Dienstag, 24. Mai 2022

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Lenin im Schneewittchensarg

Jeder in Russland kennt Lenin - und schon viele Russen haben sich sein Mausoleum in Moskau angesehen. Für den "Sonntagsspaziergang" hat sich nun auch Thomas Franke zum Roten Platz aufgemacht.

Von Thomas Franke | 10.11.2013

Moskau, der rote Platz - heißt eigentlich schöner Platz Kopfsteinpflaster. Heiliger Ort der Sowjetunion. Einst Zentrum des Bösen. Die Sonne spiegelt sich im roten Marmor des Leninmausoleums. Lenins vorletzte Unruhe? Roter Backstein, rote Zinnen, Türme, Sowjetsterne: der Kreml. An der Kremlmauer steht eine lange Schlange. Besuchszeit bei Lenin. Tanja ist 25 Jahre alt, Chemikerin.

"Ich habe kein Interesse, in das Mausoleum zu gehen. Das berührt mich nicht. Ich will das gar nicht sehen. Vielleicht sollte ich, bevor er beerdigt wird. Nur aus Neugier, um meinen Enkelkindern irgendwann zu sagen, ich bin so alt, dass ich noch Lenin gesehen habe... Aber heute bin ich gar nicht neugierig. Ich war oft in Moskau. ich habe das Historische Museum und die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz besichtigt und andere interessante Sachen. Aber ich kam nie auf die Idee, dort hinein zu gehen."

Tanja hat, wie so viele, eine persönliche Geschichte mit Lenin:

"Alle Kinder lieben Lenin und die Geschichten, aus der Zeit, als er jung war. Das war noch in der Sowjetunion.""

Aus nahen Dörfern manches Kind
trifft Lenin auf den Wegen
zusammen sie recht fröhlich sind
spazieren gehen und reden

Auf seinen Wegen trifft er Kinder
Aus den nahen Dörfern
Mit Iljitsch sind sie immer froh
und gehen den ganzen Tag spazieren.


"Als Lenin ein kleiner Junge mit Locken war, lief auch er in Filzstiefelchen durch den Schnee. Meine Lehrer im Kindergarten gaben mir immer Gedichte, denn ich konnte mir die gut merken. Und die habe ich dann bei Festen vorgetragen, zum Beispiel zu Neujahr. Und einmal waren meine Eltern dabei, die die Sowjetunion so gar nicht gut fanden. Und ich habe dieses Gedicht über Lenin vorgetragen und meine Eltern dachten, oh nein, das ist unser Kind, redet all dieses dumme Zeug. Das ist die Geschichte von Lenin und mir."

Taschen und jede Art von Aufnahmegerät oder gar Kameras muss man abgeben. Dann geht es durch einen Metalldetektor, die Kremlmauer entlang. Vasili ist 25 Jahre alt, Mathematiker aus Sibirien:

"Ich habe großen Respekt vor Lenin. Bis heute kann man in vielen Wohnungen diese riesigen Bände mit seinen Werken finden, einige bewahren sie in ausgedienten Kühlschränken auf."

Grabplatten in der Wand. Dahinter die Asche der Revolutionäre und Helden: Georgi Schukow, der Marschall, der Berlin befreit hat, liegt hier ebenso wie William Dudley Haywood, der US-Gewerkschaftler, oder Clara Zetkin, die deutsche Politikerin und Frauenrechtlerin. 114 Urnengräber insgesamt.

"Da liegen ja nicht nur Verbrecher. Historisch gesehen. Da liegt Stalin. Im Mausoleum Lenin, aber außer ihnen auch noch Gagarin. Und Gagarin wird wohl niemand als Verbrecher bezeichnen. Er hat ja einen großen Sieg errungen, er war der erste Mensch im All, und er hat diesen Sieg für das Land und für die ganze Menschheit vollbracht. Er hat sich den Platz in der Kremlmauer verdient. Die Tatsache, dass diese Leute, also ihre Körper, die einbalsamierten, nach dem Tod dort bestattet wurden, symbolisiert, dass sie einen Platz in diesem staatlichen System hatten. Dass sie Teil dessen waren. Sie waren Schweiß und Blut der Sowjetunion. Die Kremlmauer trägt all die Verdienste unserer Helden in sich. Und wenn du auf den Roten Platz kommst, bist du bei ihnen."

