Dienstag, 28. Juni 2022

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Lateinamerika beim Literaturfestival Berlin
Die Rückkehr der Geschichte

Wie begegnet die Literatur dem Populismus in Brasilien, der Staatskrise in Argentinien und der Gewalt in El Salvador? Die Krisenländer in Süd- und Mittelamerika sind ein wichtiges Thema auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin. Teilnehmer sehen eine "Struktur der Unterdrückung".

Von Cornelius Wüllenkemper | 18.09.2019

Autor Rafael Cardoso bei der Lit.Cologne in Köln.
Der Autor Rafael Cardoso fordert die Auseinandersetzung mit der brasilianischen Geschichte (dpa / Henning Kaiser)
Der sprunghafte Anstieg der Gewalt gegen Afro-Brasilianer, die verbalen Ausfälle gegen Minderheiten und die Klitterung der Kolonial- und Diktaturgeschichte: Die gesellschaftliche Polarisierung Brasiliens ist für den Autor und Kunsthistoriker Rafael Cardoso vor allem das Ergebnis lang schwelender Konflikte.
"Alles was wir heute erleben, ist das Resultat einer mangelnden Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Brasilien möchte sich nicht damit beschäftigen und ist deswegen verdammt dazu, die Geschichte immer aufs Neue zu erleben."
Ein "neuer Faschismus"
In seinem Roman "Das Vermächtnis der Seidenraupen" beschrieb Cardoso die Flucht seines jüdischen Urgroßvaters aus Berlin nach Brasilien. Die Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten erlebt der Autor ebendort heute als Form eines "neuen Faschismus". Bei der Diskussion über "Brasilien unter Bolsonaro" veranschaulichte das die Philosophin Djamila Ribeiro.
"Wenn wir die aktuellen Kürzungen im Bildungssektor und die steigende Polizeigewalt gegen Schwarze sehen, dann geht es nicht nur um das System Bolsonaro, sondern um eine Struktur der Unterdrückung. Brasilien hatte die meisten Sklaven auf dem amerikanischen Kontinent und hat zugleich als letztes Land die Sklaverei abgeschafft. Die Befreiung der Sklaven und die Industrialisierung haben aber nie zur Inklusion der schwarzen Bevölkerung geführt, weil politisch nichts dafür unternommen wurde."
Die Geschichte falscher politischer Entscheidungen
Beim Themenschwerpunkt Lateinamerika war eindrücklich zu erleben, wie die Vergangenheit der "Neuen Welt" derzeit die Gegenwart einholt. Das galt auch für den salvadorianischen Journalisten Óscar Martínez. In seinem aktuellen Buch "Man nannte ihn El Niño de Hollywood" beschreibt er das Leben und Sterben eines Mitglieds einer berüchtigten Jugendgang in El Salvador.
"Das Buch will vor allem erklären, wie Menschen durch soziale Prozesse geprägt werden. Das Gangmitglied Miguel Àngel Tobar ist das Ergebnis des Kalten Krieges in El Salvador zwischen 1980 und 1992. Der wurde bekanntermaßen von den USA finanziert und ist bis heute nicht beendet. Tausende sind damals vor der Gewalt in die USA geflohen. Dort entstanden dann salvadorianische Gangs, um sich gegen Diskriminierung zu schützen. Die Mitglieder dieser Gangs, etwa 4000 junge Männer, wurden aus den USA ausgewiesen. Daraus sind heute 60 000 Gangmitglieder in El Salvador geworden. Es ist eine Geschichte falscher politischen Entscheidungen."
Eine Geschichte der politischen Fehlentscheidungen erzählte auch die argentinische Erfolgsautorin Claudia Piñero. In ihrem letzten Roman "Der Privatsekretär" beschrieb sie das politische Milieu Argentiniens als einen Pfuhl aus Lüge und Korruption. Derzeit tritt die wegen Korruption angeklagte Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner als Vize-Kandidatin erneut zur Wahl an. Argentinien leide nicht nur unter der zunehmenden Inflation, so Piñero, sondern auch unter dem Vertrauensverlust in die politischen Institutionen.
Schriftstellerinnen wird zugehört
"In Argentinien wurden Schriftsteller bisher nur selten gefragt, was sie über die gesellschaftliche Situation denken. Das hat sich geändert. Man fragt uns wieder. Als im Parlament die großen Debatten über das Abtreibungsgesetz liefen, hatten viele das Gefühl, dass nicht nur Ärzte und Juristen zu Wort kommen sollten, sondern auch Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen. Und selbst wenn es den Abgeordneten unangenehm war, was wir zu sagen hatten, haben sie uns zugehört."
In Brasilien und in Argentinien, den beiden größten Volkswirtschaften Lateinamerikas, scheinen die politischen und gesellschaftlichen Konflikte vermehrt weibliche Stimmen auf den Plan zu rufen. Sie fordern nicht nur den Abschied von traditionellen Gesellschaftsbildern, sondern plädieren zugleich für die Aufarbeitung historischer Prozesse, die die Gegenwart im Griff halten.