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StartseiteLange NachtIch folge den Ablagerungen der Geschichte in mir27.01.2018

Lange Nacht über den israelischen Filmemacher Amos GitaiIch folge den Ablagerungen der Geschichte in mir

Der Filmemacher Amos Gitai widmet sich dem jüdischen Israel in all seinen Widersprüchen und Konflikten. Er ist unbequem und herausfordernd - und überaus produktiv: In 40 Jahren sind über 60 Dokumentar- und Spielfilme entstanden.

Von Heike Brunkhorst und Roman Herzog

Regisseur Amos Gitai in Venedig (dpa / picture alliance / Claudio Onorati)
Der israelische Filmemacher Amos Gitai in Venedig (dpa / picture alliance / Claudio Onorati)

"Ich denke, seit dem Jom-Kippur-Krieg bin ich ein Zeuge, der aufgrund merkwürdiger Umstände überlebt hat, als mein Helikopter abgeschossen wurde. Ich bin extrem interessiert, fasziniert und verstört von diesem Land. Und ich denke, es braucht ein starkes Kino, kein schmeichelndes oder wohlgefälliges, sondern ein Kino, das sich mit der Geschichte Israels auseinandersetzt."

Vom Staat zensiert, geht Amos Gitai 1982 ins Exil nach Paris und kehrt zurück nach der Wahl Yitzhak Rabins zum Ministerpräsidenten 1992. Heute in beiden Welten lebend, eckt er mit seinen Filmen immer wieder an, hinterfragt die Gewaltgeschichte seines Landes, die Diskriminierung der Palästinenser und politische Mythen - der Linken wie der Rechten, der Israelis und der Palästinenser.

Impulsgeber ist dabei seine Familiengeschichte - Mutter Sabra, Vater Ashkenasi - und die Bibel. Kein anderer israelischer Filmemacher bringt so stark religiöse Texte ins Spiel.

Sein Kino ist der Versuch, in einer Architektur des Realen zusammenzufügen, was auseinanderzufallen droht, im nomadischen Dasein Identitäten zu schaffen inmitten vollständiger Orientierungslosigkeit. Gitai versucht, Erinnerungen zu bewahren im Augenblick ihrer allgegenwärtigen Zerstörung und Anhaltspunkte zu verorten angesichts der Auflösung aller Koordinaten - eine Chronik des Verschwindens, zugleich Utopie einer anderen Realität.

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Biografie Amos Gitai

+ Geboren: 11. Oktober 1950 in Haifa

+ 1971 bis 1976: Studium der Architektur

+ 1973: Absturz in Jom-Kippur-Krieg

+ 1977: Beginn der Arbeiten für das israelische Fernsehen

+ 1982: Exil in Paris

+ 1993: Rückkehr nach Israel

Die frühen Filme

"Manchmal beziehe ich mich auf Elemente meiner Biographie, nachdem ich ein Werk geschaffen habe. Ich mache also erst den Film und schaue dann, wo er herkommt. Meine Mutter lehrte die Bibel, aber aus weltlicher Sicht. Im Alten Testament, als die Juden die zehn Gebote bekommen, antworten sie, "Wir werden sie befolgen und dann hören wir". Die Interpreten der Bibel sagten, "Also, die Wortfolge ist etwas merkwürdig, wir tun es und dann hören wir?" Rein psychoanalytisch betrachtet ist das aber möglich. Ich würde also sagen, ich tue es, und dann höre ich. Und manchmal folge ich den Ablagerungen der Geschichte in mir."

Amos Gitai, israelischer Filmemacher, geboren 1950 in Haifa. Der Vater, Munio Weinraub, ein Bauhausarchitekt aus Polen, der von den Nazis verfolgt nach Palästina floh. Er wird in Israel Bedeutung erlangen. Gitai studiert auch zunächst Architektur, bevor er sich dann dem Filmen zuwendet. Die Mutter, Efratia Margalit, eine in Palästina vor der Staatsgründung geborene Sabra, die weltliche Bibelstudien lehrte.

