Mittwoch, 28. Februar 2024

Archiv

Leben nach dem Tsunami
Ökosysteme noch nicht stabil

Der Tsunami, der am 11. März 2011 den Norden Japans traf, tötete mehr als 20.000 Menschen, vernichtete Dörfer und zerstörte das Kernkraftwerk von Fukushima. Seine Zerstörungskraft war immens - auch im Meer. Deshalb untersuchen japanische Wissenschaftler seit 2011, was die Riesenwellen angerichtet haben. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union stellen sie erste Ergebnisse vor.

Von Dagmar Röhrlich | 17.04.2015
    Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
    Die Zerstörungskraft des Tsunamis 2011 in Japan war enorm. (dpa / picture alliance / Kimimasa Mayama)
    Für die Fischer war das Meer vor der Küste Tohokus fast schon so etwas wie ein Schlaraffenland: Die Fänge waren reich, denn das Gebiet gehörte zu den produktivsten überhaupt - bis zum 11. März 2011. Da zerstörte der Tsunami die Ökosysteme vor der Küste:
    "Der Tsunami riss beispielsweise die meisten der Seegraswiesen und Seetangfelder samt ihren Bewohnern in die Tiefsee: Fische, Seegurken und Muscheln - alles war schlagartig verschwunden. Nach dem Tsunami war der Meeresboden entlang der Küste wie leergefegt." erzählt Hiroshi Kitazato von der japanischen Meeresforschungsorganisation Jamstec. Im Jahr darauf begann das Leben zurückzukehren: Noch bevor sich die Seegraswiesen erholt hatten, entdeckten die Forscher die ersten Fische.
    "Als nächstes fanden wir wieder Seegurken und alles, was laufen kann, wie etwa Krabben und anschließend die langsam kriechenden Organismen wie die Abalone-Schnecken. Jetzt, im vierten Jahr nach dem Tsunami, sind Seegras und Seetang nachgewachsen. Allerdings sind diese Ökosysteme noch nicht stabil, denn die Pflanzenfresser üben einen hohen Druck aus und können sie immer noch kahlfressen."
    Regelrechte Schuttteppiche auf dem Meeresboden
    Auch in der Tiefsee hinterließ der Tsunami seine Spuren - allerdings andere. So hat sich schwerer Schutt wie versunkene Fischerboote oder die Überreste von Häusern am Meeresboden angesammelt. Die Sonare der Forscher verraten auch, dass sich in tiefen Canyons regelrechte Schuttteppiche gebildet haben:
    "Diese Trümmer werden zu so etwas wie "Fisch-Apartments", in denen Tiefseefische und Krebse leben und die sie unter anderem als Kinderstube nutzen. Wir sehen, wie sich dort neue Ökosysteme entwickeln. Allerdings haben die Trümmerteppiche auch den Lebensraum derjenigen Tiefseebewohner unter sich begraben, die sich auf die sandigen Böden der Canyons spezialisiert hatten. Diesen Arten schaden sie also."
    Insgesamt betrachtet profitieren jedoch die Tiefseeökosysteme von dem Tsunami:
    "Das Meeresgebiet vor Tohoku war überfischt. Weil seit dem Tsunami vor allem die Fischerei mit Grundschleppnetzen jedoch stark zurückgegangen ist, konnten sich die Bestände erholen: Schon im ersten Jahr nach dem Tsunami hatte sich die Fisch-Biomasse verdoppelt."
    Entwicklung der Ökosysteme beobachten
    Deshalb raten die Meeresforscher den Fischern, künftig die Canyons als Schutzraum für die Fische und Krebse zu meiden: Das würde sich schon bald durch bessere Fänge auszahlen. Überhaupt dienen die Messungen der Jamstec-Wissenschaftler auch dazu, der Fischerei wieder eine wirtschaftliche Grundlage zu geben:
    "Wir kartieren mit dem Sonar die Schuttverteilung am Meeresboden und geben die Daten an die Fischer weiter. Sie bergen, was möglich ist, denn dieser Schutt ist schlecht für die Trawler: Er zerstört die Netze."
    Auf zehn Jahre ist das Programm ausgelegt, mit dem die Forscher die Entwicklung der Ökosysteme beobachten wollen. Dabei wollen sie sich auf einige Canyonsysteme konzentrieren und auf drei Buchten, die stellvertretend für Hunderte andere stehen:
    "Wir arbeiten nun seit vier Jahren dort und sehen inzwischen, dass sich die Gebiete erholen. Allerdings werden derzeit entlang der Küste große Seewälle errichtet, die die Menschen vor den Tsunami schützen sollen. Diese Bauarbeiten greifen tief in die Ökosysteme ein und überlappen sich mit den Erholungstendenzen."
    Derzeit lasse sich nicht sagen, wann sich die Natur im Tohoku-Gebiet wieder stabilisiert haben wird, schließt Hiroshi Kitazato.