
Kurz vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März 2026 holt die Regierungspartei SPD laut Umfragen weiter auf. Der ohnehin kleine Vorsprung der CDU ist zuletzt noch einmal leicht geschrumpft. Doch weil die FDP in der jüngsten Umfrage im Auftrag des SWR nur noch unter „Sonstige“ geführt wird und die Grünen bei neun Prozent gesehen werden, ist eine weitere Runde für die amtierende Ampel-Koalition von Ministerpräsident Alexander Schweitzer wohl vom Tisch.
- Die Wahl in Rheinland-Pfalz: Hintergründe
- SPD: Ministerpräsident Alexander Schweitzer und der traditionelle Mitte-Kurs
- CDU: Herausforderer Gordon Schnieder mit Fokus auf Schulen und Wirtschaft
- AfD: Spitzenkandidat Jan Bollinger will mit Abschiebungen punkten
- Grüne: Katrin Eders Thema ist der Klimaschutz
- Linkspartei: Newcomerin Rebecca Ruppert muss das BSW nicht fürchten
- FDP: Daniela Schmitt mit schwerer Hypothek im Wahlkampf
- Freie Wähler: Joachim Streit politisch in der Nähe der Union
Die Wahl in Rheinland-Pfalz: Hintergründe
Rund drei Millionen Rheinland-Pfälzer und Rheinland-Pfälzerinnen können über die Zusammensetzung des neuen Mainzer Landtags entscheiden.
Rheinland-Pfalz hat ein sogenanntes personalisiertes Verhältniswahlrecht. Analog zur Bundestagswahl sind auf dem Wahlzettel zwei Stimmen zu vergeben: mit der Erststimme lässt sich der oder die Wahlkreis-Abgeordnete bestimmen. Mit der Zweitstimme wählt man eine von zwölf Parteien, die hier antreten. Der Wahl-O-Mat der Landeszentrale für politische Bildung kann Wählenden helfen, die eigene Partei-Präferenz genauer zu erkennen.
Jüngste Umfragen sehen die CDU knapp vorn, vor SPD und AfD. Die zentrale Frage im Wahlkampf lautet: Endet nach 35 Jahren die Regierungszeit der Sozialdemokraten in Rheinland-Pfalz? Oder gelingt ihnen in diesem ländlich geprägten strukturkonservativen Bundesland wieder einmal die Aufholjagd in letzter Minute?
Die CDU hofft nach Jahrzehnten in der Opposition auf ihre Chance im einstigen Stammland der Konservativen. Bernhard Vogel war bis zu seinem Rücktritt der letzte langjährige Ministerpräsident der CDU (1976-1988), mit Carl-Ludwig Wagner endete 1991 die christdemokratische Regierungs-Ära in Rheinland-Pfalz.
Wer sind die Spitzenkandidierenden bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz? Ein Überblick.
SPD: Ministerpräsident Alexander Schweitzer und der traditionelle Mitte-Kurs
Seit 20 Jahren ist der Jurist Alexander Schweitzer Berufspolitiker. Am 24. Juli 2024 wählte der Mainzer Landtag den vormaligen Arbeits- und Sozialminister zum Nachfolger von Malu Dreyer, die das Amt der Ministerpräsidentin aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben hatte.
Schweitzer bekam damals in geheimer Wahl mehr Abgeordneten-Stimmen als die Ampel-Koalition Sitze hatte. Der Jurist muss also Voten der oppositionellen CDU und/oder der Freien Wähler mit eingefahren haben.
Der 52-Jährige ist Südpfälzer wie der langjährige Ministerpräsident Kurt Beck. Dessen Wahlspruch „nah bei de‘ Leut‘“ hat sich auch Schweitzer zu eigen gemacht. Überregional bekannt ist der Zwei-Meter-Mann als turnusmäßiger Vorsitzender der Ministerpräsidenten-Konferenz.
Über Jahrzehnte hat die SPD Rheinland-Pfalz mit einem Mitte-Kurs gewonnen und geführt. Daran rüttelt auch Alexander Schweitzer nicht. Gemeinsam mit seinen Genossen führt er einen „Wohlfühl“- oder „Gute-Laune-Wahlkampf“. Der soll signalisieren, es gehe den Menschen bei allen Problemen doch vergleichsweise gut.
