Mittwoch, 05.08.2020
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteCorso"Der Film ist richtig heftiger Stoff"07.04.2015

Kurt-Cobain-Doku"Der Film ist richtig heftiger Stoff"

Eigentlich könnte man denken, dass über den Nirvana-Sänger Kurt Cobain schon alles geschrieben und gesagt wurde. Dass das nicht so ist, beweist der US-Dokumentarfilm "Cobain: Montage of Heck", der ab Donnerstag auch in einigen ausgewählten deutschen Kinos zu sehen ist. Er präsentiert einen unerwarteten Blick in Cobains Seele.

Von Florian Fricke

Kurt Cobain (Miranda Chen / picture-alliance/ dpa)
Regisseur Brett Morgen: "Generationen von ausgegrenzten Kids haben bei Kurt Trost gesucht und einen Freund." (Miranda Chen / picture-alliance/ dpa)
Weiterführende Information

20. Todestag von Kurt Cobain - "Here we are now, entertain us"
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 05.04.2014)

"Kurt Cobains Mixtape "Montage of Heck" - diese Entdeckung war für mich ein Schlüsselmoment. Ich dachte: Viel näher kann ich ihm nicht kommen."

Regisseur Brett Morgen konnte gar nicht fassen, wie viel Kunst Kurt Cobain schon in frühester Jugend produziert hat. Kurt war ein glückliches und fröhliches Kind - bis zum Alter von drei, vier Jahren. Dann wurde er hyperaktiv - aber vielleicht war er auch einfach nur ein extrem verspielter Junge. Die jungen Eltern waren schnell überfordert. Ein Arzt verschrieb Ritalin, das warf Kurt komplett aus der Bahn. Und schon hier nimmt die Tragödie wahrscheinlich ihren Lauf.

"Kurt hat schon früh angefangen, eine Art Autobiografie zu erstellen. Ständig musste er seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Mit drei war das natürlich noch völlig unschuldig, aber bereits mit sieben hat er Bilder gemalt, die ziemlich düster sind.
Da tauchen schon die Marionetten auf, die gegen Ende seines Lebens wieder eine Rolle spielen. Und sein Output mit elf, zwölf Jahren erinnert schon an einen Horrorfilm. Die kindliche Unschuld ist eindeutig weg. Ich habe eine zwölfjährige Tochter, die zeichnet garantiert nicht so."

Vielschichtiges Porträt

Regisseur Brett Morgen erweckt ganze Zeichentricksequenzen aus Cobains zahllosen Skizzenbüchern zum Leben. Blumen verwandeln sich in Monster, aus menschlichen Leibern wuchern plötzlich Gliedmaßen, wie in einem Splatterfilm.

Morgen konterkariert solche Sequenzen mit Archivmaterial, etwa mit zuckenden und sich windenden Gedärmen in Großaufnahme – ein Sinnbild für Cobains chronische Magenprobleme, von denen kein Arzt je die Ursache fand.

Der Film wirkt wie ein einziger Stream of Consciousness, der den Zuschauer mitnimmt bis in den letzten Winkel von Kurts Seele. Er könnte auch heißen: Being Kurt Cobain.

Auch die Tochter von Kurt Cobain und Courtney Love hat als ausführende Produzentin an "Montage of Heck" mitgewirkt. Zum Zeitpunkt seines Todes war Frances Bean Cobain nicht einmal zwei Jahre alt. Regisseur Brett Morgen hat den Film hauptsächlich für sie gemacht.

"Sie hat es zwar nie so gesagt, aber ich glaube: Frances Bean Cobain hat sich bis zu einem gewissen Grad schuldig gefühlt und auch Hass auf ihren Vater entwickelt. Aber der Film hat sie endlich davon befreit. Sie hat gesehen: Kurts Probleme begannen schon weit vor ihrer Geburt, auch vor Nirvana und vor seiner Beziehung mit ihrer Mutter Courtney.

Auf der anderen Seite sieht man im Film, wie sehr er sie geliebt hat. Frances Bean kannte all diese Briefe nicht, die intimen Homemovies, die Fotos."

Behutsame Inszenierung

Brett Morgen hat so ziemlich alle Personen vor die Kamera gebracht, die in Kurt Cobains Leben wichtig waren. Diese Interviews sind alle sehr behutsam in Szene gesetzt, es gibt keine Vorwürfe an die Eltern oder Courtney Love. Morgen will nur verstehen, wie es zu der scheinbar unausweichlichen Tragödie kommen konnte.

In einem der entscheidendsten Momente schildert die Mutter, wie sie reagiert, als ihr Kurt das noch unveröffentlichte Master von "Nevermind" vorspielt. Sie spürt sofort das Hitpotenzial des Albums und bekommt Panik. "Sohn, du schnallst dich besser an. Darauf bist du nicht vorbereitet."

Aber Cobain fand keinen Gurt. Gegen Ende des Films sehen wir einen immer wütenderen und dann immer müderen Kurt, gefangen in seiner messianischen Rolle. Er wirkt am Ende tatsächlich wie eine der Marionetten, die er schon in früher Kindheit gezeichnet hat. Trotzdem sollte am Ende des Films nicht Resignation stehen.

"Generationen von ausgegrenzten Kids haben bei Kurt Trost gesucht und einen Freund. Die Unterworfenen, Geschlagenen, Hässlichen, Missbrauchten, die Versager. Aber in meinen Film sehen sie auch: Er hatte Humor, er konnte auch lachen. Da ist so viel mehr, als diese Angst. Der Film ist richtig heftiger Stoff, aber trotzdem feiern wir die Kraft der Kreativität."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk