet, um wirklich ein Stück Kunsthandel im Nationalsozialismus als Fallstudie sichtbar und begreifbar zu machen. Da gibt es kein Schwarz und Weiß, da gibt es nicht die Guten und die Bösen, sondern ein Stück von der großen Gurlitt-Geschichte, die wirklich als Fallstudie nun sichtbar wird.

"Ein Museum sollte oder muss eigentlich als Forschungsinstitution in Erscheinung treten"

Koldehoff: Das heißt, ein Museum kann auch als Forschungsinstitut, als Rechercheinstitut in Erscheinung treten, ohne dass gleich immer das sensationalistische Banner NS-Raubkunst drüberhängen muss?

Stamm: Ich finde, ein Museum sollte oder muss eigentlich als Forschungsinstitution in Erscheinung treten. Besonders Spaß macht es natürlich, wenn man geforscht hat und dann Wege und Möglichkeiten findet, die Forschungsergebnisse an originalen Stücken zeigen zu können.

Koldehoff: Und eigentlich passt das Bild ja auch viel besser nach Oldenburg als ins Expressionistenmuseum Buchheim. - Rainer Stamm war das, vielen Dank, Direktor des Landesmuseums Oldenburg.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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