Die Konjunkturdelle im Land des Mittelstands versucht Schweitzer der internationalen Lage und der Wirtschaftspolitik der CDU im Bund anzulasten. Mit kostenlosen Schulbüchern will der SPD-Spitzenkandidat Familien entlasten, mit einem Dorfkneipen-Förderprogramm Treffpunkte auf dem Land erhalten oder schaffen.
CDU: Herausforderer Gordon Schnieder mit Fokus auf Schulen und Wirtschaft
Herausforderer Gordon Schnieder ist zwei Jahre jünger und nur wenig kleiner als sein Kontrahent von der SPD. Der CDU-Landes- und Fraktionschef stammt aus der Vulkaneifel im Norden von Rheinland-Pfalz. Der 50-Jährige ist der jüngere Bruder von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, ebenfalls CDU.
Anders als die SPD sieht die CDU keinen Anlass für einen Wohlfühl-Wahlkampf. Ihre Kampagne zielt auf die Schwachpunkte der Ampel-Politik ab. Nach Gewalt-Vorfällen in Ludwigshafen und Brandbriefen des Lehrpersonals von Schulen wettert Schnieder gegen die Vernachlässigung insbesondere der sogenannten „Realschulen plus“. Zu dieser Schulform hatte Rheinland-Pfalz Haupt- und Realschulen fusioniert. Die CDU fordert mehr pädagogische Unterstützung für diese und andere Schulformen im Land.
Spitzenkandidat Schnieder kritisiert die Ampel-Koalition zudem als „wirtschaftsfeindlich“ und führt zur Begründung das neue Landesklimaschutzgesetz an. Das will Rheinland-Pfalz schon 2040, fünf Jahre vor dem Bund, klimaneutral machen. Eine unbotmäßige Belastung für die Unternehmen, findet die CDU - und will das Gesetz bei einem Wahlsieg wieder abschaffen.
Die Kritik von Bundeskanzler Merz an der Arbeitsmoral, die Vorstöße aus der Mittelstandsunion und dem parteinahen Wirtschaftsrat in Sachen „Lifestyle-Teilzeit“ und Zahnarztversorgung auf eigene Kosten ist allerdings kein Rückenwind für Schnieder.
AfD: Spitzenkandidat Jan Bollinger will mit Abschiebungen punkten
Die AfD hat ihren Landes- und Fraktionschef Jan Bollinger zum Spitzenkandidaten gekürt. Der Endvierziger ist seit 2013 bei der AfD und zog 2016 in den Mainzer Landtag ein.
Der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler gibt sich leutselig. Abwertend ausgrenzende Kampfbegriffe wie „Passdeutsche“, die andere AfD-Funktionäre gebrauchen, meidet Bollinger.
Doch bei Wahlkampf-Reden kassiert er den heftigsten Beifall seiner Anhänger, wenn er unterstreicht, die AfD wolle „abschieben, bis die Startbahn glüht“. Mit der Remigrations-Offensive seien aber ausschließlich „illegale Zuwanderer und kriminelle Ausländer“ (die AfD gendert nicht) gemeint, präzisiert der Spitzenkandidat aus Neuwied im Norden von Rheinland-Pfalz. Die Vetternwirtschafts-Vorwürfe auch gegen die AfD Rheinland-Pfalz beschäftigten die Medien mehr als die eigene Anhängerschaft, glaubt Bollinger.
Grüne: Katrin Eders Thema ist der Klimaschutz
Katrin Eder amtiert als Klimaschutz- und Umweltministerin. Die Grünen-Spitzenkandidatin kommt aus der Kommunalpolitik, war fast zehn Jahre lang Verkehrs- und Umweltdezernentin in ihrer Heimatstadt Mainz. Die studierte Politikwissenschaftlerin hat sich vehement für das Landesklimaschutzgesetz stark gemacht. Sie steht zum Ausbau der Erneuerbaren Energien, also Wind- und Solarkraft, selbst wenn sie Naturschützer als mögliches grünes Wählerklientel verschreckt.
Der Klimawandel und der Flächenfraß schadeten der Natur, glaubt die Endvierzigerin, deshalb müsse man beides eindämmen. Eine große Koalition von Schwarz und Rot oder umgekehrt brächte Stillstand für Rheinland-Pfalz, argumentieren die Grünen - und hoffen entgegen allen Trends auf eine weitere Regierungsbeteiligung.
