Dienstag, 16. August 2022

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Kursiv: Die Zeit in Gedanken fassen

Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat sich den Ruf des bedeutendsten Philosophen des 19. Jahrhunderts erworben. Sein philosophisches System versucht nicht weniger als die Erklärung des Ganzen. Und damit eben auch die Ergründung der menschlichen Gesellschaft. In seinen "Grundlinien der Philosophie des Rechts" geht es um das Verhältnis des Menschen zu den Gesetzen und zum Staat.

Von Rainer Kühn | 18.05.2009

    Nicht wenige betrachten ihn als den größten Philosophen aller Zeiten: Georg Wilhelm Friedrich Hegel! Ihn selbst hätte eine derartige Einschätzung nicht sonderlich überrascht - sah er sich doch, in aller Bescheidenheit, in der Rolle des Denkers, der "Gott den Spiegel vorhält" - und uns staunenden Kleingeistern die Welt, das Universum und den ganzen Rest begreifbar macht! Nicht ganz so großartig wie dieser Anspruch war die Form seiner Darbietung, die uns ein Schüler übermittelt hat:

    Abgespannt, grämlich saß er mit niedergebücktem Kopf in sich zusammengefallen da und blätterte und suchte immerfort sprechend in den langen Folioheften vorwärts und rückwärts, unten und oben; das stete Räuspern und Husten störte allen Fluss der Rede in schwäbisch breitem Dialekt.
    Kurzum: Er war kaum zu verstehen - akustisch wie inhaltlich - und trotz allem wirkte Hegel so faszinierend, dass nicht nur Studierende, sondern auch die preußische Militär- und Verwaltungs-Elite seine Vorträge besuchte! In Stuttgart beginnt 1770 Hegels "Bastelbiographie": Stipendiat im Tübinger Stift, Hauslehrer in Bern und Frankfurt, Privatdozent in Jena, Chefredakteur in Bamberg, Gymnasial-Rektor in Nürnberg, Professor in Heidelberg und zuletzt in Berlin, wo er störrisch auch nach Ausbruch der Cholera verharrt und 1831 der Epidemie erliegt. So wendungsreich sein Lebenslauf, so gradlinig die Ausrichtung seines Denkens - auch des politischen:

    Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält.
    Gegenüber dem Anschein, das Politische zerfalle in unverbundene, geradezu feindliche Fraktionen, da jeder seine eigenen Gestaltungs-Wünsche für die einzig legitimen hält, versucht Hegel, dieses "Gefühl der Zerrissenheit" aufzuheben und die Gesellschaft mit der Wirklichkeit zu versöhnen. Seinem 1821 veröffentlichten politischen Hauptwerk, den "Grundlinien der Philosophie des Rechts", stellt er deshalb die lyrisch formulierte Aufgabe,

    "die Rose im Kreuze der Gegenwart zu erkennen." Denn: "Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig."
    Hegels politisches Schlüsselerlebnis ist die Französische Revolution. Einerseits feiert er sie alljährlich im Stillen mit einer Flasche Rotwein - andererseits ist ihm deren zweite Phase, der Schrecken der Jakobiner-Herrschaft, gründlich in die Glieder gefahren. Deshalb beschließt er, die Weltgeschichte erst im Preußischen Staat zur Vollendung kommen zu lassen: Also dort, wo seit 1806 und den vernichtenden Niederlagen gegen Napoleon "Ruhe die erste Bürgerpflicht" ist - wo also nicht Revolution, sondern Reflexion auf der Tagesordnung steht.

    In seiner Rechtsphilosophie entwickelt Hegel auf drei Ebenen, wie sich das Individuum den politischen Einrichtungen und rechtlichen Regeln gegenüber verhält. Auf der ersten Ebene steht der freie Mensch als "Rechts-Person" - und empfindet die Gesetze als puren Zwang: Du sollst dies nicht, du darfst jenes nicht! Auf der zweiten Ebene, als warenproduzierender "Wirtschafts-Bürger", erkennt der Einzelne jedoch, dass die scheinbar nur freiheitsraubenden Gebote auch ihre guten Seiten haben und ihn etwa vor Diebstahl oder Vertragsbruch schützen. Aber erst auf der letzten Ebene, in der Rolle des "Staats-Bürgers", begreift das Individuum, dass in einer vernünftigen Wirklichkeit sein eigener Wille mit dem allgemeinen Willen, also dem des Staates, identisch ist.

    Der Staat ist die Wirklichkeit der sittlichen Idee.
    Diese Sentenz hat Hegel den Vorwurf der Staatsvergötterung eingebracht. Mehr noch: Er habe damit, so linke Kritiker, den Weg für Hitler geebnet. Demgegenüber glaubten rechte Gegner, eine Linie von Hegel über Marx bis hin zu Stalin ziehen zu können! Absurder Höhepunkt des Auslegungsstreits über Hegels angeblich so katastrophale Folgen war die Interpretation des Zweiten Weltkriegs als eine Auseinandersetzung zwischen deutschen Rechts- und russischen Linkshegelianern! Was aber kann der "Geschäftsführer Gottes" - so Hegels Eigen-Marketing - uns heute noch sagen? Im Grunde wenig! So zumindest hätte er selbst es gesehen; denn für ihn war Philosophie einzig und allein "ihre Zeit in Gedanken gefasst" - und wir leben eben nicht mehr im königlichen Preußen.

    Gleichwohl: Anregend sind seine Beschreibungen einer vogelfreien Wirtschaft, ohne Rücksicht auf das Allgemeinwohl und ohne staatliche Rahmengebung, allemal. Zudem wird Hegels Wahrnehmung der sozialen "Zerrissenheit" seit längerem intensiv unter dem Stichwort: "Individualisierung" diskutiert und gefragt, was unsere Gesellschaft überhaupt noch zusammenhält, beziehungsweise was gegen ein Auseinanderfallen getan werden könne. Hegels Antwort darauf: Erhöhung der allgemeinen Bildung! Auch diese Forderung klingt sehr aktuell.

    Rainer Kühn über die "Grundlinien der Philosophie des Rechts" von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Das Werk ist in unterschiedlichen Ausgaben erhältlich, etwa in der stw-Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft für 15 Euro und bei Reclam für 12 Euro 80.