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StartseiteDeutschland heuteGärtnern auf der Autobahn12.09.2019

LärmschutzGärtnern auf der Autobahn

Über der Autobahn A7 in Hamburg-Altona könnten zukünftig Kartoffeln und Möhren wachsen: Denn die Autobahn, auf der täglich rund 150.000 Autos und LKW fahren, bekommt einen ganz besonderen Lärmschutz-Deckel. Darauf sollen Kleingärten entstehen.

Von Axel Schröder

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Bauarbeiten am Deckel über der Autobahn A7. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)
Die Bauarbeiten am Deckel über A7 laufen auch bei grauen Wolken und regnerischem Wetter auf Hochtouren. (Deutschlandradio/ Axel Schröder)
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Rund 150.000 Autos und LKW sind auf der A7 an bei Hamburg unterwegs. Doch rund um das Teilstück um Schnelsen ist es erstaunlich ruhig. Die einzigen Fahrzeuge, die hier Lärm machen, sind die kleinen Bagger auf dem neuen, ein Meter dicken Betondeckel über der Autobahn.

"Der Baustellen-Lärm, den kann man vergessen und vernachlässigen. Die sind ja sowieso bald fertig. Was wir hier festgestellt haben, ist, dass man eigentlich das Gras wachsen hört."

Petra Held wohnt seit 30 Jahren an der A7. In einem kleinen Giebelhaus mit Vorgarten und Garage. Keine zehn Meter entfernt standen einst Schallschutzwände, dahinter fiel der Hang steil ab, unten donnerte der Verkehr vorbei.

"Wie war das, als es den Deckel noch nicht gab? Hatte man sich irgendwann dran gewöhnt?"

"Ja, man hat sich dran gewöhnt! Ich wohne ja nun schon seit über 30 Jahren hier. Man hat sich dran gewöhnt. Zu Anfang hat man seine Späße gemacht und gesagt: ‚Hörst Du die Autobahn?‘ – ‚Nein! Nein! Nein!‘ – Aber man hat sie gehört! Dieses ständige Rauschen… Man hat auch, wenn auf der Autobahn ein Stau war – man hat es gehört. Man hat es wahrgenommen und gesagt: ‚Es steht wieder. Brauchst gar nicht loszufahren‘, wenn man irgendwo hinwollte. Und jetzt ist es ruhig."

Tunnelröhren sorgen für Ruhe

Ab Oktober sollen beide Tunnelröhren, in Nord- und in Südrichtung, freigegeben werden. Noch rauscht der dichte Verkehr nur durch die östliche Röhre. Das Gegenstück ist noch gesperrt. Nur ein paar Baustellenfahrzeuge sind im leeren Tunnel unterwegs.

"Wir sind südlich des Tunnels Schnelsen. Hier sieht es schon ganz wunderbar aus. Hier fehlt noch ein bisschen Markierung. Aber es ist so, dass wir vom Baufortschritt her im Probebetrieb sind."

Florian Zettel arbeitet für die "Via Solutions Nord". Die Firma organisiert für die Unternehmen Hochtief, DIF und Kemna Bau das Projekt "A7-Deckel". Im April wurde schon der noch längere Tunnel in Hamburg-Stellingen für den Verkehr geöffnet. Und in den Zwanzigerjahren soll ein dritter Abschnitt gebaut werden. Zwei Kilometer lang, in Hamburg-Altona. Als die Idee der Tunnelbauten vor fast 20 Jahren entstand, ging es den Planern vor allem darum, die A7 zu verbreitern. Der wachsende Verkehr sollte fließen, möglichst ohne Staus.

Mehr Verkehr ohne zusätzlichen Lärm?

Das Problem: Mehr Verkehr führt auch zu mehr Lärm. Und nach den Berechnungen der Planer war klar: Das Dröhnen einer achtspurigen A7 wird die Grenzwerte der Bundesimmissionsschutzverordnung deutlich überschreiten. Die Lösung war der Deckel. Noch zieht sich das Bauwerk wie eine hellgraue Betonwüste durch Schnelsen. Aber schon bald soll sich das ändern, erzählt Florian Zettel oben auf dem Deckel.

"Hier kommen zwei Sorten Erde drauf. Wir müssen als Bauleistung den Unterboden hier abliefern, 90 Zentimeter. Und erst wenn der von uns aufgebracht ist, dann kann das Bezirksamt Eimsbüttel im Grunde genommen den Oberboden andicken und dann können da später die Kleingärten drauf entstehen."

Kleingartenkolonie über der Autobahn

Die Kleingarten-Idee für den Schnelsener Deckel entstand im Hamburger Rathaus. Weil die Stadt mit rund 200 Millionen Euro am Deckelprojekt beteiligt ist, suchte der Senat nach einer Gegenfinanzierung - und fand sie in einem Deal, der zwar auf wenig Gegenliebe stieß, aber Schritt für Schritt durchgezogen wird: Die Parzellen einer alten Schrebergartenkolonie in Altona werden geräumt und als Bauland verkauft. Dafür bekommt ein Teil der Gartenfreunde eine Ausgleichsfläche auf dem Autobahndeckel.

Die Hamburger Stadtplaner sehen in den drei Autobahn-Deckeln in Schnelsen, Stellingen und Altona vor allem die Chance, die Wunden der Vergangenheit zu schließen. Endlich sei eine Stadtreparatur möglich, die die in den Sechziger- und Siebzigerjahren zerrissenen Viertel wieder zusammenwachsen lassen könne.

Die Menschen an der heute so stillen Autobahntrasse genießen jedenfalls die Ruhe vor der Haustür und im Garten. Gabi Martens ist eine von ihnen, sitzt bei einem Kaffee im hellen Wintergarten. Als der Deckel geschlossen wurde, war sie im Urlaub an der Ostsee:

"Ich bin zurückgekommen und ich war erschüttert über die Stille. Es war auf einmal so anders. Es war so herrlich. Großartig für alle Anwohner - und ja: ich freue mich sehr!"

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