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LandkartenkegelschneckeFischjagd per Unterzuckerung

Insulin kann eine Waffe sein - zumindest bei Schnecken: US-Biologen haben beobachtet, dass sogenannte Landkartenkegelschnecken Insulin ins Wasser abgeben, um bei Fischen in ihrer Nähe eine Unterzuckerung auszulösen. Ein Trick, um die Fische leichter fangen zu können.

Von Lucian Haas | 20.01.2015

Eine Landkartenkegelschnecke
Eine Landkartenkegelschnecke (imago stock&people)
Kegelschnecken aus den tropischen Meeren haben eine Fähigkeit, die man ihnen auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde: Sie sind Fleischfresser und jagen unter anderem Fische - also Tiere, die normalerweise schneller sind als sie. Zu erfolgreichen Jägern werden die Kegelschnecken dank einer Art Harpune, die sie in vorbeischwimmende Opfer rammen und dabei schnell wirkende Nervengifte einspritzen. Eine der mehr als 500 Kegelschneckenarten, die Landkartenkegelschnecke Conus geographus, besitzt sogar eine noch ausgefeiltere Taktik.
"Landkartenkegelschnecken geben erst einmal bestimmte Wirkstoffe in das umgebende Wasser ab, um ihre Beute zu beruhigen. Dann fahren sie einen schlauchartigen Fangsack aus, mit dem sie die Fische wie mit einem Netz umschließen und zu ihrem eigentlichen Mund führen. Erst dort kommt die Giftharpune zum Einsatz. Das ist eine ziemlich einzigartige Jagdstrategie."
Helena Safavi-Hemami ist Biologin an der Universität von Utah. Sie erforscht den Aufbau und die Wirkung von Conotoxinen. Das sind die Wirkstoffe, die Kegelschnecken in ihren Giftdrüsen bilden. Conotoxine sind üblicherweise kleine Eiweißbausteine, sogenannte Peptide, die als Neurotoxine die Aktivität von Nerven beeinflussen. Doch bei der Analyse des Giftes der Landkartenkegelschnecken stieß die Forscherin völlig unerwartet noch auf eine andere Stoffklasse.
Giftdrüsen mit Insulin
"Es war sehr ungewöhnlich, in den Giftdrüsen Insulin zu finden. Normalerweise bilden die Weichtiere ihr Insulin in anderen Geweben. Aber hier fanden wir große Anteile von Insulin im Gift. So kamen wir auf die Idee, dass dieser Stoff eine Funktion bei der Jagd erfüllen müsste. Zumal die chemische Struktur auch eher einem Fischinsulin ähnelte als dem typischen Insulin von Weichtieren."
Insulin wird eine Klasse von Hormonen genannt, die den Glukose-Stoffwechsel und somit die Energieversorgung von Organismen beeinflussen. Die Wirkung ist bei Fischen ähnlich wie bei Menschen. Gelangt Insulin ins Blut, sinkt der Blutzuckergehalt. Wenn dieser allerdings zu stark fällt, kommt es zu einer gefährlichen Unterzuckerung. Die Denk-, Reaktions- und Bewegungsfähigkeiten sind dann eingeschränkt. Und genau diese Wirkung des Insulins aus dem Gift von Conus geographus konnte Helena Safavi-Hemami in Laborversuchen an Zebrafischen nachweisen.
"Wir wissen ja, dass die Landkartenkegelschnecken jagen, indem sie Wirkstoffe ins Wasser abgeben. Wir haben also das Insulin aus dem Gift der Schnecken ins Wasser gemischt und beobachtet, welchen Effekt das auf die Fische hat. Das Insulin senkt den Glukose-Gehalt im Blut der Fische. Und wenn das Gehirn nicht mehr genug Energie bekommt, funktioniert es nicht mehr richtig. Die Fische fallen dann in einen Zustand der Hypoaktivität."
Hypoaktivität bedeutet: Die Fische reagieren und bewegen sich weniger als normal, sie wirken wie betäubt. In welchen Konzentrationen das insulinhaltige Gift im offenen Meer rund um eine Landkartenkegelschnecke auftritt, lässt sich messtechnisch äußerst schwer erfassen. Beobachtungen aber zeigen, dass Fische, die in die unmittelbare Nähe einer Schnecke kommen, dort schon nach wenigen Sekunden ruhig verharren. Offenbar wirkt das Insulin gepaart mit weiteren Giftstoffen sehr schnell. So kann Conus Geographus den Fangsack langsam um ihre Opfer stülpen, ohne dass diese dabei zu fliehen versuchen. Laut Helena Safavi-Hemami ist dies der erste bekannte Fall, dass ein Tier Insulin produziert, nicht um seinen eigenen, sondern um den Stoffwechsel eines anderen Organismus zu beeinflussen.