Die Fotomontage auf dem Buchtitel ist ein Blickfang. Bernard Kouchner sitzt lächelnd auf dem Schoß von George W. Bush. Der in Frankreich unbeliebteste US-Präsident aller Zeiten, und der Lieblingspolitiker der Franzosen. Eine größere Fallhöhe ist kaum denkbar, und aus dieser Fallhöhe bezieht das Buch seine Spannung. Bernard Kouchner ist in Frankreich eine Ikone. Als junger Arzt ging er 1968 nach Biafra, und was er vom nigerianischen Bürgerkrieg berichtete, hat eine ganze Generation von Franzosen geprägt.
Kouchner rettete vietnamesische Boatpeople, Kouchner schleppte in der Hitze Somalias Säcke mit Reis, Kouchner gründete die Organisation "Ärzte ohne Grenzen", die später den Nobelpreis erhielt. Doch Kouchner, der Held, ist in diesem Buch der Antiheld. "Le monde selon K." ("Die Welt, wie Kouchner sie sieht") ist die Demontage eines Denkmals - und das ist die erklärte Absicht des Autors.
"Mein ganzes Buch handelt von der Kluft, dem Graben zwischen dem guten Samariter, dem die republikanische Moral über alles geht, und der Wirklichkeit, in der er nun doch ein bisschen weniger samariterhaft ist."
Der Enthüllungsjournalist Pierre Péan, der im vergangenen Jahr 70 wurde, ist in Frankreich kein Unbekannter. Seinen größten Erfolg hatte er vor anderthalb Jahrzehnten, als er sauber recherchiert nachwies, dass der sozialistische Präsident Francois Mitterrand in seiner Jugend im Zweiten Weltkrieg mit dem Vichy-Regime zusammengearbeitet hatte. Auch diesmal hat sich Péan einen Politiker aus dem linken Spektrum vorgenommen: Kouchner hat sein politisches Engagement bei den Kommunisten begonnen, zuletzt war er Mitglied der Sozialistischen Partei, aber die hat ihn ausgeschlossen, als er im Mai 2007 in die Regierung des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy eintrat. Was Péan Kouchner vorwirft, reicht in die Jahre vor dem Amtsantritt zurück.
"Seit 2003 beziehungsweise 2004 war Bernard Kouchner privater Berater, aber gleichzeitig hatte er auch eine öffentliche Funktion: Er war Vorsitzender eines europäischen Netzwerks namens Esther. Dieses Netzwerk kümmert sich darum, dass Krankenhäuser in Europa bei der Aids-Bekämpfung mit afrikanischen Ländern zusammenarbeiten."
Péan unterfüttert seine Behauptungen mit Zahlen: Die Firmen, für die Kouchner gearbeitet hat, haben die Machthaber in der Republik Kongo und in Gabun in gesundheitspolitischen Fragen beraten und dafür 4,6 Millionen Euro verlangt. Dass Kouchner gleichzeitig für das öffentliche Netzwerk Esther zuständig war, darin sieht Péan eine Vermischung privater und öffentlicher Interessen. Illegale Handlungen wirft er ihm nicht vor - er spricht vielmehr von "moralischen" Verfehlungen. Doch auch die hat Kouchner noch am Erscheinungstag des Buches zurückgewiesen - in der Französischen Nationalversammlung.
"Zu keinem Zeitpunkt habe ich die Bereiche durcheinandergebracht. Meine Tätigkeiten im öffentlichen Gesundheitswesen waren legal, legitim, transparent und - verzeihen Sie mir, wenn ich das so sage - moralisch."
Tatsächlich geht es Péan um den Begriff der Moral in der Politik. Und darin liegt die große Schwäche des Buchs. Neben dem handfesten Vorwurf des Interessenkonflikts verwendet Péan viele der 325 Seiten für die Behauptung, Kouchners reale Politik werde seinen eigenen moralischen Ansprüchen nicht gerecht. Als Beispiele führt er an, dass Kouchner für den Irakkrieg war, dass er sich erfolgreich für den Mineralölkonzern Total eingesetzt hat, dass er für viele seiner Hilfseinsätze in Entwicklungsländern Geld genommen hat.
Ist das alles schlecht, nur weil der Autor es schlecht findet? Péans Ausführungen lesen sich über weite Strecken wie der Bericht eines Enttäuschten, sie geraten ihm zur Generalabrechnung mit einem Achtundsechziger, von dem er sich mehr erwartet hätte. Viel Polemik und wenig Enthüllung. Das könnte erklären, warum kaum ein Politiker Kapital aus den Vorwürfen schlägt. Dass der umfrageverliebte Präsident an seinem Vorzeigelinken festhält, war zu erwarten, doch sogar die Sozialisten wollen Kouchner nicht am Zeug flicken - obwohl er vielen von ihnen immer noch als Verräter gilt. Und auch in der Öffentlichkeit ist der Rückhalt für Kouchner nach wie vor groß.
O-Ton Passant 1: "Für mich ändert dieses Buch überhaupt nichts. Ich habe immer noch eine hohe Meinung von Bernard Kouchner."