"Ich bin in dieser sehr offenen Atmosphäre aufgewachsen, ohne Vorurteile, vor allem rassistischer Art, aber auch im Einklang mit der eigenen Identität, die nicht geleugnet wurde. Meine Mutter wurde in Haifa geboren, 1909. Sie war froh, Jüdin zu sein. Sie war einfach nicht religiös. Kulturell hatte sie aber eine starke Affinität zur jüdischen Geschichte und den Bibeltexten. Ihre Eltern kamen aus Russland, sozialistische Juden, utopische Sozialisten. Sie waren nach dem Scheitern der ersten Revolution 1905 aus Russland geflohen, als es zu schweren Pogromen gegen die Juden kam. Denn der Zar lenkte den Hass gegen die Revolutionäre in einen Hass gegen die Juden um, wie es so oft in Europa geschehen ist."

Gitai arbeitete zunächst stark dokumentarisch, ab 1977 für das israelische Fernsehen. Doch er hatte dort keinen leichten Stand:

"Es war schwierig, als Amos anfing. Denn es gab nur einen Fernsehsender. Sagen dessen Redakteure Nein, kannst du gar nichts machen. Sie sagten Nein. Und es gefiel Amos ganz und gar nicht, nicht, was sie ihm sagten: "Du solltest drei Teile aus dem Film "Haus" herausschneiden, dann geht der Film in Ordnung." Amos lehnte das ab. Also bekam er Drehverbot und sie ließen ihn gehen, wie man so schön sagt." (Ehefrau Rivka Markovitzky)

Der Dokumentarfilm "Haus", Hebräisch "Bait", von 1980 erzählt anhand der Geschichte der wechselnden Besitzer eines Hauses in Jerusalem die Geschichte Israels von der Zeit des britischen Mandats über die Staatsgründung und Vertreibung der Palästinenser bis in die 80er-Jahre. Gitai hatte "Haus" für das israelische Fernsehen gedreht. Der Film wurde in Israel niemals ausgestrahlt. Dasselbe Schicksal erlebten zwei Folgeprojekte, "Feldtagebuch" von 1982 über die Eskalation des Konfliktes mit den Palästinensern während des Libanonkrieges. Und "Wadi", ein Film über ein Tal in Haifa, in dem jüdische Überlebende des Holocausts und arabische Ureinwohner, die sich nicht haben vertreiben lassen, in einer Enklave friedlicher Koexistenz und Armut zusammenleben.

"Der Dokumentarfilm "Feldtagebuch" behandelt die dramatische Verschlechterung der Lebensbedingungen der Palästinenser unter der israelischen Besetzung. Bei einer ersten Betrachtung geht es um die Eskalation der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern. Eigentlich aber reflektiert der Film auf radikale Weise die Macht der Kamera in Zeiten des Krieges, verstärkt durch das immer wiederkehrende Bild von Soldaten, die versuchen, das Objektiv der Kamera mit der bloßen Hand zu verdecken, wenn sie merken, dass Gitai und seine Crew kein Nachrichtenteam des israelischen Fernsehens sind und ihre Aufnahmen daher eine "andere Wahrheit" über die Besatzung der Westbank durch Israel enthüllen könnten." (Yael Munk)

"Nach "Haus", "Wadi" und "Feldtagebuch" wurde mir relativ unverblümt gesagt, es gäbe keine Arbeit mehr für mich. Der Generaldirektor des Fernsehens erteilte mir Hausverbot. Ich durfte also nicht einmal mehr das Gebäude betreten, geschweige denn Filme drehen. So hatte ich zwei Möglichkeiten: Entweder in einem schicken Café in Tel Aviv zu sitzen, und alle würden auf mich zeigen und sagen, "Also der hatte wirklich Talent. Jammerschade, aber er wird keinen Film mehr drehen können." Oder aber zu sagen, "Ich spiele da nicht mit". Einige Franzosen hatten mich, Rivka und unsere kleine Tochter Karen nach Paris eingeladen, für einige Wochen. Daraus wurden viele Jahre."