Linkspartei: Newcomerin Rebecca Ruppert muss das BSW nicht fürchten
Rebecca Ruppert ist die Newcomerin in der rheinland-pfälzischen Landespolitik. Die Linken-Spitzenkandidatin will ihre Partei erstmals in den Mainzer Landtag führen. Seit 2024 ist die IT-Beraterin Linken-Landeschefin. Mit 37 Jahren ist Ruppert die jüngste Spitzenkandidatin einer aussichtsreichen Partei mit vielen Neumitgliedern um oder unter 30. Die Abspaltung des BSW sieht die Linkspartei in Rheinland-Pfalz als nützliche Häutung.
Ruppert thematisiert vor allem die Mietenexplosion in den rheinland-pfälzischen Uni-Städten. Die Linken-Spitzenkandidatin will, dass Wohnungen wieder in kommunales Eigentum überführt werden, um die Verteuerung zu bremsen. Die Spitzenkandidatin lebt im ländlichen Rheinhessen und betont, die Linkspartei habe auch Lösungen für Probleme in der Fläche. Pflege und Gesundheit will Ruppert öffentlich oder genossenschaftlich organisieren, damit beides bezahlbar bleibt.
FDP: Daniela Schmitt mit schwerer Hypothek im Wahlkampf
Daniela Schmitt, Spitzenkandidatin der Liberalen, ist Wirtschafts-, Landwirtschafts- und Weinbau-Ministerin in der rheinland-pfälzischen Ampel-Koalition. Die gelernte Bankkauffrau und vormalige Bank-Regionaldirektorin kommt aus Alzey. Deshalb ist die 53-Jährige stolz, dass es der Ampel gelungen ist, den Pharmariesen Eli Lilly dort anzusiedeln, mit einer Investition von mehr als zwei Milliarden Euro. Mitte des Jahres sollen die Produktionslinien stehen und erste Testläufe erfolgen. 2027 steht die Inbetriebnahme mit rund tausend Arbeitsplätzen in der Arzneimittel-Herstellung an.
Erst seit dem vergangenen Jahr ist Schmitt Landeschefin der FDP. Die Neuwahl war nötig geworden, weil ihr Vorgänger Volker Wissing aus der Partei austrat, nachdem diese die Ampel-Koalition im Bund verlassen hatte. Der Finanz- und Wirtschaftspolitiker Wissing galt als Zugpferd der rheinland-pfälzischen Liberalen. Dass diese in der jüngsten Umfrage nur noch unter „Sonstige“ auftauchen, ist wohl auch auf Wissings Abgang zurückzuführen. Nach einem parteiinternen Machtkampf fuhr Schmitt bei der Wahl zur Landesvorsitzenden nur 67,5 Prozent der gültigen Stimmen ein, eine schwere Hypothek für den Wahlkampf der Spitzenkandidatin und der Liberalen insgesamt.
Freie Wähler: Joachim Streit politisch in der Nähe der Union
Der Spitzenkandidat der Freien Wähler war nach der Landtagswahl 2021 zunächst Fraktionschef geworden, zog 2024 aber ins Europaparlament ein und wechselte von Mainz nach Brüssel. Ohne seine Führung zerbrach die FW-Fraktion kurz darauf. Sie schrumpfte zur vierköpfigen parlamentarischen Gruppe und schien weitgehend mit sich selbst beschäftigt.
Als Spitzenkandidat positioniert Streit die Freien Wähler Rheinland-Pfalz deutlich in der Nähe der CDU. Ziehen die Freien Wähler erneut in den Landtag ein, will der Europapolitiker sein Mandat in Brüssel niederlegen und beruflich nach Mainz zurückkehren. Privat lebt der 60-Jährige in der ländlichen Eifel im Norden von Rheinland-Pfalz.
Streit ist im Bundesvorstand der Freien Wähler der zweite Man hinter Hubert Aiwanger, dem bayerischen Wirtschaftsminister. Vor seiner landes- und europapolitischen Karriere war er bis 2021 viele Jahre Bürgermeister, danach Landrat des Eifelkreises Bitburg-Prüm. Der Spitzendkandidat betont die kommunale Verwurzelung der Freien Wähler und den daraus resultierenden Pragmatismus. Städte und Gemeinden bräuchten eine auskömmliche Finanzierung. Eine Landesregierung, an der die Freien Wähler beteiligt wären, hätte nach deren Willen weniger Ministerien.









