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StartseiteForschung aktuellEruption am Ende der Eiszeit verwüstete weite Teile Europas07.05.2020

Laacher VulkanEruption am Ende der Eiszeit verwüstete weite Teile Europas

Vor rund 13.000 Jahren brach in der heutigen Eifel der Laacher Vulkan aus – eine gewaltige Eruption, die um ein Vielfaches stärker war als die des Mount St. Helens 1980. Welche Folgen die Katastrophe von damals für die Menschen in Europa gegen Ende der Eiszeit hatte, haben nun Wissenschaftler rekonstruiert.

Von Dagmar Röhrlich

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Laacher See in Rheinland-Pfalz (imago / blickwinkel)
Der Laacher See entstand durch einen gewaltigen Vulkanausbruch gegen Ende der Eiszeit (imago / blickwinkel)
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Vierzig Kilometer hoch soll die Aschesäule gestiegen sein, und die Explosion war wohl in ganz Europa zu hören: Der Ausbruch des Laacher Vulkans vor rund 13.000 Jahren begrub seine Umgebung unter einer bis zu 50 Meter mächtigen Schicht aus Vulkanasche und Bims. Und nicht nur die Umgebung war betroffen – denn je feiner die Partikel waren, desto weiter flogen sie:

"Wir haben jetzt auch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren schon eine Datenbank erstellt von solchen Aschefundpunkten in Europa, die ganz deutlich zeigen, dass eben die Vulkanasche des Ausbruchs in zwei Richtungen hauptsächlich verfrachtet wurde."

Und zwar nach Süden, bis nach Norditalien hinein – und vor allem nach Nordosten, bis nach Russland und Skandinavien, erklärt Felix Riede von der Universität Århus. Das Besondere: Genau wie der sehr viel schwächere Vesuvausbruch von 79, der Pompeji und Herculaneum unter sich begrub, halten auch die Aschen des Laacher-Vulkans ein Augenblicksbild fest: nicht das einer Zivilisation, sondern das der Umwelt: Zutage kommt dieser Schnappschuss jetzt wieder an Orten, wo vulkanische Aschen und Bims im Tagebau gefördert werden.

"Diese Ausgrabungsaktivitäten haben an vielen Stellen auch ganz phantastische archäologische Fundstellen hervorgebracht, aber auch paläontologischen Funde, also Reste von Bäumen, Tierspuren und so weiter."

Eine signifikante Lücke in der Besiedlungsgeschichte

In dem unbeständigen Klima der ausgehenden Eiszeit, in dem wärmere und kältere Phasen schnell wechselten, war eine Landschaft im Übergang entstanden. Die Birken und Nadelbäume waren eher klein, und in den Wäldern lebten Elche, Rehe, Wildschweine, auch Biber. Als der Vulkan ausbrach, zogen kleine Gruppen von Jägern und Sammlern durch Europa: Sie gehörten zur Federmesser-Kultur, die ihren Namen einem typischen Feuersteinwerkzeug verdankt.

"Sie waren sehr mobil, sind also oft weitergezogen von Lager zu Lager, hatten aber weitreichende Kontakte über ganz Europa. Wir haben zum Beispiel Bernstein aus der Nordsee oder der Ostsee in Fundstellen in der Schweiz. Die Leute haben sich viel bewegt, haben aber auch Materialien, Partner, Wissen ausgetauscht."

Das Gebiet des Laacher Vulkans scheint damals nicht oder nur sehr dünn besiedelt gewesen sein. Kein Wunder, erklärt Felix Riede, schließlich ereignete sich der Ausbruch am Ende einer 200 bis 300 Jahre langen Kaltphase: Da war Jagdwild rar, und auch die Pflanzen wuchsen schlecht, so dass die Gegend für Jäger und Sammler kaum attraktiv war. Im heutigen Hessen jedoch, belegen archäologische Funde, lebten Menschen. Doch durch den Ausbruch des Laacher-Vulkans bedeckten dann plötzlich vulkanische Aschen fast kniehoch das Land. Die Folge:

"Danach sind diese Fundstellen nicht mehr bewohnt von den Menschen. In Mitteldeutschland, im südlichen Niedersachsen, in Hessen scheint der Laacher-See-Ausbruch also zu einer Besiedlungslücke geführt zu haben."

Vulkanasche: hart und giftig

Auch entlang der Saale hatte die Asche die Landschaft mit einer mehrere Zentimeter mächtige Decke überzogen. Heute empfehlen Katastrophenschützer bei solchen Bedingungen die Evakuierung der Region, denn Vulkanasche hat sehr unangenehme Eigenschaften. Sie ist sehr hart, härter als Zähne. Experimente zeigen, dass Tiere, die - auch nur mit Vulkanasche überstäubte Gräser oder Blätter fressen, ihre Zähne sehr schnell abschleifen. Und sie nehmen große Mengen dieser Asche auf: 

"Die Vulkanasche ist oft chemisch sehr stark aufgeladen, es hängen viele Stoffe an der Oberfläche dieser Vulkanasche ran. Es ist also sehr gefährliches Material. Zum Beispiel Fluorid in großen Mengen kann zu Fluoridvergiftungen führen: Das kann die Zähne angreifen, das kann die Knochen angreifen, kann zu chronischen Folgen führen. Das ist sehr gut belegt, in Neuseeland und auch in Südamerika, dass Schafe und Rinder und andere Tiere sehr stark unter dieser Fluoridbelastung leiden."

Ein weiterer Faktor: Je weiter entfernt vom Laacher Vulkan ein Gebiet war, desto feiner war das Material, das herunterrieselte, was zu Atembeschwerden geführt haben dürfte:

"Das Interessante mit dieser Gefährlichkeitsdimension ist, dass auch in den Bereichen, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, wo die Aschelagen, eigentlich nicht mehr als ein Zentimeter oder sogar weniger erreichen, war es hauptsächlich sehr, sehr feinkörnige Asche, die damit immer noch auf jeden Fall ziemlich irritierend war für die Menschen und Tiere."

Hessen wurde über Jahrhundert gemieden

Die Reaktion der Menschen auf den Ausbruch und seine Folgen war regional sehr unterschiedlich. So belegen archäologische Funde, dass sich etwa 50 oder 100 Jahre nach dem Ausbruch Menschen in der Gegend des Laacher Sees aufhielten. Von den Fundstücken her könnten sie aus dem Bereich des Pariser Beckens stammen. Hessen hingegen und das südliche Niedersachsen scheinen über Jahrhunderte gemieden worden zu sein. Und in einem Gebiet könnte der Ausbruch sozusagen einen Innovationsschub bewirkt haben: in Südskandinavien.

"Das archäologische Material weist darauf hin, dass da vielleicht einige Kulturänderungen stattgefunden haben. Das Werkzeug sieht etwas anderes anders aus. Vielleicht kann man sich das so vorstellen, dass die Menschen die Region, die direkt von der Asche betroffen war, vermieden haben und damit eventuell in etwas engeren Bereichen sich bewegt haben."

Die Gruppen waren plötzlich weitgehend isoliert von den anderen Menschen – und standen gleichzeitig in einem vergleichsweisen engen Kontakt untereinander. Und so entwickelte sich in diesem südskandinavischen Refugium etwas Neues: die Bromme-Kultur. Sie ist nach einem Fundplatz in Dänemark benannt: Die Menschen nutzten nun andere Jagdtechniken, verwendeten anscheinend Wurfspeere statt Pfeile. Und sie jagten vor allem Elche und Riesenhirsche, während die Bedeutung der Rentierjagd sank.

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