Das Exil in Paris

Trailer zum Film Kadosh (1998) auf Youtube:

Im Exil in Frankreich beginnt Amos Gitai ab Mitte der 80er-Jahre neben Dokumentarfilmen auch Spielfilme zu drehen. Als erstes verfilmt er das Buch Esther der hebräischen Bibel.

""Esther" stellt den ersten Versuch einer aussagekräftigen politischen Interpretation einer biblischen Geschichte im Kino Israels dar. Der Film erzählt von der Jüdin Esther, die den nicht-jüdischen König Achaschwerosch heiratet und dadurch ihrem Volk zum Sieg über seine Unterdrücker verhilft. Er spielt in den historischen Ruinen des Tals Wadi Salib. Gitai stellt die Befreiung des eigenen Volkes als den Ausgangspunkt für einen endlosen Kreislauf von Gewalt dar." (Yael Munk)

"Die meisten Juden verbinden die Geschichte von Esther mit dem karnevalähnlichen Purim-Fest und der Erinnerung an die Befreiung aus der Unterdrückung. Den Schlussteil der Geschichte lassen sie dabei außer Acht, als Esther Rache an den Feinden ihres Volkes fordert. Manchmal ist es, glaube ich, hilfreich, das Ganze mit den Ur-Quellen anzugreifen und zu sagen, "Hört mal, schön und gut, dass ihr mitten im Sommer diese merkwürdigen Filzhüte tragt, aber ihr lest nicht wirklich den Text. Lest den Text!""

Nach seinem ersten Spielfilm "Esther" dreht Amos Gitai 1989 "Berlin-Jerusalem", einen Film über die Poetin Else Lasker-Schüler, gespielt von Lisa Kreuzer, die nach der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten nach Palästina flieht. Und über die aus Russland geflohene Revolutionärin Manya Wilbushewitch Shohat, Begründerin der Siedlerkollektive in Palästina Anfang des 20. Jahrhunderts. Gitai verschränkt im Film die Biografien beider Frauen.

"Das sind beides Frauen, denen es in den europäischen Herkunftsländern, Russland hier und Berlin dort, zum Leben aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr gereicht hat. Die deswegen wähnten, in Israel/Palästina etwas ganz Neues aufbauen zu können und - auch das zeigt Gitai - es endet in beiden Fällen entweder tragisch oder wenn man so will katastrophal." (Micha Brumlik, Berater am Zentrum Jüdische Studien Berlin/Brandenburg)

In "Golem - Geist des Exils" (1991) verbindet Amos Gitai die biblische Geschichte des Buches Ruth mit der Geschichte des Golem aus der jüdischen Kabbala, aber nicht als außer Kontrolle geratener Maschine, sondern als Geist des Exils.

"Und das fand ich so faszinierend an dem Film, diese surreale Atmosphäre und die Vermischung der Geschichten. Das Biblische hatte mich erst eher so abgestoßen, weil es mir so riesig archaisch vorkam. Und ich habe mich hauptsächlich auf die Bilder konzentriert und die Atmosphäre und fand die ansprechend. Also auch eben das Setting. Es spielt ja auch immer wieder auf diesem Schiff, in Paris, auf den Kanälen. Und da war viel nacktes Fleisch zu sehen. Und irgendwie fand ich das alles spannend, aufregend, erotisch." (Komponist und Sounddesigner Simon Stockhausen)

Amos Gitai bezieht sich auch häufig auch einen vom Krieg der Römer gegen die Juden von Titus Flavius Josephus aus dem 1. Jahrhundert. Nach der Inszenierung des Textes im sizilianischen Gibellina und in Venedig wird er Flavius' Beschreibung der Zerstörung des 2. Tempels und des Verlustes der Souveränität der Juden immer wieder in seinen Filmen aufnehmen.

