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StartseiteHintergrundLeben am Rande der Gesellschaft19.09.2008

Leben am Rande der Gesellschaft

Roma in Osteuropa

Wie viele Roma genau in den Ländern der Europäischen Union leben, ist mit Bestimmtheit nicht zu sagen. Mit der Osterweiterung der Europäischen Union hat sich der Anteil der Roma in der EU sprunghaft erhöht, denn Dreiviertel der rund 10 Millionen Roma leben in Ost- bzw. Südost-Europa. Dadurch kommen Massenarmut, Rassismus und Diskriminierung in zuvor nicht wahrgenommenem Ausmaß auf Brüssel und die EU-Mitgliedsstaaten zu.

Von Sabine Adler

1997 wurde Florin Cioaba wird im rumänischen Sibiu zum König der Roma ausgerufen. (AP Archiv)
1997 wurde Florin Cioaba wird im rumänischen Sibiu zum König der Roma ausgerufen. (AP Archiv)
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Wie viele Roma genau in den Ländern der Europäischen Union leben, ist mit Bestimmtheit nicht zu sagen. Schätzungen gehen von acht, über zehn, sogar bis 12 Millionen aus, was der Einwohnerzahl von Belgien, Griechenland, Tschechien oder Ungarn entspricht. Die Sinti und Roma sind zahlenmäßig mehr als genug, um ein eigenes Volk darzustellen und nicht nur eine nationale Minderheit, aber sie sind ein Volk ohne Land, seit Jahrhunderten schon. Ob die Sinti und Roma, deren Ursprung auf dem indischen Kontinent liegen soll, in ihrer Urheimat je ein eigenes abgegrenztes Territorium besaßen, ist nicht erforscht. Mit der Osterweiterung der Europäischen Union hat sich nicht nur der Anteil der Roma in der EU sprunghaft erhöht, denn Dreiviertel der rund 10 Millionen Roma leben in Ost- bzw. Südost-Europa, mit der Osterweiterung kommen Massenarmut, Rassismus und Diskriminierung als Probleme von zuvor nicht wahrgenommenem Ausmaß auf Brüssel und die EU-Mitgliedsstaaten zu. EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla gibt, wenn auch nicht gern zu, dass die gesamte EU das Roma-Problem überhaupt nicht auf dem Schirm hatte.

"Man hat sich mit dieser Situation nicht zu viel befasst, vielleicht kann man sagen, sogar, dass man sie unterschätzt hat. Sicher ist: Diese Millionen von Leuten leben in der extremen Armut und in wirklich unwürdigen Bedingungen. Für Roma ist es ganz klar, wenn sie ein Roma sind, das ist fast sicher, dass sie sind arm, eher extrem arm. Also das ist eine im ethischen Sinne, im sozialen Sinne und im politischen Sinne, unakzeptable Situation."

Laut einer Unicef-Studie über die Lage der Roma-Kinder in Südosteuropa und Deutschland werden 20 bis 40 Prozent der Roma-Kinder in Bulgarien, Rumänien oder der Slowakei nicht eingeschult, in Bosnien-Herzegowina gehen 80 Prozent nicht zum Unterricht. Roma-Flüchtlinge in Deutschland sind zum größten Teil nur geduldet, haben keinen sicheren Aufenthaltsstatus. Häufig werden die Flüchtlingskinder nicht zur Schule geschickt, damit Familien, die sich illegal in Deutschland aufhalten, nicht ausfindig gemacht werden können. Im Saarland haben geduldete Flüchtlingskinder kein Recht, die Schule zu besuchen, in Baden-Württemberg und Hessen, ebenfalls CDU-regiert, unterliegen sie nicht der Schulpflicht, bemängelt Unicef.

Weiter notiert die Studie des Kinderhilfswerkes, dass hunderttausende Roma und Sinti in Ghettos leben, in der Regel am Rande von Ortschaften, nicht selten in der Nähe von Müllkippen, in Hütten ohne Toiletten und Bäder, in Elendsvierteln, wie man sie aus den Entwicklungsländern kennt. EU-Sozial-Kommissar, Vladimir Spidla, beschreibt die Situation der Roma in seinem Heimatland Tschechien:

"Die Roma in der Tschechischen Republik, leider Gottes sind auch gettoisiert. Sie sind aber im Vergleich mit anderen gut gebildet, weil ungefähr 90 Prozent haben wirklich eine Bildung. Das ist eine spezifische Situation, es gibt die schlechten Viertel und gewissermaßen städtischen Gettos, aber es gibt nicht die Dörfer, wie zum Beispiel in Ost-Slowakei oder manchmal in Rumänien oder in Bulgarien."

