Dienstag, 02.06.2020
 
Seit 20:10 Uhr Hörspiel

Kursiv: Wiedergelesen

Frantz Fanon: "Die Verdammten dieser Erde", Suhrkamp Verlag

Mahatma Ghandi, der Apostel der Gewaltlosigkeit, wird überall verehrt, aber seine Ideen finden selbst in seiner Heimat Indien immer weniger Anklang. Frantz Fanon, der Prophet der antikolonialen Revolution, ist ein knappes halbes Jahrhundert nach seinem Tod fast vergessen. Doch wer sein Hauptwerk "Die Verdammten dieser Erde" liest, findet erstaunlich aktuelle Bezüge.

Von Rudolph Chimelli

Frantz Fanon ist ein knappes halbes Jahrhundert nach seinem Tod fast vergessen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Frantz Fanon ist ein knappes halbes Jahrhundert nach seinem Tod fast vergessen. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Fanon, der von den französischen Antillen stammte, hatte sich in den Dienst des algerischen Freiheitskrieges gegen Frankreich gestellt. Die Auseinandersetzung der unterworfenen Völker mit dem Kolonialismus konnte nach seiner Überzeugung nur mit Gewalt geführt werden, nicht durch Dialog oder politisches Ringen um Gleichberechtigung. Denn:

Der Wortführer des Kolonialherren und des Unterdrückungsregimes ist der Gendarm oder der Soldat. Durch direktes, ständiges Eingreifen halten sie den Kontakt zum Kolonisierten aufrecht und raten ihm mit Gewehrkolbenschlägen und Napalmbomben, sich nicht zu rühren. Der Agent trägt die Gewalt in die Häuser und die Gehirne der Kolonisieren.

Weil nicht nur die Ketten zerbrochen, sondern auch jene Gehirne gereinigt werden mussten, legitimierte Jean-Paul Sartre, der mit Fanon und dem algerischen Aufstand sympathisierte, die revolutionäre Gegengewalt. In seinem Vorwort zu den Verdammten dieser Erde schrieb er:

Denn in der ersten Phase des Aufstands muss getötet werden. Einen Europäer erschlagen, heißt zwei Fliegen auf einmal treffen, nämlich gleichzeitig einen Unterdrücker und einen Unterdrückten aus der Welt schaffen. Was übrig bleibt, ist ein toter Mensch und ein freier Mensch.

Der schweflige Geruch dieser Sätze, für die Fanon gar nicht verantwortlich war, hat seinem Ruf mehr geschadet, als alles, was er selber schreiben konnte. Schon früh erkannte Fanon, dass der Erfolg der Entkolonisierung nicht automatisch war, dass die neue einheimische Oberschicht vielfach die Methoden der früheren Herren übernehmen, dass eine politische Lösung deshalb immer so aussehen würde:

M´ba, Präsident der Republik Gabun, hat bei seinem Staatsbesuch in Paris die Natur dieser Lösung feierlich zu Ende formuliert: Gabun ist unabhängig, aber zwischen Gabun und Frankreich hat sich nichts geändert. Alles bleibt wie es war. ... Die einzige Änderung besteht darin, dass M´ba Präsident der Republik Gabun ist und vom Präsidenten der französischen Republik empfangen wird.

Genau dies ist der Zustand großer Teile des nach-kolonialen Afrika. Vieles von dem, was Fanon konstatierte, ist heute auch für andere Gebiete der Erde gültig. Die "Zugehörigkeit zu einer bestimmten Art, einer bestimmten Rasse" ist für die soziale und ökonomische Stellung entscheidend. Sein Satz ...

Die Ursache ist die Folge: Man ist reich, weil weiß, man ist weiß, weil reich

... trifft weiterhin auf Südafrika zu, beschreibt aber auch die Gesellschaft Brasiliens. Fanon konnte nicht ahnen, dass die soziale und räumliche Trennung der Lebensgebiete von ehemaligen Herren und früheren Kolonisierten auf Europa ausufern würde.

Die Stadt des Kolonialherren ist eine stabile Stadt, ganz aus Stein und Eisen, eine erleuchtete, asphaltierte Stadt, in der die Mülleimer von unbekannten, nie gesehenen, erträumen Resten überquellen, eine gemästete, faule Stadt. Ihr Bauch ist voll von guten Dingen. Die Stadt des Kolonisierten, das Negerdorf, die Medina, das Reservat ist ein Ort von schlechtem Ruf, bevölkert von Menschen mit schlechtem Ruf. Es ist eine niedergekauerte, hingelümmelte Stadt. Der Blick des Kolonisierten ist der Blick geilen Neides, der Besitzerträume. Aller Arten von Besitz: Sich an den Tisch des Kolonialherren setzen, in seinem Bett schlafen, wenn möglich mit seiner Frau. Der Kolonisierte ist ein Neider. Der Kolonialherr weiß das genau. Wenn er jenen Blick überrascht, stellt er mit Bitterkeit fest: Sie wollen unseren Platz einnehmen.

Wer die Slums von Landarbeitern aus dem Maghreb oder Schwarzafrika gesehen hat, die am Rande italienischer und spanischer Städte entstanden sind, die Ghettos nicht assimilierter Einwanderer am Rande französischer Metropolen, die Buden-Quartiere von Illegalen nahe den Kanalhäfen, wer das Misstrauen kennt, mit dem Einheimische und Zugewanderte sich an diesen neuralgischen Schnittstellen betrachten, wird Frantz Fanon staunend neu begreifen: Als Seher der Gegenwart.

Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008

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