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StartseiteDlf-MagazinOstdeutsche Bauern fürchten um ihr Land16.01.2014

LandwirtschaftOstdeutsche Bauern fürchten um ihr Land

Finanzsstarke Investoren haben Ackerboden für sich als Spekulationsobjekt entdeckt. Riesige Agrarbetriebe bewirtschaften massenhaft Felder in Ostdeutschland - und zerstören damit nicht nur die Natur, sondern auch die Existenz vieler Kleinbauern.

Von Almut Knigge

Ein Traktor fährt über ein Feld. (AP)
Viele Kleinbauern in Ostdeutschland fühlen sich durch das sogenannte Landgrabbing bedroht. (AP)
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Renditeobjekt Ackerland (Deutschlandfunk, Hintergrund, 27.4.2013)

Märkisch-Oderland ist eine beeindruckende Landschaft: Vor rund 250 Jahren wurde das sumpfige Überflutungsgebiet der Oder zwischen Frankfurt und Bad Freienwalde trockengelegt. Friedrich II wollte es so. So entstand von Menschenhand, was heute noch als der "Berliner Gemüsegarten" gilt. Viel Landschaft, ein bisschen Idyll, wenig Menschen. Und viele alte LPG-Gebäude, die leer stehen. Manche Dächer der verlassenen Gehöfte sind bemoost, kleine Bäumchen haben sich längst einen Weg durch die Dachziegel gebahnt.

Dort ein großes Öko-Gut, unten in der Senke ein paar nagelneue, riesige Geflügelstallungen, ein paar Kilometer weiter der feudalhistorisch beeindruckende Schloss- und Stallkomplex von Neuhardenberg, unweit davon ein kleiner Schafsmilchbetrieb mit Käserei. Dann kommt Friedersdorf. Am Ende der Straße ein unscheinbares kleines Häuschen - "Bio-Eier zu verkaufen" steht auf einem Schild.

"So dann tue ich erst ein bisschen verteilen, damit die abgelenkt sind, und dann geh ich in den Wagen rein und füttere."

Dieses Häuschen mit ein paar maroden Stallungen hat sich Johannes Erz aus Baden-Württemberg ausgesucht – jahrelang stand es leer – der demografische Wandel ist hier an vielen Ecken sichtbar. Trotzdem will sich der 29-Jährige gerade hier zusammen mit seiner Frau Hanna, Hund Eica und 160 Sussex-Hühnern einen Öko-Bauernhof aufbauen. Einen Fuß auf den Boden kriegen, im wahrsten Sinne des Wortes. Allen Widerständen zum Trotz haben sie vor gut einem Jahr angefangen.

"Da hatten wir noch gar nichts - da war hinten raus der eine Hektar Land – mehr war da nicht."

Landraub vor der Haustür

Für ihn nicht - für finanzstarke Investoren schon. Vor allem in Ostdeutschland ist Ackerboden längst zu einem millionenschweren Spekulationsobjekt geworden. Boden ist kostbarer als Gold hat Börsen-Guru Warren Buffet 2012 als Maxime ausgegeben. Und Landgrabbing - der berüchtigte Landraub - ist kein Schreckensphänomen afrikanischer Staaten. Er geschieht direkt vor der Haustür: Riesige Agrargesellschaften bewirtschaften im Osten Flächen von 30.000 Hektar und mehr. Das hat Folgen – für die Natur, für die Gesellschaft. Verödung der Landschaften, Abwanderung. Ein größerer Druck auf die Metropolen. Auch deswegen will Johannes Erz auf dem Land anfangen. Ohne Fremdkapital und Businessplan.

"Was wir aber haben, dass wir Grundsätze haben, ja."

Ein Grundsatz des Ehepaars ist es, die Wertschöpfung möglichst im Betrieb zu halten. Deshalb haben die beiden die Sussex-Küken auch selber aufgezogen – auf der Veranda. Man hat es gerochen. Aber aus den Küken sind schöne, kräftige weiße Rasse-Hühner geworden, mit schwarzem Hals, schwarzem Schwanz und leuchtend rotem Kamm - wie einem Kinderbuch entsprungen. Sie liefern zwar nur halb so viele Eier wie ein "Industriehuhn", geben aber auch leckeres, zartes Fleisch.