Die EU-Kommission wie auch Europa-Parlamentarier nehmen sich endlich gesondert der Probleme dieser EU-Bürger an, obwohl streng betrachtet jedes einzelne Mitgliedsland selbst dafür verantwortlich ist, und erörterten sie mit Roma-Vertretern gemeinsam auf einer erstmals einberufenen EU-Roma-Konferenz diese Woche, die Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso eröffnete.

"Die Roma sind seit dem Mittelalter Teil Europas. Diese größte ethnische Gruppe Europas ist extrem arm, sozial ausgeschlossen und diskriminiert. Die Bedingungen, unter denen sie leben, deren Zahl in die Millionen geht, ist nicht akzeptabel im Europa des 21. Jahrhundert."

Die kommunistischen Regierungen im ehemaligen Ostblock waren bestrebt, die Roma als Minderheit verschwinden zu lassen. Sie wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen, zum Schulbesuch verpflichtet, erfuhren dennoch weiter fortwährende Diskriminierung. Florin Cioaba, der König der Kalderasch, der Kupferschmiede - vertritt die größte Gruppe der rumänischen Zigeuner, wie sie sich selbst nennen. Sein Vater, Ioan Cioaba war von 1964 an Großer Bulibasse der Roma, 1992 fand seine Krönung in Costesti statt. Cioaba galt während der Ceausescu-Herrschaft bis Ende 1989 als einer der wenigen Roma-Vertreter, dem der Diktator Gehör schenkte, obwohl es die Roma als nationale Minderheit in Rumänien offiziell gar nicht gab. Sein Sohn, Florin Cioaba, ist seit 1997 König. Ein König ohne Land und als Vizepräsident des Weltverbandes der Roma eher eine Art Außenminister und politisches Sprachrohr der Roma in Rumänien. Er vergleicht die Situation seiner Landsleute vor und nach dem Fall des eisernen Vorhangs:

"Uns geht es in zweifacher Hinsicht jetzt besser: In der kommunistischen Zeit, während der Ceausescu-Diktatur hatten die Roma keinerlei politische Vertretung gehabt. Sozial allerdings waren die Roma besser gestellt. Nach 1990 wurden wir anerkannt als Minderheit, wir bekamen eine Fernsehsendung, Zeitungen, gründeten mehr als 250 politische und andere Organisationen, uns vertritt ein Roma-Abgeordneter im Parlament. Heute haben viele keinen Arbeitsplatz, leben unter desaströsen Bedingungen, ohne jeden sozialen Schutz. Deshalb suchen viele Roma jetzt ihr Glück jenseits unserer Grenzen, in Frankreich, Spanien oder Italien, wo sie sehr stark diskriminiert werden. Wie in Italien. Wir haben an den Vorsitzenden der EU-Kommission Barroso und den Vorsitzenden des Europäischen Parlaments appelliert, einzugreifen gegen die katastrophale Diskriminierung der Roma in Italien."

Deutschland erwägt, die Freizügigkeitsregelung für zwei weitere Jahre auszusetzen, also bis zum Jahr 2011 den Bürgern aus den neuen EU-Beitrittsländern keine volle Bewegungsfreiheit zu gewähren, um den hiesigen Arbeitsmarkt vor unqualifizierten, billigen Arbeitskräften zu schützen. Betroffen sind davon vor allem Bürger aus Rumänien und Bulgarien. Also Bürger zweiter Klasse - wie König Cioaba bitter konstatiert. Victoria Mohacsi und Livia Jaroka, beide Ungarinnen, sind im Europäischen Parlament die einzigen Roma-Abgeordneten. Ganze zwei von insgesamt 785 Parlamentariern, die noch dazu als Zielscheibe von Vorurteilen und sogar Hasstiraden herhalten müssen, die sich so mancher EU-Abgeordneter nicht verkneifen mag. Ein bulgarischer ultranationalistisch gesonnenen Kollege schleuderte Livia Jaroka ins Gesicht, in seinem Land gäbe es viel hübschere Zigeunerinnen, die könne man sogar kaufen für 5000 Euro das "Stück". Die 33jährige zierliche Victoria Mohacsi mochte sich schon als Kind mit der alltäglichen Diskriminierung der Roma nicht abfinden. Von Beruf Journalistin ging sie in die Politik, weil sie als TV-Moderatorin für die Roma nicht genug bewegen konnte.

