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Lebende Legende

Nelson Mandela wurde am 11. Februar 1990 nach 27 Jahren Haft entlassen. Vier Jahre später wurde er zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt. Was macht diesen Menschen so außergewöhnlich? Fragen, die Richard Stengel, der seit 2006 Chefredakteur des Time Magazine ist, in seinem Buch zu beantworten versucht.

Von Birgit Morgenrath | 07.06.2010

    Nelson Mandela ist die "moderne Inkarnation des archetypischen Helden" schreibt Richard Stengel, vergleichbar mit einem Messias wie Jesus, Buddha oder Mohamed. Umso erfreulicher ist es, dass der Autor diesen vermeintlichen Übermenschen in seinem Buch ein wenig entzaubert, kleine Charakterschwächen enthüllt und ihn dadurch menschlicher macht. Gleich zu Beginn erzählt Stengel zum Beispiel, dass Mandela seinen Kindern ein "viktorianisch-afrikanischer Vater" war – eher ein Patriarch und wenig einfühlsam. Er beschreibt seine Sturheit, seine Eitelkeiten, ja seine Anfälligkeit, so wörtlich, "für Schmeichelei, Glamour und Reichtum".

    Es kommt auch vor, dass er ein Versprechen nicht einhält. Ernsthaftigkeit und Bescheidenheit sind Tugenden, die er öffentlich vertritt, aber nicht unbedingt privat lebt. Er hat menschliche Gelüste, die er nicht versteckt aber nach Möglichkeit beherrscht. Er ist nicht etwa ein großartiger Mensch, weil er keine Fehler hätte, sondern weil er über seine Fehler triumphiert.

    Richard Stengel lässt auch nicht unerwähnt, wie Nelson Mandela sich selbst als Symbol inszeniert und dass seine Großzügigkeit – etwa sein Vergeben und Vergessen gegenüber den Weißen und ihrer Apartheid – manchmal nur "Show" gewesen, ja, dass das berühmte Lächeln inzwischen zur Maske erstarrt ist. Mit der Schilderung dieser Unzulänglichkeiten will der Biograf aber keineswegs die Person Mandela und dessen historische Bedeutung herabsetzen. Er stellt sie in den Zusammenhang eines außerordentlichen Lebens, er sucht und findet die Ursprünge dieser Verhaltensweisen.
    Die "Feuerprobe" in Mandelas Leben, so Stengel, waren die 27 Jahre Gefängnis. Der ehemals leidenschaftliche, zornige Jungaktivist wurde mit 46 Jahren hinter Gitter gesperrt und lernte dort

    Selbstkontrolle, Disziplin und Konzentration, die Eigenschaften, die er als wichtigste Führungsqualitäten erachtet.

    Er lernte, seine Gefühle zu verbergen. Auch unter entwürdigenden Haftbedingungen zwang sich der hochgewachsene Mann, seine stets majestätische Haltung zu bewahren. Diese Zeit hinterließ tiefe Spuren. In seinen Gesprächen mit Stengel erzählt Mandela immer wieder von seinen Ängsten – vor der lebenslangen Haft, vor den Prügeln durch die brutalen Wärter, später dann, Anfang der 90er-Jahre, vor einem möglichen Bürgerkrieg in Südafrika. Aber er überwindet seine Angst. Stengel fasst diese Lebensregel zusammen.

    Keine Angst zu haben ist pure Dummheit. Mut bedeutet, sich von der Angst nicht unterkriegen zu lassen.

    Und wenn es nicht anders geht, kann man auch erst mal eine mutige Fassade aufbauen:

    Tu so, als wärst du mutig, dann wirst du nicht nur mutig werden, sondern du bist es bereits.

    Im Gefängnis wird aus dem Heißsporn Mandela, der in seinen frühen Jahren ungeduldig zum bewaffneten Kampf aufgerufen hatte, ein idealistischer Pragmatiker. Er verliert nie sein Ziel aus dem Auge, so Richard Stengel, macht aber auch bewusst Umwege, um weiter zu kommen, und sei es nur ein Stück. Mandela lernt die "Führung von vorn", wie Stengel sie nennt. Er ergreift Initiative und geht Risiken ein. Die größten und gefährlichsten waren seine Geheimverhandlungen, die er als Gefangener 1985 mit dem Apartheidregime aufnahm – ohne jede Rücksprache mit seiner Organisation, dem ANC und gegen das bis dahin geltende Prinzip der Bewegung, zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall mit den Unterdrückern zu verhandeln. Ein eindrückliches Kapitel im Leben des Nelson Mandela, das im Buch mehrfach auftaucht.

    Er ging das Risiko ein, als Verräter gebrandmarkt oder in seiner eigenen Bewegung zum Außenseiter gestempelt zu werden, ja, er riskierte, das Land in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Doch er wusste, dass er handeln musste.

    Aber Mandela beherrscht auch die Führung aus dem Hintergrund, erzählt Richard Stengel. Das habe er schon in seiner Kindheit bei seinem Onkel, einem König der Thembu gelernt. Afrikanische Oberhäupter müssen ihrer demokratischen Tradition zufolge ihr Volk zu Wort kommen lassen, oft tagelang, und dann einen Konsens herstellen. Stengel zitiert Nelson Mandelas Erfahrung:

    Es ist klüger, die Menschen zu überzeugen und ihnen das Gefühl zu geben, es sei ihre eigene Idee gewesen.

    So bewegt sich das Leben des Zitat "aristokratischen Revolutionärs" zwischen hehren politischen Zielen und Kalkül. Mandela sieht zwar grundsätzlich das Gute in seinem Gegenüber – und hat damit seine Mitkämpfer zuweilen brüskiert, wenn er Apartheidpolitikern mit Wohlwollen begegnete. Aber auch das war, sagt Richard Stengel, nicht nur tiefste Überzeugung sondern auch überlegtes Vorgehen.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand von seiner besten Seite zeigt, wächst, wenn man ihm oder ihr etwas zutraut.

    Und die Liebe? Die versetzt Berge. Einfühlsam schildert Stengel den Leidensweg des Romantikers Mandela von seiner großen, idealisierten Liebe Winnie, die ihn nach seiner Freilassung schwer enttäuschte, bis zu Graca Machel. Mit 73 Jahren begann er, die Witwe des ehemaligen mosambikanischen Präsidenten zu umwerben. Mit ihr wurde er schlussendlich glücklich.

    Man mag den Lebenshilfe–Ansatz des Autors – Mandelas Weg als Beispiel für jedermann - fragwürdig finden, ebenso wie die Aussage, Obama sei Mandelas Nachfolger auf der Weltbühne. Aber Richard Stengel hat in jedem Fall eine höchst interessante Analyse geschrieben, die stets die Balance hält zwischen der Ehrfurcht, die auch er gegenüber Mandela empfindet, und differenzierter, wahrhaftiger Beobachtung. Richard Stengel ist es tatsächlich gelungen, die Weisheit dieses Lebens zu erfassen und dem Leser nahe zu bringen.

    Richard Stengel: "Mandelas Weg. Liebe, Mut, Verantwortung. Die Weisheit des Lebens". C. Bertelsmann. 256 Seiten, 17,95 Euro, ISBN: 978-3570100486