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Lebensmittelsicherheit im Handel

Hätte man vor 50 Jahren jemanden gefragt, was unter "Lebensmittelsicherheit" zu verstehen ist, so hätte man wahrscheinlich die Antwort erhalten: "dass man stets genug zu essen hat." Heute, in Zeiten von preiswertem Überfluss, sieht man das anders: Lebensmittel sollen keine Krankheiten übertragen und verursachen, dazu werden noch in diesem Jahr in Deutschland und Europa eigens Behörden für Lebensmittelsicherheit gegründet. Das zielt vor allem auf die Landwirtschaft und die Lebensmittelindustrie. Welche Rolle aber spielt der Handel dabei?

von Michael Schlag |
    Jeder Kunde könne doch sofort sein Lebensmittelgeschäft wechseln, wenn er nicht zufrieden ist. Allein daraus ergebe sich schon das größte Interesse des Handels, nur sichere Lebensmittel zu verkaufen, sagt Wolfram Schmuck, Pressesprecher von REWE in Köln. Was aber ist mit den Billigangeboten bei Lebensmitteln? Lässt sich hier ein Sicherheitsstandard überhaupt halten? Wolfram Schmuck:

    Also, der Preis kann an und für sich auf die Sicherheit eines Lebensmittels keinen Einfluss haben. Er hat Einfluss auf das Qualitätsniveau. Aber die Lebensmittel müssen doch allen unseren strengen, gesetzlichen Vorschriften entsprechen, so dass der Verbraucher hier in Deutschland keine Lebensmittel an für sich kaufen kann, die ihn in seiner Gesundheit in irgend einer Weise gefährden könnten.

    Entscheidend für den Preis der Lebensmittel sind nämlich nicht die Rohstoffe, sondern Verarbeitung, Transport und Vermarktung. Teuer gleich sicher, billig gleich riskant - das treffe tatsächlich nicht zu, sagt auch die Verbraucherzentrale in Frankfurt, verweist aber auf die Vorzüge von Bio-Kost. Christiane Schäfer von der Verbraucherzentrale:

    Bio-Lebensmittel sind nicht grundsätzlich sicherer als konventionell erzeugte Lebensmittel, denn die Vorschriften der Lebensmittelüberwachung gelten für alle Lebensmittel. Aber in bestimmten Bereichen bergen Bio-Lebensmittel ein geringeres Risiko. In Punkto BSE ganz einfach weil im Bio-Landbau niemals Tiermehl verfüttert wurde. In Punkto Pestizid-Belastung zum Beispiel, weil im Bio-Landbau keine künstlichen Pestizide gespritzt werden. Man kann es aber nicht generell auf die Sicherheit ausdehnen, es betrifft nur einzelne Punkte.

    Was Sicherheit betrifft, stehe der Handel dennoch in der Verantwortung, teurere Biokost, die mögliche Risiken vermeiden könne, offensiver anzubieten als bisher und stärker zu bewerben. Das tun wir ja längst, sagt Wolfram Schmuck von REWE, Öko-Produkte gehörten heute in jedes Lebensmittelsortiment. Und beim Fleisch verweist er auf die Herkunftskontrolle. Hier bedeute Sicherheit, dass man kein anonymes Fleisch verkauft. Die Wahlfreiheit aber müsse immer bestehen bleiben.

    Wir dürfen den Verbraucher ja nicht außen vor lassen bei allem, denn er trifft letztendlich die Entscheidung, was er einkauft. Unsere Aufgabe ist es, ihm ein möglichst breites Angebot zu zeigen und er hat auszuwählen. Aber unsere Aufgabe ist es, das Angebot deutlich zu kennzeichnen. Der Verbraucher muss wissen was er bekommt.

    Lebensmittelsicherheit ist aus dieser Sicht eine persönliche Entscheidung, und jeder hat die Möglichkeit, im Angebot das Passende zu finden. Schon richtig, dass jeder frei wählen soll, sagt die Verbraucherzentrale, aber bis heute fehle eben der einheitliche Standard, nach dem man sich ein sicheres Urteil bilden kann. Christiane Schäfer:

    Dazu ist es einmal wichtig, dass die Preise auch die Wahrheit sagen. Das ist momentan nicht so. Ich kann als Verbraucher nicht aus dem Preis eines Lebensmittels auf die Qualität schließen. Ich kann die Herkunft der Rohstoffe nicht nachvollziehen. Ich weiß zum Beispiel nicht, woher das Rindfleisch in den Ravioli kommt. Und deswegen ist es mir schlicht und ergreifend einfach nicht möglich, nach neutralen Kriterien Lebensmittel auszuwählen, die ich bewusst kaufen will.

    Und während der Handel seine Hausaufgaben längst als erledigt ansieht, fordert die Verbraucherzentrale bessere und verständlichere Kennzeichnungen, und darüber hinaus eine landwirtschaftliche Subventionspolitik, die die Qualität in den Vordergrund stellt, und nicht die Massenproduktion.