Sperrgitter führen zum Eingang des Mausoleums. Im Eingang ein Soldat, große platte Mütze, ernster Blick: Der Besuch wird kein Spaß.

Mütze ab, Kaugummi raus, Hände aus den Taschen, nicht reden, nicht nebeneinander, nicht anhalten. Der Soldat weist mit der Hand nach links. Ein paar Stufen runter. Die Leiche liegt im Keller. Es ist schummrig. Frischhaltetemperatur. Der nächste Soldat. Er weist nach links. Da, der Schneewittchensarg. Indirekt ausgeleuchtet, Lenin, wie man ihn kennt: Spitzbart, Anzug, Krawatte, wächserner Teint.

Zeit, heb wieder Lenins Losung+
in den Wirbelwind!
Sollten wir an Tränenpfützen
trüb erschlaffen?

Lenin ist heut lebender,
als die am Leben sind.
Er verleiht uns
Wissen, Kraft und Waffen!


Seit fast 90 Jahren der gleiche Anblick – das Werk von Balsamikern. Die Wissenschaftler haben den Leichnam in den Jahren nach Lenins Tod mehrfach auseinander genommen. Besonders sein Gehirn. Akribisch suchten sie dort nach dem Schlüssel zum Kommunismus oder wenigstens nach einem Nachweis für das Genie des Revolutionsführers.

Wieder ein Soldat, ein paar Stufen hoch, und schon ist man wieder draußen. Dort die Nekropole an der Kremlmauer, der Ehrenfriedhof der Sowjetunion. Gräber von Massenmördern, geschmückt mit ihren Büsten: Stalin, Dserschinski, Breschnew, Andropow und Tschernenko. Zwölf Einzelgräber. 15 Gemeinschaftsgräber voller Bolschewiki.

"Sehr viele Leute hassen den Kommunismus, hassen alles, was damit verbunden ist, hassen Stalin, halten ihn für einen Mörder und ein Monster, ich denke so nicht. Ich meine, Stalin war eine Figur der Geschichte, eine nicht eindeutige Persönlichkeit, ein nicht eindeutiger Mensch. Und Lenin halte ich als Wissenschaftler einfach für einen guten Gelehrten, der eine ganze Theorie erarbeitet hat. ER ist ein Anhänger von Marx, von Engels."

Lenin wollte keinen Personenkult. Seine Familie wehrte sich gegen seine Einbalsamierung. Es war Stalin, der sich schließlich durchgesetzt hat. Er ließ zunächst einen hölzernen Verschlag um den Revolutionsführer errichten, später dann ein Holzhaus. Beerdigen oder nicht? Die russische Gesellschaft ist gespalten: Tanja, die Chemikerin:

"Ich glaube nicht, dass wir diesen alten Körper auf Russlands wichtigstem Platz aufbewahren sollten.
burying, ja. Sure."

Und Vasilij:

"Ich glaube nicht, dass das Begräbnis Lenins irgendetwas ändert. Mir scheint, wenn wir Lenin bestatten, dann wollen wir damit irgendwie der westlichen Gesellschaft gefallen. Die im Westen können das nicht verstehen, sie verurteilen das, und um sie zu beruhigen, bestatten wir ihn. Ich bin dagegen, aber nicht kategorisch."

Quer geht es zurück über den roten Platz, Taschen holen. Dann zur Metro: entweder Ploschatj Revoltij, Revolutionsplatz oder gleich zur Bibliotheka Imina Lenina, der Bibliothek benannt nach Lenin. Lenin lebt.