Der israelische Filmemacher Amos Gitai zeigt seinen Ehren-Leopard (AP)Der israelische Filmemacher Amos Gitai zeigt seinen Ehren-Leopard, den er 2008 erhält. (AP)"Flavius war unter den Anführern des Aufstandes in Galiläa gegen die Römer. Sie nehmen ihn gefangen und gestatten ihm, die Geschichte dieses Krieges niederzuschreiben. Er weiß also, geht er zu weit, enthaupten sie ihn. So muss er seinen Weg finden, diese Geschichte zu erzählen. Auch seine Lage ist also sehr interessant. Zugleich ist es die Zeit der Entstehung des Christentums, des Zusammenbruchs der Eigenständigkeit der Juden und des Anarchismus, der Ultranationalisten, der Zeloten, eine wirklich interessante Phase mit starkem Widerhall im heutigen Israel und den heutigen Gefahren. Bietet sich eine Gelegenheit, bringe ich den Stoff immer wieder gern auf die Bühne. Es ist die Geschichte vom exzessiven Nationalismus, der immer sich selbst zerstört und das Gewebe einer Gesellschaft. Und es gibt einen weiteren Aspekt, der für den gesamten Nahen Osten gilt und auch für Europa: Der Andere existiert heute immer weniger. Ich denke, jede gesunde Gesellschaft braucht den Anderen im Inneren. Die Deutschen brauchten die Juden, denn es ist ein sehr kreativer Austausch. Und die Israelis brauchen die Araber. Jede Auslöschung des Anderen ist ein Desaster, nicht nur für die Menschen, die ausgelöscht werden, sondern auch für diejenigen, die andere auslöschen. Im Nahen Osten haben wir heute kleinste Splittergruppen mit jeweils eigenem Gott. Der Andere existiert nicht mehr. Also können sie Frauen in Syrien vergewaltigen und verstümmeln, weil es für sie nur ihren Gott gibt und sonst niemanden. Das ist die ganze Tragödie. Flavius spricht genau davon: wie sich der hermetische Nationalismus selbst zerstört. Es wird immer hermetischer und das ist sehr gefährlich."

Parallel zu seinen Spielfilmen und Theateraufführungen dreht Gitai im Exil in Frankreich in den 80er-Jahren weiterhin Dokumentarfilme.

1993 stößt Gitai dann auf eine Geschichte aus Wuppertal. In Wuppertal traten zwei Skinheads am 13. November 1992 den 53-jährigen Karl-Hans Rohn zu Tode, der sich beim Wettsaufen "aus Spaß" als Halbjude ausgegeben hatte, während vom Plattenteller die Musik der Bösen Onkels lief.

"Ein Jahr lang kamen wir dann immer wieder nach Wuppertal. So entstand ein übergreifender Blick auf die deutsche Gesellschaft durch ein kleines Ereignis. Am meisten hat mich die Mehrdeutigkeit des Falles interessiert. Denn es ist ja nicht das dramatischste all der derzeitigen Ereignisse in Deutschland. Mich interessierte dieser Vorwurf, dass dieser Mann, der sagte er sei kein Jude, sondern Halbjude, damit quasi den Vorwand geliefert habe, umgebracht zu werden, so wurde es ihm vorgeworfen. So kurze Zeit nach all dem, was geschehen ist, reicht das kleine Wort Jude aus, um einen akzeptablen Vorwand für einen Mord zu liefern. Obwohl doch derart wenige Juden im heutigen Deutschland leben. Das Wort Jude verfolgt dieses Land immer noch. Das ist das Thema des Films."

