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Lebensräume
Vom Aussterben der großen Pflanzenfresser

In der Wildnis wird die Anzahl von Elefanten, Giraffen, Nashörnern und vielen anderen Arten immer kleiner. Ein Team von Wissenschaftlern hat nun im Magazin "Science Advances" eine Bestandsaufnahme vorgestellt. Und das Ergebnis ist niederschmetternd.

Von Tomma Schröder | 04.05.2015

Ein wild lebendes Breitmaulnashorn mit Jungtier im Imfolozi Nationalpark (Südafrika)
Knapp 60 Prozent der großen Pflanzenfresser sind akut vom Aussterben bedroht. (picture alliance / Jürgen Hein)
"Ich war unterwegs in einem großen Wildpark und hörte plötzlich ein lautes Donnern. Hinter dem Hügel sah ich dann eine rennende Herde von Bisons. Das ist schon aufregend, wenn man hört, wie laut das ist!"
Dass William Ripple diese bis zu einer Tonne schweren Tieren überhaupt noch beobachten konnte, ist einem Schutzprogramm und einer guten Portion Glück zu verdanken. War das Amerikanische Bison zum Ende des 19. Jahrhunderts doch nahezu ausgestorben. Heute gehört es zu der Minderheit unter den großen Pflanzenfressern, die als ungefährdet gelten, weiß der Biologe von der Oregon State University. Er hat gemeinsam mit vielen anderen Wissenschaftlern eine Art Bestandsaufnahme gemacht und alle 74 Arten der großen Pflanzenfresser, die mehr als 100 Kilogramm wiegen, auf ihre Gefährdung hin untersucht. Das Ergebnis ist alarmierend: 44 Arten, also knapp 60 Prozent der Tiere sind akut vom Aussterben bedroht.
"Wir dachten zunächst, dass dies vor allem auf den Verlust von Lebensräumen zurückzuführen ist. Das ist auch ein wichtiger Faktor, aber die Jagd hat einen noch größeren Einfluss. Indem die Menschen das Fleisch essen oder Körperteile verkaufen, vernichten sie die Pflanzenfresser also ganz direkt."
Knapp 60 Prozent der Tiere sind akut vom Aussterben bedroht
Und es sieht erst einmal nicht danach aus, dass dieses Vernichten ein Ende haben könnte. Mit der wachsenden Bevölkerung steigt auch die Nachfrage nach Fleisch und nach Nutzflächen für die Landwirtschaft, die wiederum den Lebensraum für Wildtiere weiter verringern. Gibt es hier keine Kehrtwende, so schreiben die Wissenschaftler, werden wir bald "leere Landschaften" haben.
"Wir müssen auch an die Leistungen denken, die die Tiere für das Ökosystem erbringen. Jedes Tier übernimmt bestimmte Rollen im Ökosystem, und einige dieser Rollen lernen wir gerade erst kennen."
Schließlich können auch die großen Raubtiere ohne die Pflanzenfresser nicht überleben, viele Strauch- und Baumarten könnten ihre Samen nicht mehr über große Flächen verteilen. Die Landschaften würden sich für viele andere Tiere zum Nachteil verändern, und sogar die Intensität und Häufigkeit von Waldbränden würde steigen, wie die Wissenschaftler schreiben.
Auch die reichen Länder in die Pflicht nehmen
Die Entwicklungsländer Afrikas und Asiens, in denen fast alle bedrohten Tierarten leben, müssten also auch ein eigenes Interesse am Schutz der Pflanzenfresser haben. Doch wenn der Kilogrammpreis für das Horn eines Nashorns höher ist als der für Diamanten, Gold oder Kokain, ist ein effizienter Schutz vor illegalen Jägern oft schwer umzusetzen. Hier sehen die Wissenschaftler auch den Rest der Welt in der Pflicht.
"Die reichen Länder müssen dabei helfen, diese Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Die Entwicklungsländer brauchen diese Hilfe. Und weil Sie ja in einem dieser reicheren Länder leben, dachte ich, es wäre gut, das zu erwähnen."
Vielleicht, so die Hoffnung, gelingt dann bei vielen bedrohten Tieren Ähnliches wie beim amerikanischen Bison vor gut hundert Jahren. Ansonsten haben wir sie wirklich bald: die leeren Landschaften.]