Bildung
Lehrkräfte im Teufelskreis: Hoher Krankenstand sorgt für weitere Krankmeldungen

An immer mehr Schulen in Deutschland fällt immer häufiger der Unterricht aus. Die jüngste Statistik aus Nordrhein-Westfalen zeigt, dass im vergangenen Schuljahr fast fünf Prozent des Unterrichts ersatzlos ausgefallen sind. Hauptgrund ist der Personalmangel - und der hat seinen Grund auch in den vielen Krankmeldungen von Lehrkräften.

10.04.2024
    Baden-Württemberg, Stuttgart: Gerhard Brand, Bundesvorsitzender des Verband Bildung und Erziehung (VBE), nimmt an einer Pressekonferenz im Bürger- und Medienzentrum des Landtags von Baden-Württemberg teil.
    Gerhard Brand, Bundesvorsitzender Verband Bildung und Erziehung (VBE). (Marijan Murat/dpa)
    Es ist ein Teufelskreis: Je mehr Lehrer sich krankmelden, desto größer wird die Arbeitsbelastung für die noch verbliebenen Lehrkräfte - und damit steigt für sie das Risiko, ebenfalls zu erkranken, sei es psychisch oder physisch. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) betont, dass dieses Phänomen nicht auf NRW beschränkt ist. In einer aktuellen Umfrage wurde dem VBE von 60 Prozent der Schulleitungen aus ganz Deutschland zurückgemeldet, dass die Zahl der Krankentage bei Lehrkräften zugenommen hat. Gleichzeitig haben immer weniger Schulen die Möglichkeit, ihren Lehrerinnen und Lehrern Entlastung zukommen zu lassen, sagte Verbandspräsident Brand im Deutschlandfunk. Noch vor fünf Jahren hätten 40 Prozent der Schulleitungen angegeben, sie könnten ihrem Personal gesundheitlich helfen, bei der jüngsten Erhebung sank dieser Wert auf 24 Prozent. Und es liegt dabei noch nicht einmal an fehlendem Geld: "Der Markt ist leergefegt", beklagte Brand.

    Vorbeugen statt Krankmelden

    Der Lehrerberuf ist nach Aussage des VBE-Präsidenten ein "anspruchsvoller Beruf". Neben der Unterrichtsvorbereitung müssten Lehrerinnen und Lehrer sich immer wieder auf neue Schülergruppen einstellen, oft schwierige Elterngespräche führen oder sich mit disziplinarischen Problemen in den Klassen beschäftigen. Es habe sich bewährt, den Lehrkräften durch Supervision eine Möglichkeit zu geben, ihre Belastungen loszuwerden oder zumindest darüber reden zu können. Früher habe es viele Angebote in diese Richtung gegeben, die Zahl sei jedoch deutlich zurückgegangen, bedauerte Brand.
    Auch sogenannte Gesundheitskräfte hält Brand für eine gute Idee. Die kümmern sich zum einen um die Gesundheit des Lehrpersonals, zum anderen aber auch um medizinische Versorgung von Schülern. Nicht jede Schule müsse eine eigene Gesundheitsfachkraft haben, wohl aber müsse jede Schule auf eine zurückgreifen können. Außerdem schlägt Brand "multiprofessionelle Teams" vor, in denen die Lehrer durch Sozialpädagogen oder Erziehungswissenschaftler unterstützt werden, sodass sie sich auf ihr Kerngebiet der Wissensvermittlung konzentrieren können und sich nicht so viel mit disziplinarischen und sonstigen Störungen des Unterrichts beschäftigen müssen.

    Bessere Rahmenbedingungen für mehr Attraktivität

    Ein weiteres Problem ist der Mangel an Nachwuchs. Zwar sei es gut, dass Lehrer als "Botschafter" in weiterführenden Schulen Werbung für den Lehrerberuf machten, aber noch wichtiger sei es, die Studierenden an den Universitäten besser zu unterstützen. Die Abbrecherquote im Lehramtsstudium liege bei mehr als 30 Prozent, beklagte Brand. Helfen könnten mehr Angebote für Kinderbetreuung, Beratungsangebote bei wirtschaftlichen Problemen oder Tutorien für Studierende, die mit dem Lernpensum Probleme haben.

    Keine Lehrer, kein Angebot

    Manche Bundesländer rekrutierten zwar Pensionäre oder Lehramtsstudentinnen, um Löcher in der Unterrichtsversorgung zu stopfen, aber das sei nur der Not geschuldet, betonte Brand. Er forderte, man müsse sich "ehrlich machen": Wenn nicht genügend Kapazitäten vorhanden seien, müsse man Abstriche im Angebot machen. Als Beispiele nannte er den Ausbau des Ganztagsunterrichts, der einen hohen Lehrbedarf nach sich ziehe. Eine Aufweichung der Zulassungsbeschränkungen zum Lehramt lehnte Brand als Ausweg aus der Personalmisere jedoch ab. Allerdings sei es richtig, gut qualifizierte Kräfte aus dem Ausland schneller ins deutsche Schulsystem zu integrieren.
    Diese Nachricht wurde am 09.04.2024 im Programm Deutschlandfunk gesendet.