Im Film "Im Tal der Wupper" geht Gitais dokumentarisches Konzept, ohne Stimme aus dem Off Bilder und Interviews unkommentiert für sich sprechen zu lassen, vollständig auf. Er schafft ein bedrückendes Bild über den wachsenden Fremdenhass im wiedervereinten Deutschland. Vor allem die Gedankenlosigkeit der Bevölkerung spricht für sich und das unbeholfene Agieren der Staatsbehörden, die den Mord verharmlosen, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus als generelles Problem verneinen und die Ermittlungen einseitig ausrichten, ohne etwa die beteiligten Zeugen wegen unterlassener Hilfeleistung zur Rechenschaft zu ziehen. Der Oberstaatsanwalt Horst Rosenbaum im Film:

"Wir haben diesen bedauerlichen Fall hier gehabt, ja, der ist so passiert, aber es ist eben die Frage, wie man ihn von der Motivation aus her sieht, nicht, ist die Frage, was man beweisen kann, nicht wahr. Was soll ich dazu sagen, ich weiß nicht, was das öffentliche Bild ist, nicht wahr, die örtliche Presse hat korrekt berichtet. Es ist nur eine Falschmeldung damals durch AFP verbreitet worden mit der Überschrift "Skinheads treten Juden tot" und die ist falsch, nicht. Und der, der war überhaupt kein Jude."

1992 wird Yitzhak Rabin in Israel zum Premier gewählt, für Amos Gitai eine Möglichkeit zur Rückkehr aus dem Exil.

Rückkehr nach Israel

Zurück in Israel befragt Gitai Schriftsteller während der Jahre der Osloer Verhandlungen zu den Problemen palästinensischer und jüdischer Identität, beschreibt die Ausbeutung der Palästinenser in den israelischen Zitrushainen und fragt die Menschen im Gazastreifen nach ihrer Meinung zum Friedensprozess. Ende September 1995 unterzeichnen Yitzhak Rabin und Yasser Arafat das zweite Osloer Abkommen über die Teilung des Landes und die Gründung einer palästinensischen Regierung.

Am 4. November 1995 wird Rabin von dem jüdischen Extremisten Yigal Amir erschossen. Israel befindet sich in einer Schockstarre. Amos Gitai dreht sofort einen Film: "Die Mordarena", ein persönliches Klagelied über den scheinbar unlösbaren Konflikt im Nahen Osten.

"Der Mord an Rabin ist eine Koproduktion der ultranationalistischen, fundamentalistischen Palästinenser und Israelis zur Destabilisierung der vielleicht moderatesten Phase der israelischen Politik. Denn die Fanatiker stützen sich gegenseitig. Die fundamentalistischen Palästinenser, die Bomben legten, als Rabin der Armee befahl, sich aus den besetzten Städten zurückzuziehen, haben den Rechtsextremen in Israel geholfen, Rabin zu ermorden. Denn sie haben Rabins Taten delegitimiert."

Der Film "Die Mordarena" ist eine intime und chaotische Reise, ein ungeordneter Parcours durch das Innere des traumatisierten israelischen Bewusstseins. "Die Mordarena" ist ein Wendepunkt im Oeuvre Gitais.

Persönlich-biografische Spielfilme zur Geschichte Israels

Trailer zum Film Kippur (2000) auf Youtube:

In zahlreichen Filmen befragt Amos Gitai die kriegerische Geschichte seines Landes auch in Verbindung zu seiner persönlichen Geschichte. In dem kollageartigen und vielschichtigen Film "Carmel" nimmt er den zweiten Libanonkrieg 2006 zum Anlass für eine Reflexion über die endlosen Kriege Israels.

Im Dokumentarfilm "Kippur - Kriegserinnerungen" widmet sich Gitai seinem persönlichen Trauma des Helikopterabsturzes, den er als Mitglied einer Rettungseinheit im Jom-Kippur-Krieg überlebte, ein Krieg der zugleich ein Trauma für das gesamte Land war. Darin kehrt der Regisseur die Rollen um und lässt sich von seinen ehemaligen Kameraden interviewen. So wird Gitai selbst Inhalt und Teil des Films. Er handelt von den Schwierigkeiten, mit dem Überleben klarzukommen, nach einem existentiellen Krieg, in dem Tausende Menschen starben - ein bescheidener, unsicherer Film über Grenzen und Möglichkeiten der Aufarbeitung von Erinnerungen. Genau wie der gefeierte Spielfilm "Kippur".

