Sonntag, 14. August 2022

Archiv


Leichtathletik am Scheideweg

Fernsehübertragungen von Sportereignissen sind ein lukratives Geschäft, bei dem die Ausstrahlungsrechte oft an den meistbietenden Sender vergeben werden. Noch ist unklar, ob die öffentlich-rechtlichen Sender den Zuschlag für Leichtathletik-WM bekommen.

Von Heinz Peter Kreuzer | 01.01.2011

    Die Leichtathletik steht vor einer Zerreißprobe. So sind die Fernsehübertragungen von den Weltmeisterschaften im Spätsommer 2011 im südkoreanischen Daegu gefährdet, weil die öffentlich-rechtlichen Sender nicht die geforderten Preise bezahlen wollen. Auch sportlich muss in Deutschland noch viel getan werden in der olympischen Kernsportart Nummer eins.

    In der heutigen Zeit kann der Sportfan nur hoffen, dass er die olympische Kernsportart auf dem Bildschirm sehen kann. Der Sportbusiness-Experte Hartmut Zastrow, Vorstand bei Sport+Markt, zählt Deutschland noch zu den führenden Leichtathletik-Nationen, da die Quoten und das Interesse im weltweiten Vergleich noch sehr hoch sei. Aber:

    "Wenn man aber natürlich an die goldenen Zeiten in den 70er und 80er Jahren denkt, sie hat immer weniger Einschaltquoten, sie hat immer weniger Zuschauer, sie bekommt immer weniger Fernsehgelder, immer weniger Sendezeiten, insofern ist das, was mit der Leichtathletik passiert, natürlich schon ein schleichender Niedergang."

    Aktuellstes Beispiel: ARD und ZDF feilschen mit dem Sportrechtehändler IEC um die Höhe der Rechtekosten für die Weltmeisterschaften im August dieses Jahres im südkoreanischen Daegu. Das schwedische Unternehmen verkauft die Fernsehrechte im Auftrag des Weltverbandes IAAF. Günther Lohre, Vize-Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes DLV, hat auf der einen Seite Verständnis für die öffentlich-rechtlichen Sender, die beim Einkauf von Sportrechten sparen wollen:

    "Auf der anderen Seite sehe ich aber, das man für ein Fußball-Länderspiel sechs Millionen ausgibt und für die Leichtathletik, die nun eine Woche hochattraktives Programm anbietet und auch hohe Reichweiten wie man in diesem Jahr in Barcelona wieder gesehen hat, die möchte man für den selben betrag haben. Also, da stimmt was nicht. Und das empfinde ich schon als unfair."

    Lohre sieht aber auch die hohen Kosten für eine Übertragung als Problem:

    "Ich brauche viele Kameras, die Produktionskosten sind hoch. Das ist beim Boxen einfacher und vielen anderen Sportarten. Vom Preis-Leistungs-Verhältnis her ist die Leichtathletik ein teures Programm."

    Ein weiterer Grund ist der derzeit herrschende Krieg auf dem Sportrechtemarkt. Der französische Konzern Lagardére, zu dem auch IEC gehört, peilt die weltweite Marktführerschaft an und will vor allem die Europäische Rundfunk-Union EBU verdrängen. Als Vereinigung der öffentlich-rechtlichen Sender hatte die EBU in der Vergangenheit die Rechte im Paket für seine Mitglieder eingekauft. Jetzt müssen alle mit IEC verhandeln, die mit 80 Millionen Euro einen laut Branchenexperten überhöhten Preis für die WM-Rechte gezahlt haben. Die Preisvorstellungen von IEC will niemand zahlen, in Großbritannien überträgt beispielsweise der private Sender Channel 4 statt der BBC. In Deutschland gibt es außer dem Spartenkanal "Sport 1" jedoch keinen Interessenten für die Übertragung der Weltmeisterschaften aus Daegu, aber der dürfte nicht über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen.
    Ein anderer Aspekt ist die momentane sportliche Qualität der deutschen Leichtathletik. Von den jüngsten Erfolgen der deutschen Sportler bei den Europameisterschaften lässt sich Lohre nicht blenden:

    "Wir haben wenige wirkliche Top-Athleten. die international erfolgreich sind, außer im Wurf, da sind wir stark, da sind wir traditionell gut. Und im Laufen und im Springen versuchen wir das aufzuholen."

    Ein anderer Wettbewerbsnachteil sei der vom DLV und seinen Athleten propagierte "saubere Sport." Dopingfälle wie zum Beispiel der aktuelle Skandal in Spanien würden auch Deutschland belasten:

    "Ich bin der Überzeugung, das hat extrem geschadet. Und jeder Dopingfall, ob das in Spanien ist oder sonst wo, schadet natürlich auch der deutschen Leichtathletik. Weil die Leichtathletik ist einfach international. Wir haben in vielen Disziplinen hervorragende junge Athleten, wir haben in vielen Disziplinen ausgezeichnete Talente, und wir sind entschlossen, diese Talente nach vorne zu bringen. Ich bin auch überzeugt davon, dass wir mit diesem Team, was wir jetzt haben, was sich in Ansätzen auch schon in Barcelona gezeigt hat, auch international erfolgreich sein werden."

    Bei der EM freuten sich alle über eine Europameisterin, die 100 m-Titelträgerin Verena Sailer. Aber der Abstand zur Weltelite ist noch sehr groß, wie Sailers Auftritte bei Meetings später in der Saison bewiesen. Und Deutschlands Vorzeigeathletin, die Hochspringerin Ariane Friedrich, hat einen Achillessehnenriss, für die WM in Südkorea wird sie ausfallen.
    Bei diesen Perspektiven sehen viele Leute düstere Aussichten für die olympische Kernsportart. Günther Lohre:

    "Natürlich hat die Leichtathletik es schwer in Zeiten, wo die Menschen glauben, man könnte ohne Arbeit erfolgreich sein. Das ist schwer für die Leichtathletik. Die Leichtathletik bietet eben kein Instant fun, sondern Leichtathletik ist hartes Training, das ist Geduld, das ist Engagement, das ist Kampf, und das sind die eher schwierigen Aufgaben, die ein Athlet zu lösen hat. Und es fällt einem nichts zu."

    Mit diesen Werten werde die Leichtathletik ihre Krise überwinden:

    "Ich glaube, dass wir wieder zurückkommen auf diese Inhalte. Und das dann die Leichtathletik wieder einen Aufschwung erleben wird. Denn Entertainment und das Schnelllebige sehen wir jeden Tag. Und das ist eine Ausprägung, die mit Sport relativ wenig zu tun hat."