O-Ton Passant 2: "Es ist genau wie vorher, er ist sehr professionell, offen, aufrichtig, und er hat es nicht nötig, sich von so einem Buch beleidigen und erniedrigen zu lassen."
Christoph Wöß war das über: Pierre Péan: Le Monde selon K.. Erschienen bei Fayard, das Buch hat 325 Seiten und kostet 19 Euro.
Kouchner rettete vietnamesische Boatpeople, Kouchner schleppte in der Hitze Somalias Säcke mit Reis, Kouchner gründete die Organisation "Ärzte ohne Grenzen", die später den Nobelpreis erhielt. Doch Kouchner, der Held, ist in diesem Buch der Antiheld. "Le monde selon K." ("Die Welt, wie Kouchner sie sieht") ist die Demontage eines Denkmals - und das ist die erklärte Absicht des Autors.
"Mein ganzes Buch handelt von der Kluft, dem Graben zwischen dem guten Samariter, dem die republikanische Moral über alles geht, und der Wirklichkeit, in der er nun doch ein bisschen weniger samariterhaft ist."
Der Enthüllungsjournalist Pierre Péan, der im vergangenen Jahr 70 wurde, ist in Frankreich kein Unbekannter. Seinen größten Erfolg hatte er vor anderthalb Jahrzehnten, als er sauber recherchiert nachwies, dass der sozialistische Präsident Francois Mitterrand in seiner Jugend im Zweiten Weltkrieg mit dem Vichy-Regime zusammengearbeitet hatte. Auch diesmal hat sich Péan einen Politiker aus dem linken Spektrum vorgenommen: Kouchner hat sein politisches Engagement bei den Kommunisten begonnen, zuletzt war er Mitglied der Sozialistischen Partei, aber die hat ihn ausgeschlossen, als er im Mai 2007 in die Regierung des konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy eintrat. Was Péan Kouchner vorwirft, reicht in die Jahre vor dem Amtsantritt zurück.
"Seit 2003 beziehungsweise 2004 war Bernard Kouchner privater Berater, aber gleichzeitig hatte er auch eine öffentliche Funktion: Er war Vorsitzender eines europäischen Netzwerks namens Esther. Dieses Netzwerk kümmert sich darum, dass Krankenhäuser in Europa bei der Aids-Bekämpfung mit afrikanischen Ländern zusammenarbeiten."
Péan unterfüttert seine Behauptungen mit Zahlen: Die Firmen, für die Kouchner gearbeitet hat, haben die Machthaber in der Republik Kongo und in Gabun in gesundheitspolitischen Fragen beraten und dafür 4,6 Millionen Euro verlangt. Dass Kouchner gleichzeitig für das öffentliche Netzwerk Esther zuständig war, darin sieht Péan eine Vermischung privater und öffentlicher Interessen. Illegale Handlungen wirft er ihm nicht vor - er spricht vielmehr von "moralischen" Verfehlungen. Doch auch die hat Kouchner noch am Erscheinungstag des Buches zurückgewiesen - in der Französischen Nationalversammlung.
"Zu keinem Zeitpunkt habe ich die Bereiche durcheinandergebracht. Meine Tätigkeiten im öffentlichen Gesundheitswesen waren legal, legitim, transparent und - verzeihen Sie mir, wenn ich das so sage - moralisch."
Tatsächlich geht es Péan um den Begriff der Moral in der Politik. Und darin liegt die große Schwäche des Buchs. Neben dem handfesten Vorwurf des Interessenkonflikts verwendet Péan viele der 325 Seiten für die Behauptung, Kouchners reale Politik werde seinen eigenen moralischen Ansprüchen nicht gerecht. Als Beispiele führt er an, dass Kouchner für den Irakkrieg war, dass er sich erfolgreich für den Mineralölkonzern Total eingesetzt hat, dass er für viele seiner Hilfseinsätze in Entwicklungsländern Geld genommen hat.
Ist das alles schlecht, nur weil der Autor es schlecht findet? Péans Ausführungen lesen sich über weite Strecken wie der Bericht eines Enttäuschten, sie geraten ihm zur Generalabrechnung mit einem Achtundsechziger, von dem er sich mehr erwartet hätte. Viel Polemik und wenig Enthüllung. Das könnte erklären, warum kaum ein Politiker Kapital aus den Vorwürfen schlägt. Dass der umfrageverliebte Präsident an seinem Vorzeigelinken festhält, war zu erwarten, doch sogar die Sozialisten wollen Kouchner nicht am Zeug flicken - obwohl er vielen von ihnen immer noch als Verräter gilt. Und auch in der Öffentlichkeit ist der Rückhalt für Kouchner nach wie vor groß.
O-Ton Passant 1: "Für mich ändert dieses Buch überhaupt nichts. Ich habe immer noch eine hohe Meinung von Bernard Kouchner."
O-Ton Passant 2: "Es ist genau wie vorher, er ist sehr professionell, offen, aufrichtig, und er hat es nicht nötig, sich von so einem Buch beleidigen und erniedrigen zu lassen."
Christoph Wöß war das über: Pierre Péan: Le Monde selon K.. Erschienen bei Fayard, das Buch hat 325 Seiten und kostet 19 Euro.