"Das ist ein Film, der schwer zu ertragen ist, weil er in einer außerordentlich realistischen Weise den Lärm, die Grausamkeit, aber auch die Langeweile des Krieges zum Ausdruck bringt. Der Film besteht ja zum großen Teil aus Szenen des Wartens und dann natürlich des Sterbens, übrigens mehr des Sterbens als des Tötens. Also, das war einer der besten Kriegsfilme, die ich je gesehen habe, gerade weil es nicht so ein Abenteuerfilm gewesen ist, sondern weil er die endlosen, langweiligen, tödlichen Routinen von Kriegen gezeigt hat."(Micha Brumlik)

"Kippur" bringt Amos Gitai im Jahr 2000 seine zweite Einladung zu den Filmfestspielen in Cannes. Ein Jahr zuvor wurde er dort bereits für "Kadosh" gefeiert, in dem er die Lebensrealität orthodoxer Juden portraitiert, ein einfühlsamer Film über die Unterdrückung der Frauen im orthodox-religiösen Milieu.

Besondere Aufmerksamkeit für Frauen

In fast all seinen Filmen zeigt Amos Gitai eine besondere Aufmerksamkeit für Frauen und Frauenschicksale. Frauen tragen zumeist die Hauptrollen und stechen immer hervor neben den Männern, die eher im Hintergrund bleiben.

"Die Frauen kommen aus Osteuropa. Die Männer, die normalerweise ihre Herden in der Gegend hüten, sind Beduinen. Morgen werden sie heimlich die Grenze überschreiten. Morgen werden Diana und die anderen geschlagen, vergewaltigt und höchstbietend versteigert werden. Sie werden von einer Hand zur anderen gereicht, in Hannas Hostessen-Club verschachert, Opfer eines internationalen Netzwerks von Frauenhändlern. Gitai gelingt es, das Martyrium, die Nacktheit und den Abstieg in die Hölle dieser jungen Frauen auf exemplarische Weise darzustellen. Die Darstellung versklavter Körper, die zu Waren gemacht und verächtlich über Grenzen und Grenzkontrollen geschafft werden, wird zur Metapher dafür, wie ein menschenverachtendes Wirtschaftssystem die Welt erobert. (Jean-Luc Douin; in: Le Monde, 12. Januar 2005 über den Film "Promised Land")

"An einem gewissen Punkt haben Israelis und Palästinenser ihre Argumente so weit geschärft, dass der Andere wieder nicht mehr existiert. Im Fall von "Gelobtes Land" ist der Andere weder Jude noch Moslem, nicht Israeli oder Palästinenser, sondern es sind Frauen aus anderen Teilen der Welt. Weil sie von außerhalb kommen, beuten Palästinenser und Israelis sie gemeinsam aus. Sie sind kein Teil des Konflikts, haben keine Lobby, niemand verteidigt sie. Sie kommen aus Moldawien, aus der Armut, werden nach Ägypten geflogen, im Sinai von Beduinen vergewaltigt - das ist der reale Hintergrund - dann an der Grenze an israelische Mafiosi verkauft, und einige später an palästinensische Mafiosi weiterverkauft. All die Grenzen und sich bekriegenden Menschen, die so viel Unsinn veranstalten und uns Kopfzerbrechen bereiten, kommen plötzlich ganz einfach zusammen, weil sie Frauen einer anderen Kultur ausbeuten."

In Filmen wie "Gelobtes Land" oder "Kedma" zerbricht die klassische Trennung zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Gitai vermag mit schauspielerischen und dramatischen Mitteln die Realität einzufangen, wie es in einem Dokumentarfilm kaum möglich wäre, vor allem auch durch die starke Intensität und große Nähe, die Wahrhaftigkeit, mit der die Schauspielerinnen ihre Rollen verkörpern.

