Archiv

Laibachs "Wir sind das Volk"Gewalt in Musik und Text

Martialischer Sound, faschistisch anmutende Symbole – die Pop-Provokateure von Laibach irritieren gern. In der Inszenierung "Wir sind das Volk" am Berliner HAU untersucht die umstrittene slowenische Band das Verhältnis von Kunst und Ideologie - und greift zu Texten von DDR-Autor Heiner Müller.

Von Oliver Kranz | 07.02.2020

Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Kritisch und fast gruselig: Laibach gehen den Begriffen „Volk“ und „Nation“ in einer Theaterproduktion nach (Pressebilder HAU Berlin, Valnoir)
Der Mann mit der Reibeisenstimme ist Milan Fras. Er trägt ein braunes Jackett und steht wie ein Fels in der Bühnenmitte - hinter ihm die Band, vorn ein Piano und ein Streichquartett.
Es gebe nicht genug Ordnung und Disziplin in der Welt, sagt Laibach-Gründungsmitglied Ivan Novak und lässt bewusst offen, ob er das ironisch meint. Die Band provoziert, indem sie mit politischen Reizworten spielt. Begriffe wie "Nation" und "Volk" tauchen in ihren Songs immer wieder auf.
"Wir sind das Volk" ist der Titel der Produktion – die Losung der friedlichen Wende in der DDR, die heute von rechtsextremen Demonstranten aufgegriffen wird. Heiner Müller könnte es vorausgesehen haben. Er wies schon 1990 darauf hin, dass man statt "Volk" lieber "Bevölkerung" sagen sollte.
Kein Musical, eher Konzert
Anja Quickert von der Internationalen-Heiner-Müller-Gesellschaft ist die Regisseurin der Produktion, die nun im HAU1 in Berlin auf die Bühne kommt:
"Sowohl Heiner Müller als auch Laibach setzen sich wirklich mit diesen Traumata der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinander. Da gehört Gewalt dazu zu dieser Geschichte. Und auch zu unserer jetzigen, aktuellen Gesellschaft gehört Gewalt. Die slowenische Band Laibach weiß, wie man mit dröhnendem Pathos Massen mitreißen kann. In dieser Inszenierung setzt sie auf einen vorwärtstreibenden Trommelsound. Dieser Rhythmus ist natürlich etwas, was Menschen auch gleichschaltet. Natürlich. Es gibt eine gewisse Anfälligkeit."
Die Produktion wird als "Musical" angekündigt, ist aber eigentlich ein Konzert mit eingeschobenen Texten. Es wird nicht nur Musik von Laibach geboten. Cveto Kobal singt das Fliegerlied von Hans Albers, während in einer Lichtprojektion Flugzeuge und ihre Kondensstreifen zu sehen sind – ein naives und scheinbar schönes Bild. Doch schon wenige Sekunden später verwandeln sich die Kondensstreifen in Stacheldraht.
Anja Quickert: "Der Abend will ja eine Auseinandersetzung mit der Überwältigungsästhetik, aber überhaupt auch mit dem Statuarischen, mit dem Monumentalen, mit Ordnung und Disziplin sein. Deswegen gibt es die Brüche und die Texte von Heiner Müller, die widersprüchlich sind."
Kommentar zur Gegenwart
Zwei Schauspielerinnen treten abwechselnd ans Mikrofon und tragen Kindheitserinnerungen von Heiner Müller vor. Der Autor wurde mit seiner Mutter während des Zweiten Weltkriegs nach Mecklenburg evakuiert und dort von den Einheimischen ausgegrenzt. Beim Indianerspiel wurde Heiner Müller von den anderen Kindern gedemütigt. Er musste stundenlang am Marterpfahl stehen.
In seinen Erinnerungen vergleicht er seine Position mit der eines Ausländers, der die Gemeinschaft, die ihn ausgrenzt, hasst und sich zugleich nichts Sehnlicheres wünscht, als dazu zu gehören. Dass Gemeinschaft, wenn sie auf einer totalitären Ideologie basiert, meist gefährlich ist, zeigt die Lichtinstallation, in der Scheinwerferspots so gebündelt werden, dass sie wie die Beine einer marschierenden Armee aussehen.
Wenn Laibach spielt, gibt es ohnehin kein Halten mehr. Die Inszenierung stellt starke Texte und starke Musik geschickt nebeneinander.