"In der Grundschule musste ich mit meinen Schwestern und Verwandten in der letzten Reihe in der Klasse sitzen. Es galt die Regel, dass wer am Schuljahresende gute Noten hatte, im nächsten Jahr eine Reihe vorrücken durfte. Obwohl ich immer die besten Noten hatte, war es mir nie möglich, eine Reihe vorzurücken. Mich macht das ärgerlich, wenn Leute es für normal halten, dass Menschen mit dunkler Haut nicht vorrücken dürfen."

Wie damals die Schule empört sie jetzt die ihrer Meinung nach ungerechte und ungesetzliche Registrierung aller Roma in Italien, bei der sogar Kinder mit ihren Fingerabdrücken erfasst werden sollten.

"Das erinnert mich an den Holocaust. So etwas erzählten meine Eltern, deren Familien und Freunde nach Auschwitz deportiert wurden, und von denen viele nicht zurückgekommen sind. Mein Vater wurde nur verschont, weil er sich vor Angst, dass man ihm in die Schläfe schießt, in die Hose machte. Die Soldaten lachten ihn aus, ließen ihn aber am Leben. Ich bin argwöhnisch gegen jede Art von Dokument, das nach der Ethnie fragt, der Religionszugehörigkeit und anderen Angaben, die für die Kriminalitätsbekämpfung nicht gebraucht werden."

Die EU-Abgeordnete Victoria Mohacsi lässt sich auf eine Rangfolge, in welchem Land die Situation der Roma am schlechtesten ist, nicht ein. Sie konstatiert, dass Roma in allen Ländern in die Gruppe mit der höchsten Arbeitslosigkeit fallen, dass sie wegen ihrer Armut und des beschränkten Zugangs zum Gesundheitswesen eine um 15 Jahre geringere Lebenserwartung haben. Und dass, unabhängig davon, ob eine Roma-Familie in Portugal lebt oder in Ungarn - die Diskriminierung die gleiche ist. Auf der Roma-Konferenz in Brüssel zitiert Eu-Kommissionschef Barroso aus einer Studie, die die Einstellung der Mehrheitsgesellschaften erforscht hat. Freilich bedarf es kaum exakter Messungen angesichts der massiven Vorurteile gegen das sogenannte fahrende Volk.

"77 Prozent der Europäer denken, dass es ein Nachteil in unserer Gesellschaft ist, ein Roma zu sein."

Und auf die Frage "Würden Sie sich mit einem Roma als Nachbarn wohl fühlen?" antwortete angeblich jeder vierte deutsche Bundesbürger mit 'Nein'. In Italien und Tschechien tat das sogar jeder zweite. Für Victoria Mohacsi sind derartige Ergebnisse immer wieder aufs neue niederschmetternd.

"Im ersten Moment, wenn man solchen Umfragen liest, ist man schockiert. Fünf Minuten später ist man wütend, wenn man sich dann aber wieder beruhigt hat, muss man die große Kraft nutzen, die man in sich spürt. Sich nach solch schlechten Neuigkeiten zu Hause zu vergraben, führt zu Depressionen! Und es gibt so viele Roma, die unter solchen Depressionen leiden."

Viktoria Mohacsi, ungarische Abgeordnete der Liberalen Fraktion, stammt aus einer Roma-Familie. (AP Archiv)Viktoria Mohacsi, ungarische Abgeordnete der Liberalen Fraktion, stammt aus einer Roma-Familie. (AP Archiv)Roma müssen sich des Pauschalurteils erwehren, ein Volk von Landstreichern, Dieben, Betrügern, Bettlern, Menschenhändlern zu sein. Am gnädigsten schaut man noch auf die Wahrsagerinnen. Wenn anderen Kriminellen als solche erst bezeichnet werden dürfen, wenn sie verurteilt wurden, genügt bei den Roma offenbar ihr Ruf. Immer wieder erfährt die EU-Parlamentsabgeordnete Victoria Mohasci in ihrer Heimat Ungarn Demütigungen, die sie einzig auf die Zugehörigkeit zu ihrer Ethnie zurückführt.