"Und dann haben wir mit der Nachbarin geredet, und dann konnten wir ihren halben Hektar auch pachten – dann war es einer."

Die Pläne scheinen aufzugehen:

"Wir vermarkten in der Woche knapp 700 Eier direkt, an Abnehmergruppen Richtung Eberswalde, Fürstenwalde, und wir bekommen immer noch Anfragen, auch gestern wieder, ´ne Abnehmergruppe möchte auch Eier haben, aber wir können es einfach nicht mehr machen, ja."

Um Geld zu verdienen, arbeitet er noch in einer kleinen, französischen Saatgutfirma. Johannes Erz spricht viel von regionaler Wertschöpfung, von lokaler Entwicklung und der behutsamen Belebung des ländlichen Raums, wenn er die Situation vor Ort - und seine Pläne erklärt:

"Wenn wir hier 'ne örtliche Genossenschaft haben, die von einem Investor übernommen wird, dann fließen erst mal die Subventionen, wo die Region bekommt, raus. Das bekommen die Kapitalgeber. Als Nächstes wird die Tierproduktion abgeschafft, im dritten Schritt gibt es dann nur noch Saisonarbeiter, mit Lohnunternehmen wird gearbeitet, und die praktische Wertschöpfung ist aus der Region raus."

Gelernt hat er das in Eberswalde, wo man seit 2004 an der "Hochschule für Nachhaltige Entwicklung" Ökolandbau und Vermarktung studieren kann. Rund 35 Hektar für einen bäuerlichen Familienbetrieb mit Gemüseanbau, Rassehühnern, Sonderkulturen und ein klein wenig Getreideanbau, sagt er, sind das, was er zum Leben braucht. Nur das bekommt er nicht. Die Bodenpreise sind zu hoch, haben sich in den letzten Jahren vervierfacht, und bei den Pachtpreisen ist es noch extremer. Hochgetrieben von Kapitalanlegern. Und vom Bund. Und weil es vielen jungen Landwirten so geht, hat er vor gut einem halben Jahr das Bündnis junge Landwirtschaft gegründet.

"Was wollen wir? Erst mal wollen wir von der Politik, dass einfach in den Köpfen verankert ist, es gibt junge Leute, die wirklich in die Landwirtschaft wollen und in der Landwirtschaft arbeiten wollen."

Und dafür braucht man Land. Egal, von welcher Seite man es betrachtet, am Boden hängt, zum Boden drängt – alles. Zwei Millionen Vollzeitarbeitsplätze hat die Landwirtschaft in der EU allein zwischen 2007 und 2010 verloren, in Deutschland verschwanden elf Prozent der Stellen.

"Einer hat neulich das ganz treffend formuliert, durch die Verhinderung, dass wir nicht an Land rankommen, ist das praktisch ein Berufsverbot."

Konkret fordert das Bündnis Flächen von den Ländern und vom Bund. Ein Vorkaufsrecht für Existenzgründer. Langjährige Pachtverträge. Kleinere Flächen, die für Spekulanten uninteressant sind. Ihre Forderungen sind nicht ungehört geblieben. Immerhin ist zum ersten Mal ein Passus im Koalitionsvertrag, das Engagement landwirtschaftsfremder Investoren auf dem Bodenmarkt zu prüfen.

"Da kann der Staat oder auch die Länder aktiv ländliche Entwicklung machen, indem sie einfach sagen, ok, zehn Prozent bekommen Junglandwirte. "

Aus dem Verkauf der Eier hat er sich einen Trecker gekauft. Mit dem fährt er nun morgen Abend nach Berlin. Zur Demonstration am Rande der Grünen Woche, dort will er mit Tausenden anderen Landwirten für seine Forderungen protestieren.

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