Die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens von Palästinensern und Israelis, die Gitai in "FreeZone" im Mikrokosmos eines Autos ansiedelt, zerbricht an der militärischen Gewalt und den streng bewachten Grenzen. Die Realität seines Landes ist durch Hass geprägt, nicht durch Verständnis und Dialog. Deutlich wird dies auch in "Trennung" - "Disengagement" - einem Film über die Räumung jüdischer Siedlungen im Gaza-Streifen unter Premier Ariel Scharon im Jahr 2005. Gitai nimmt darin auch den Gedanken der Diaspora und des zionistischen Traums wieder auf.

"Der springende Punkt ist, dass die verschiedenen Sichtweisen auf die Dinge nicht akzeptiert werden. Die Juden erzählen pausenlos ihre Version und die Palästinenser sagen, wir wollen unsere Sicht auf die Dinge erzählen, denn eine Münze hat immer zwei Seiten. Während der britischen Mandatszeit stand auf unseren Geldmünzen auf der einen Seite "Britisches Mandatsgebiet Palästina" und auf der anderen "Eretz Israel". Dieses Land ist für beide Seiten. Wir kämpfen also um unsere Sichtweisen der Geschichte. Die Juden wollen nicht anerkennen, dass es unsere palästinensische Nakba gab. Gibt es denn nur den jüdischen Holocaust? Auch wir hatten unsere Tragödie. "Hört uns doch auch an. Ihr habt uns Unrecht angetan. Nehmt das zur Kenntnis. Akzeptiert unsere Version und wir entschuldigen uns. Denn auch wir haben ja vielleicht etwas falsch gemacht. Auch wir Palästinenser sind nicht unschuldig. Wir haben uns gegenseitig furchtbare Dinge angetan. Aber ihr habt uns vertrieben. Ihr konntet euren Staat aufbauen, wir nicht." (Schauspieler Makram Khoury)

Gitais Freilegungen verschiedener widersprüchlicher Facetten der Geschichte seines Landes sind auch eine persönliche Spurensuche nach Heimat, Identität und Nomadentum im Spannungsfeld zwischen Diaspora und Eretz Israel. Nicht nur die ortsgebundene, auch die entwurzelte, nicht ortsgebundene Identität einer nomadischen Existenzweise ist geschichtlich eng mit dem Judentum verbunden, während der Jahrtausende der Diaspora, und vor dem Königreich, als die Juden Beduinen waren im Sinai.

"Die Erinnerung dient als Kompass, sie kann die Richtung weisen, um die Zukunft in Angriff zu nehmen. Denn man kann sich nicht damit begnügen, die Dinge in Bezug auf die Gegenwart zu interpretieren. Man muss manchmal Rückschau halten, um sich auf die Zukunft ausrichten zu können. Meine Mutter hatte zwei Bahnfahrkarten in einem Regal angebracht, von ihrer Hochzeitsreise in den Libanon: Haifa-Beirut. Da wir uns in den 50er-Jahren befanden, nach der Schließung der Grenzen 1948, fragte ich sie, "Warum räumst du die Fahrkarten nicht weg, der Libanon ist ein feindliches Land?" Sie antwortete - und daran muss ich manchmal denken -, "Das wird wieder möglich werden, eines Tages wird es wieder so sein." Man muss ein Projekt für die Zukunft entwerfen."

Produktion dieser Langen Nacht:
Autoren: Heike Brunkhorst und Roman Herzog; Regie: Claudia Mützelfeldt; Sprecher: Renate Fuhrmann, Volker Risch, Josef Tratnik, Nicole Engeln, Uli Auer; Redaktion: Dr. Monika Künzel; Webproduktion: Jörg Stroisch

Wir danken:
Atmos Gitai für die kostenlose Gewährung der Rechte an den Filmausschnitten. Thorsten Lampe für die Filmrecherche. Tsafrir Cohen für Backgroundinformationen und Recherche.

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