"Ich habe mir einen Mercedes gekauft. Das kommt in der Roma-Gemeinschaft nicht so häufig vor. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht von einem Polizisten gestoppt und von ihm gefragt werde, woher ich dieses teure Auto habe."

Dass Ausgrenzung und Armut der Roma ein Erbe aus der Zeit des Kommunismus sind, in dem die Integration trotz der postulierten Gleichheit der Menschen nicht gelang, bestreitet sie wie auch EU-Kommissar Spidla. Als Historiker hat er sich mit der Situation der Roma in Tschechien, seinem Heimatland, befasst:

"Ich sage nicht, dass diese Politik der Kommunisten war eine richtige Politik, aber trotzdem, das Problem ist nicht mit der Politik, mit dem Kommunismus direkt verknüpft. Kommunismus ist seit langem weg und die Probleme sind immer da, und die Probleme sind in ganz Europa, also auch in den Ländern wo Kommunismus niemals war. Ich kenne die Vorschriften zum Beispiel von Anfang des 18. Jahrhunderts, wo es Pflicht war, sogar die Kinder töten, wenn die Roma kommen. Also, diese Geschichte der Unterdrückung und komplizierten Verhältnissen hat eine sehr lange Vorgeschichte."

Im 14. Jahrhundert kamen die ersten Sinti und Roma in Europa an, von Beginn an wurden die Fremden verfolgt und getötet. In Rumänien - eine Besonderheit - wurden sie mehrere Jahrhunderte hindurch auch versklavt. Trotz der Schulpflicht im Sozialismus sahen Roma häufig allerdings keine Dringlichkeit, sich mit Bildung bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verschaffen, denn irgendwie sicherte jeder sein Auskommen. Didi Radu heute noch als ein echter Kalderasch. Das ist ein Kupferschmied. Er stammt aus Sibiu. Eine heftige Diskussion hebt an, als sie in der Familie erklären wollen, wie die Roma, aber nicht nur sie, zu Zeiten der Ceausescu-Diktatur dachten, wo alle einen Arbeitsplatz hatten, aber nicht immer erschienen, weil die Löhne ausblieben.

"Dann hast du den Betrieb bestohlen, um zu überleben. Das machten keineswegs nur Roma, sondern alle, anders ging es nicht."

275 Millionen Euro hat die Europäische Union zwischen dem Jahr 2000 und 2006 für die Verbesserung der Lage der Roma ausgegeben. Im Kreis Sibiu in Transsilvanien, das wegen der deutschsprachigen Minderheit auch Hermannstadt bzw. Siebenbürgen heißt, in dieser zentral gelegenen Region Rumäniens, zielen die meisten EU-Projekte auf verbesserte Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche ab. Hermine Jinga, eine pensionierte Pädagogin, die der deutschsprachigen Minderheit angehört, lockt die Kinder ihres Dorfes zur Hausaufgabenbetreuung nach der Schule stets mit einem Mittagessen in das ehemalige Pfarrhaus von Reußdörfchen, einem Ort, in dem früher die Rumänien-Deutschen in der Mehrheit waren und wo heute vor allem Roma-Familien leben.

"Es kommen 35 Kinder, sie kommen mit großer Freude, sie schlucken das, dass man jeden Tag Hausaufgaben machen muss. Sie sind so lieb, wenn man sie sieht, fragt man sich: Welche Schuld haben diese Kinder, welches ist ihre Schuld, dass sie in so einem Milieu geboren sind. Ihnen muss man helfen. Wir geben das warme Mittagessen, kräftiges warmes Mittagessen, denn einige brauchen es dringend."

