
In Deutschland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr gut drei Prozent der Menschen im Alter zwischen 16 und 74 Jahren noch nie im Internet. Für Menschen ab 75 Jahren lagen keine Vergleichsdaten vor. Über-80-Jährige sind laut anderen Studien aber noch seltener online aktiv. Bei den 45- bis 64-Jährigen hatten laut Statistikamt drei Prozent keine Online-Erfahrung. Bei den 25- bis 44-Jährigen war es ein Prozent.
„Wenn ich mein Leben wie vor 30 Jahren lebe und dann am Samstag meinen Windows-Desktop einmal hochfahre, meine E-Mails checke und ihn dann wieder runterfahre – dann zähle ich in der Statistik als Onliner“, erklärt Moritz Büchi, Medienwissenschaftler an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Gelegentlich mal etwas zu googlen heißt aber nicht, dass man an den vielen Möglichkeiten der digitalen Welt teilhat.
Zu den über zwei Millionen Nie-Nutzern kommen also weitere, die das Internet kaum nutzen. Die jährliche Studie „D21-Digital-Index“ spricht von zehn Millionen Menschen, die der Online-Welt möglichst aus dem Weg gehen.
Statistik: Wer sind die Offliner in Deutschland?
Bianca Reisdorf, Kommunikationswissenschaftlerin an der University of North Carolina in Charlotte, forscht dazu, wer das Internet aus welchen Gründen nicht nutzt. „Das ist eine ganz große, bunte Gruppe. Es sind hauptsächlich die Gesellschaftsgruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind.“ Das bedeutet: Menschen mit einem niedrigen oder gar keinem Einkommen, die sich Endgeräte oder einen Anschluss nicht leisten können. Auch Wohnungs- und Obdachlose sind betroffen sowie Menschen, denen digitale Kompetenzen fehlen und die niemanden kennen, der ihnen hilft. Angst vor möglichen Gefahren sei zudem ein häufiger Grund für eine Abstinenz sowie schlicht mangelndes Interesse. Eine weitere große Rolle spielen laut Umfragen Bedenken über die Privatsphäre. Denn wer seine Daten nicht mit US-Firmen teilen möchte, kann Social-Media-Plattformen praktisch nicht nutzen.
Dabei seien die Offliner keine verschwindende Randgruppe, vielmehr befänden wir uns in einer Sättigungsphase der Technologie, sagt Moritz Büchi. Die Prozentzahlen seien zwar klein, die absoluten Zahlen der Betroffenen aber groß. Dass irgendwann einmal einhundert Prozent der Bürgerinnen und Bürger das Internet nutzen werden, hält Büchi für unrealistisch.
Digitale Tiefenspaltung: Wenn das Offline-Sein teuer wird
„Nicht-Nutzer und Wenig-Nutzer haben oft Probleme, Zeit und Geld zu sparen“, sagt Bianca Reisdorf. Beispiele sind: Spartickets für Verkehrsmittel, die nur online zu kaufen sind oder gebührenpflichtige Banküberweisungen in der Filiale gegenüber kostenfreien Online-Transaktionen. Oft wird es auch schwieriger, mitzureden, wenn gesellschaftliche Debatten weitgehend online ausgetragen werden. „Und wenn es um soziale Kontakte geht, ist es natürlich grundsätzlich eine sehr wertvolle Technologie, bei der man potenziell Nachteile hat, wenn man ausgeschlossen ist“, sagt Moritz Büchi. Das gelte auch für das Arbeitsleben.
Soziale Ungleichheit überträgt sich also auch in die digitale Welt, und Nachteile in den Digitalkompetenzen können wiederum auf die soziale Situation zurückwirken. In der Forschung spricht man von einer Tiefenspaltung, „weil die Kluft quasi schmaler, aber dafür tiefer wird“, sagt Büchi. Sprich: Das Offline-Sein betrifft weniger Leute als früher – aber diejenigen, die es betrifft, trifft es stärker, weil die Welt um sie herum immer digitaler wird.
„Und entsprechend sind die potenziellen Nachteile auch weitreichender.“ Bianca Reisdorf ergänzt, die Technologie schreite immer weiter voran. So schraube sich die Technologiespirale immer weiter hoch und die Spaltung werde immer größer.