Manche Roma-Familien sind so arm, dass die Kinder auch sonntags zum Essen ins Pfarrhaus kommen, selbst wenn dann keine Hausaufgabenhilfe stattfindet. So nötig das Angebot gebraucht wird, so fraglich ist dennoch seine Zukunft, denn Brüssel kommt nach zwei Jahren Unterstützung für die Finanzierung nicht mehr auf. So will die EU Druck ausüben, dass sich nationale Förderer finden. Zudem versucht sie dem Eindruck entgegenzuwirken, dass bei ihren Hilfsprojekten nach Ethnien unterschieden wird, weil das neue Spannungen produzieren könnte. Im Multinationalitätenstaat Rumänien beispielsweise gelten auch viele Ungarn, Deutsche und Rumänen als bedürftig. Die Chefredakteurin der Hermannstädter Zeitung, Beatrice Ungar, selbst Vertreterin einer viel kleineren Minderheit, der deutschsprachigen, mit einem Beispiel.

"Wir hatten ein Projekt - 'Essen auf Rädern' - das kommt allen zugute, die über 75 sind und unter einem gewissen Level mit der Rente sind und keine Angehörigen haben."

500.000 Roma allein in Rumänien, so die Schätzungen der Romaverbände, haben beispielsweise keine Ausweispapiere. Sunhild Galter, die, bevor sie am Germanistiklehrstuhl der Hochschule Hermannstadt unterrichtete, 15 Jahre lang Lehrerin auch in einer sehr kleinen Dorfschule war, hat erlebt, dass Roma-Kinder nicht einmal eine Geburtsurkunde besaßen und damit offiziell nicht existierten.

"Ich habe auch Mütter gehabt, die dann in die Schule kommen und nur eine Bestätigung wollten, dass das Kind die Schule besucht. Dann fragte ich, in welcher Klasse das Kind sei, damit ich es in Matrikeln finde. Dann sagt sie, na, ich weiß nicht, aber. Wie alt ist es? Na, so etwa acht, neun, zehn. Sag ich, ja wann ist es geboren? Na, damals, als es so stark geregnet hat."

Die Roma-Poetin Luminita Cioaba will ihrem Volk, das überall auf der Welt seine Sprache Romanes spricht, nicht mehr nur literarische Stimme sein. Sie will ganz praktisch helfen, nicht zuletzt, weil die Lyrik allein sie nicht ernährt. Im Auftrag der EU steht sie ihren Landsleuten jetzt zur Seite, wenn sie ihre Personalausweise bei den Behörden beantragen. Nicht immer wenden sich die Betroffenen an sie, so dass sie nicht selten zuerst tätig wird und die Kinder sucht, um über sie an die Eltern zu kommen. Manchmal eine Aufgabe wie für einen Detektiv.

"Ich bin in die Klasse reingegangen und habe gefragt: Welches Kind spricht Romanes, wer kann mich verstehen? Und da sagte ein Junge: Ich kann es, Tante."

Viele Roma befürchten, dass die Erfassung ihres Grund und Bodens der erste Schritt zur Vertreibung ist, wie sie sie so häufig in ihrer Geschichte schon erlebt haben. Dabei wird damit das genaue Gegenteil bezweckt: Die Vermessung wie auch der Eintrag ins Katasteramt soll dem Schutz der Roma dienen, damit sie schwarz auf weiß nachweisen können, dass ihr Haus ihnen gehört. Haben die Roma ihr Misstrauen erst abgelegt, sind sie auch zur Mitarbeit bereit. Matthias Bottesch, der Kreisratsvorsitzende von Sibiu/Hermannstadt.

"Weil man vor 1989, in der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der politischen Wende, nicht genau genug vorgegangen ist, wenn man Bauflächen zugeteilt hat in kommunistischer Zeit, da hat man sie bauen lassen, ohne das die Eigentumsfrage richtig geklärt worden wäre. Im Allgemeinen möchten die Roma das schon geklärt haben. Meiner Kenntnis nach ist das ihnen wichtiger als den Steuern zu entgehen."

Das Brüssler Kalkül erklärt sich einfach: Wer sein Haus registrieren lässt, zieht nicht mehr so einfach fort, in den Westen, sondern schlägt vielleicht irgendwann doch einmal Wurzeln. Für EU-Kommissar Vladimir Spidla ist die Verbesserung des Lebens der Roma ein Gradmesser für die Leistungsfähigkeit der Europäischen Union, für ihren Humanismus. Die gegenwärtige Lage der Roma, so der EU-Kommissar, sei allerdings geeignet, die Europäische Union zu demoralisieren.

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