Gesellschaftliche Teilhabe: Was die Politik für Offliner tut
Das Internet ist aus den meisten Lebensbereichen nicht mehr wegzudenken. Umso wichtiger wird die Frage nach der gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen, die es nicht nutzen. In der Politik ist das Problem bekannt, sagt Ellen Stock von der SPD. Sie leitet den Ausschuss für Bauen, Wohnen und Digitalisierung im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Die Politik setze auf den Ausbau digitaler Angebote. Ellen Stock betont, Offliner würden dabei aber mitgedacht. Natürlich sei in jedem Rathaus, Straßenverkehrsamt und Bürgeramt noch jemand da. "Aber es ist immer mit Aufwand verbunden", sagt sie. Offliner hätten es heute durchaus schwieriger, so Ellen Stock.
Analoge Alternativen dürften auch vor diesem Hintergrund immer wieder diskutiert werden. Denn eins ist klar: Digitalisierung ist oft einfach günstiger, im privaten wie öffentlichen Bereich. Laut einer Studie, die im Auftrag des Digitalverbands Bitkom durchgeführt wurde, zeigen sich in Deutschland auch Seniorinnen und Senioren zunehmend aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien. 80 Prozent dr Befragten forderten dabei, mehr berücksichtigt zu werden, zum Beispiel durch einfache Online-Angebote oder Schulungen. Mehr als 65 Prozent forderten außerdem mehr Tempo bei der Digitalisierung.
Den deutschen Behörden wird nachgesagt, sie hätten hier großen Nachholbedarf. Doch droht jetzt der Eifer im Digitalen mit einer Vernachlässigung der analogen Angebote einherzugehen? Nein, sagt Ellen Stock. Digitalisierung: Sie habe manchmal den Eindruck, dass erst digitalisiert und dann geschaut werde, was man damit machen könne. Sondern es wird erst digitalisiert und dann geguckt, was können wir damit machen.“
Gibt es ein Recht auf analoges Leben?
Deutschlands Offliner-Quote liegt leicht unter dem EU-Schnitt von vier Prozent. In Portugal war nach Angaben der EU-Statistikbehörde jeder Zehnte noch nie im Internet. In Ländern wie Irland, Schweden oder den Niederlanden war es weniger als ein Prozent. Im Mai haben in einer Petition des Vereins „Digitalcourage“ 70.000 Menschen gefordert, dass ein analoges Leben in Deutschland möglich bleiben und gar zum Grundrecht werden soll. Der Verein verschreibt sich dem Schutz von Daten und Rechten in der digitalen Welt.
Die Digitalisierung betreffe längst alle Lebensbereiche. Umso wichtiger sei es, Menschen ernst zu nehmen, die durch digitale Produkte ausgeschlossen würden, heißt es von der Organisation. Als Beispiele nennen die Initiatoren Fahrkarten, die nur per App verfügbar sind und Arzt- oder Behördentermine, die nur online vereinbart werden können.
Lange Zeit habe die Politik nicht erkannt, dass die Digitalisierung auch Menschen ausschließe, sagt Thilo Weichert, Co-Vorsitzender von Digitalcourage. Bundestagsabgeordnete mehrerer Parteien hätten die Petition aber mit großer Gesprächsbereitschaft entgegengenommen. Der Funke sei zwar übergesprungen, so Weichert. Ausreichend sei das aber noch lange nicht, da viele existenzrelevante Angebote digital seien.
Was folgt daraus?
Medienwissenschaftler Moritz Büchi nennt die Internetnutzung eine Basiskulturkompetenz, vergleichbar mit dem Lesen und Schreiben. Gleichzeitig plädiert er dafür, nicht nur auf die Nutzerinnen und Nutzer zu schauen – sondern auch auf das große Ganze. Er erinnert an die Aufbruchsjahre der 1990er- und 2000er, in denen das Internet ein Hoffnungsträger war: für breite Teilhabe, für freien Zugang zu Informationen und für eine Technologie, die Menschen miteinander verbindet.
„Und jetzt sprechen wir eher davon, dass Social Media direkt zu Autokratien führt. Und das sind beides relativ stark technikdeterministische Sichtweisen.“ Sprich: Es wird so getan, als fielen Technologien vom Himmel und seien dann unveränderbar. Mit anderen Worten: Die digitale Welt könne so gestaltet werden, dass sich mehr Menschen in ihr zurechtfinden und wohlfühlen - von einfachen Online-Formularen bis zu Social-Media-Algorithmen. Das könne der digitalen Tiefenspaltung entgegenwirken.












